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25-11-2006 Alexander Litvinenko
Polizei ermittelt zu mutmaßlicher Vergiftung Litvinenkos - Politiker fordern Einschaltung des Europarates
Nach dem Tod des russischen Ex-Spions Alexander Litvinenko hat die britische Polizei am Samstag versucht nachzuvollziehen, wie der Putin-Kritiker vergiftet worden sein könnte. Litvinenko war am Donnerstagabend nach dreiwöchigem Überlebenskampf gestorben. Am Freitag hatten sich die Hinweise auf eine Vergiftung Litvinenkos durch radioaktives Material verdichtet.





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In Deutschland forderten Politiker, der Europarat solle sich in den Fall einschalten. Eine Menschenrechtlerin warf der EU vor, beim Umgang mit Russland demokratische Standards zu vernachlässigen.

Die Zeitung "Times" (Samstagsausgabe) berichtete, britische Geheimdienste gingen in ihren Ermittlungen aus, dass der mutmaßliche Giftanschlag die Spuren eines Mordes im staatlichen Auftrag trage. Das Blatt zitierte einen hohen Ministerialbeamten, es gebe erste Beweise, dass ausländische Agenten hinter der Tat stünden. Nach Angaben der Zeitung "Sun" gehen Polizei und Sicherheitsdienste davon aus, dass der Mörder Litvinenkos Essen in einer Sushi-Bar vergiftet hat. Der ehemalige Geheimagent hatte sich dort mit einem italienischen Informanten getroffen. "Sun" zitierte hohe Sicherheitskreise mit der Vermutung, dass eine vergiftete Flüssigkeit auf Litvinenkos Essen gesprüht worden sei.

Der Abschiedsbrief von Litvinenko
Zwei Tage vor seinem Tod setzte der ehemalige Geheimagent Alexander Litvinenko einen Abschiedsbrief auf, in dem er den russischen Präsidenten Wladimir Putin für seinen Tod verantwortlich machte.

Die wichtigsten Passagen desSchreibens:

"Während ich hier liege, höre ich in aller Deutlichkeit die Flügel des Todes. Möglicherweise kann ich ihm noch einmal entkommen, aber ich muss sagen, meine Beine sind nicht so schnell, wie ich es gerne hätte. Ich denke deshalb, dass es an der Zeit ist, ein oder zwei Dinge dem Menschen zu sagen, der für meinen jetzigen Zustand verantwortlich ist.

Sie (Putin) werden es vielleicht schaffen, mich zum Schweigen zu bringen, aber dieses Schweigen hat einen Preis. Sie haben sich als so barbarisch und rücksichtslos erwiesen, wie Ihre ärgsten Feinde es behauptet haben.

Sie haben gezeigt, dass Sie keine Achtung vor dem Leben, vor der Freiheit oder irgendeinem Wert der Zivilisation haben. Sie haben sich als Ihres Amtes unwürdig erwiesen, als unwürdig des Vertrauens der zivilisierten Männer und Frauen.

Sie werden es vielleicht schaffen, einen Mann zum Schweigen zu bringen. Aber der Protest aus aller Welt, Herr Putin, wird für den Rest des Lebens in Ihren Ohren nachhallen. Möge Gott Ihnen vergeben, was Sie getan haben, nicht nur mir angetan haben, sondern dem geliebten Russland und seinem Volk."


Die Zeitung "The Guardian" berichtete am Freitag, mehrere Ermittler hätten Zweifel daran, dass die russische Regierung hinter dem rätselhaften Tod stecke. Demnach geht die Polizei sogar der Möglichkeit nach, "dass er sich selbst vergiftet hat", vielleicht sogar, um den Kreml die Schuld dafür unterschieben zu können. Ein britischer Sicherheitsexperte, Glenmore Trenear-Harvey, zeigte sich im Gespräch mit der BBC auch skeptisch, was eine Vergiftung angehe: Die Gefahr für Russland sei "viel zu groß", dass die Beziehungen zu Großbritannien darunter leiden könnten.

