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29-01-2007 Alexander Litvinenko
Kurzer Prozess im Fall Litwinenko – Russland und Groβbrittanien schlieβen die Akte Polonium
Vor einer Woche, am 20. Januar, hieβ es in einem Bericht der «Times», britische Ermittler haben den Mann identifiziert, von dem sie annehmen, er habe den russischen Ex-Geheimagenten Alexander Litwinenko vergiftet. Der „große, sehr kräftig gebaute Mann Anfang 30“ sei bei seiner Einreise am Londoner Flughafen Heathrow von Überwachungskameras gefilmt worden.

Die Polizei hätte sich entschieden, das Filmmaterial nicht zu veröffentlichen. Der Gefilmte - mal Wladislaw, mal Walodja genannt - habe „schwarze Haare und ausgeprägte zentralasiatische Züge“, berichtete das Blatt.

Zu Beginn des gerade vergangenen Wochenendes war von dieser Nachricht nichts mehr zu lesen. Ganz im Gegenteil - nach Informationen der Zeitung "Guardian" lägen Scotland Yard genügend Beweise gegen Andrei Lugowoi vor, um bei der Staatsanwaltschaft ein Auslieferungsgesuch für den russischen Geschäftsmann einzureichen, berichtete die Zeitung am Freitag unter Berufung auf Regierungskreise. Mit diesem Antrag könne bereits im Februar gerechnet werden.

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Kurz danach teilte die Pressestelle von Scotland Yard mit, man wolle Medienberichte über die mögliche Auslieferung durch Russland nicht kommentieren, „weil die Untersuchung noch nicht abgeschlossen ist." Die russische Nachrichtenagentur „RIA Novosti“ interpretierte den Bericht des „Guardian“ dahingehend, dass London im Gegenzug den von Russland zur Fahndung ausgeschriebenen russischen Unternehmer Boris Beresowski ausliefern könnte.Umgehend fragte die Nachrichtenagentur ‚Rufo’, ob ein „Tausch Beresowski gegen Lugowoi“ in der Luft läge?

Dass die gegenseitigen Auslieferungsversuche keine Chance auf Realisierung besitzen, musste allen Beteiligten klar gewesen sein. Denn schon einmal hatte ein britisches Gericht derartige Forderungen der russischen Generalstaatsanwaltschaft als „politisch motiviert“ zurückgewiesen. Beresowski erwarte in Russland kein ‚faires Verfahren’ - eine Herausgabe Beresowskis an Russland verstößt gegen britische Gesetze.

Ganz in diesem Sinne versicherte inzwischen Russland durch die Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft, Natalia Fjodorowa, dass Artikel 61 der russischen Verfassung verbietet, russische Staatsbürger an ein anderes Land auszuliefern, wie die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete.

Von der Absurdität der Annahme eines bevorstehenden Tausches zeugt auch eine Nachricht der ‚Netzeitung’ vom lezten Dienstag. Unter Berufung auf einen Bericht der "Financial Times" hieβ es, das britische Innenministerium sei nicht bereit, Boris Beresowski und andere Exil-Russen in London durch russische Ermittler vernehmen zu lassen. Vorher hatte Moskau verkündet, man wolle weiteren Zeugenvernehmungen von Scotland Yard in Russland erst zustimmen, wenn russische Ermittler zuvor in Großbritannien Befragungen machen dürfen.

Immerhin hatte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika versprochen, dass die russischen Ermittler den Exil-Oligarchen nur wegen der Polonium-Affäre verhören würden. Beresowski hatte im Januar 2006 medienwirksam verkündet, er arbeite an dem Sturz der Regierung Putin. Verständlicher Weise musste Tschaika in diesem Fall Ermittelungen aufnehmen. Diese Interessen auβer acht lassend verkündeten die russischen Behörden am Samstag erneut, Lugowoi könne nicht im Austausch gegen den Kreml-Kritiker Boris Beresowski ausgeliefert werden.

Über die gegenseitigen Blockaden geradezu erleichtert lieβ Scotland Yard die britische Zeitung "Sunday Times" gestern mitteilen, man rechnete nicht mit einer Auslieferung des Ex-Agenten Andrei Lugowoi und des ebenfalls verdächtigten Geschäftsmannes Dimitri Kowtun. Großbritannien erwarte keinen Prozess gegen die beiden Hauptverdächtigen.

Britische Polizeibeamte hätten der Witwe Marina Litvinenko erklärt, sie zweifelten nicht an der Schuld der beiden und hätten auch genügend Beweise für eine Anklage. Sie hätten jedoch "keine andere Wahl als die Akte zu schließen, weil sie keine Chance auf eine Auslieferung der Verdächtigen sehen." Wundere, wen es wolle – dieses Gespräch soll laut ‚Sunday Times’ bereits vor 12 Tagen stattgefunden haben.

Angesichts der verwirrenden Nachrichten um den Fall Litwinenko ist es nicht erstaunlich, dass Wladislaw mit den ‚ausgeprägt zentralasiatischen’ Gesichtszügen aus der jüngsten Berichterstattung komplett verschwand. Durch die britische Entscheidung, dessen Filmaufnahmen vom Flughafen nicht zu veröffentlchen, hat Lugowoi gut Lachen. Er sagte der Nachrichtenagentur AP in Moskau, bei den britischen Vorwürfen gegen ihn handele es sich nur um «Lügen, Provokationen und Regierungspropaganda» aus Groβbritannien. Mit den Gerüchten wollten sie davon ablenken, dass sie nichts in der Hand hätten.

In der Hand hat Scotland Yard jetzt nur noch die Klärung, wie es dazu kommen konnte, dass die im Hotel Millennium gefundene Teekanne, in der eine sehr hohe Strahlung gemessen wurde, noch mehrere Wochen nach der Vergiftung Litwinenkos benutzt worden sei. Die eidgenössische Zeitung ‚Blick’ meldete am Samstag über den Fund der Teekanne - „Wichtige Fortschritte im Fall Litwinenko“. [ russland.RU ]