London bittet Moskau um Hilfe bei Ermittlungen zu Litvinenko

Unterdessen bat Großbritannien Russland um Hilfe bei der Aufklärung des Todes Litvinenkos. Wie eine Sprecherin des britischen Außenministeriums am Freitag in London mitteilte, sprachen britische Regierungsvertreter mit dem russischen Botschafter über die Angelegenheit. Der Botschafter solle seiner Regierung die Bitte übermitteln, der britischen Polizei alle für die Ermittlungen nützlichen Informationen zur Verfügung zu stellen.

Putin verspricht Ermittlungshilfe zum Tod des Ex-FSB-Offiziers Litvinenko

Die russischen Ermittlungsbehörden bieten ihren britischen Kollegen Hilfe bei der Untersuchung der Umstände des Todes des Ex-Offiziers des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB Alexander Litvinenko an.

Dies teilte der russische Präsident Wladimir Putin am Freitag am Rande des Russland-EU-Gipfels in Helsinki mit. Er drückte die Hoffnung aus, dass die britischen Rechtsschutzorgane ihrer Verantwortung für die Sicherheit der in Großbritannien lebenden Menschen bewusst sind. "Das trifft auch auf die russischen Staatsbürger, unabhängig von deren politischen Überzeugungen, zu."

Britischer Sicherheitsrat wegen Litvinenko-Affäre zusammengekommen

Nach dem Gifttod des ehemaligen russischen Spions Alexander Litvinenko ist das höchste britische Sicherheitsgremium zusammengekommen. Das Sonderkomitee COBRA (Cabinet Office Briefing Room A) habe sich in der Angelegenheit beraten, bestätigte ein Regierungssprecher am Freitag in London, ohne Einzelheiten zu nennen. Dem COBRA-Komitee gehören der Innenminister, ranghohe Vertreter der Polizei sowie die Leiter der Geheimdienste an. Das Gremium war beispielsweise nach den Bombenanschlägen in London 2005 und Bekanntwerden der vereitelten Anschlagspläne auf Transatlantikflüge zusammengetreten.

Putin: Fall wird für "politische Provokation" genutzt

Der russische Präsident Wladimir Putin äußerte sein Bedauern, dass der Tod des ehemaligen FSB-Offiziers Alexander Litvinenko für politische Provokationen missbraucht wird. "Im Befund der britischen Ärzte gibt es keine Hinweise auf einen gewaltsamen Tod. Folglich gibt es keinen Gegenstand für Spekulationen", sagte Putin am Freitag auf einer Pressekonferenz in Helsinki.

bei russland.RU
Litvinenko angeblich durch radioaktive Substanz Polonium vergiftet
Nach dem Tod des ehemaligen russischen Spions Alexander Litvinenko haben sich die Hinweise auf eine Vergiftung durch radioaktives Material verdichtet. Im Urin des Verstorbenen seien "große Mengen" Alphastrahlung, "möglicherweise ausgelöst durch eine Substanz namens Polonium 210", gefunden worden, sagte der Strahlenexperte Roger Cox von der britischen Behörde für Gesundheitsschutz (HPA) am Freitag in London. ... mehr...


"Der Tod eines Menschen ist immer eine Tragödie", ergänzte der russische Präsident. Er hoffe, dass die britischen Ermittlungsbehörden dieses Ereignis nicht unbegründet zu einem politischen Skandal machen werden. Auf Litvinenkos Abschiedsbrief angesprochen, sagte Putin: "Wenn der Brief vor dem Tod geschrieben wurde, warum wurde er nicht sofort veröffentlicht? Wenn der Brief erst nach seinem Tod aufgetaucht ist, dann braucht man das nicht zu kommentieren."

Politiker: Europarat soll sich im Fall Litvinenko einschalten

Die Untersuchung des mysteriösen Todes des früheren russischen Geheimagenten Alexander Litvinenko in London ist nach Ansicht deutscher Politiker nicht allein eine Angelegenheit der britischen Behörden. Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, sagte der "Berliner Zeitung" (Samstagsausgabe): "Russland muss als Mitglied des Europarates selbst ein Interesse daran haben, dass solche Vorfälle schnell aufgeklärt werden, damit nicht falsche Spekulationen in Umlauf kommen." Der Mord an der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja und der mysteriöse Tod von Alexander Litvinenko in London "werfen kein gutes Licht auf die Situation von Presse- und Meinungsfreiheit in Russland", sagte Nooke.

Ähnlich sieht dies die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. "Der Europarat wird sich jetzt der Fälle Politkowskaja und Litvinenko anzunehmen haben", sagte die frühere Bundesjustizministerin der "Berliner Zeitung". Sie ist die Berichterstatterin für Russland im Europarat, der sich vor allem dem Schutz von Menschenrechten verschrieben hat. In einer ohnehin krisenhaften Situation werde durch beide Fälle ein aktuelles Schlaglicht auf das andere Russland geworfen, betonte Leutheusser-Schnarrenberger - jenes Russland, in dem die Menschenrechte keine Chance hätten, in dem Nicht-Regierungsorganisationen um ihre Neuzulassung kämpften und in dem in den letzten Jahren viele Journalisten ermordet worden seien.

Seit Jahren stehe Russland im kritischen Fokus von Berichterstattungen des Europarates. "Man kann für die Beziehungen der europäischen Staaten zu Russland nur hoffen, dass sich der böse Verdacht der staatlichen Einflussnahme in diesen Fällen nicht bestätigen wird", sagte sie. Zurückhaltender äußerte sich der Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russischen Beziehungen, Andreas Schockenhoff. Es müssten erst die Ermittlungen der britischen Polizei abgewartet werden, sagte er der "Berliner Zeitung": "Wenn in Großbritannien ein Verbrechen an einem britischen Bürger verübt worden ist, dann ist das eine Aufgabe für die britischen Behörden. Es ist gar nicht möglich, dass sich der Kreml von außen einschaltet." Der CDU-Politiker mahnte zur Zurückhaltung: "Wir dürfen Russland nicht unter Generalverdacht stellen."

Ähnlich äußerte sich der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke in der "Berliner Zeitung". Russland müsse als Mitglied des Europarates selbst ein Interesse daran haben, dass solche Vorfälle schnell aufgeklärt werden, "damit nicht falsche Spekulationen in Umlauf kommen."

Menschenrechtlerin: "Heimliche Komplizenschaft" der EU mit Putin

Die Menschenrechtlerin Anna Schor-Tschudnowskaja hat der EU in Zusammenhang mit dem Mord am Kreml-Kritiker Alexander Litvinenko vorgeworfen, beim Umgang mit Russland demokratische Standards zu vernachlässigen. Es gebe eine "zynische Handelsformel" unter dem Motto "Schweigen für Gas", schreibt Schor-Tschudnowskaja in der "Frankfurter Rundschau" (Samstagsausgabe). Sie warnt, in der russischen Zivilgesellschaft würden Stimmen lauter, "die von einer heimlichen, aber immer deutlicher zu Tage tretenden Komplizenschaft der westlichen politischen und wirtschaftlichen Eliten mit Putins Regime sprechen. Den früheren Demokratisierungsbemühungen Europas läuft dies klar zuwider."

Schor-Tschudnowskaja ist Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial.

Litvinenko hatte Russland mit Frau und Kind im Jahr 2000 verlassen. 2002 wurde er in Abwesenheit wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Litvinenko galt als eine Vertrauensperson des flüchtigen Oligarchen Boris Beresowski. Die britischen Behörden gewährten dem Ex-Agenten politisches Asyl und stellten ihm im Oktober 2006 den britischen Pass aus.

Litvinenko, einstmaliger Agent des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, hatte sich nach seinem Ausstieg zum erbitterten Kreml-Gegner gewandelt. Unter anderem untersuchte er den Tod der regierungskritischen Journalistin Anna Politkowskaja.