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29-11-2006 Alexander Litvinenko
Blair kündigt umfassende Ermittlungen im Fall Litvinenko an - FSB-Ex-Chef hält Beresowski für verdächtig
Der britische Premierminister Tony Blair hat eine umfassende Aufklärung des Todes des russischen Ex-Spions Alexander Litvinenko versprochen. "Es gibt keine diplomatische oder politische Barriere, die verhindern werden, dass diese Ermittlungen dorthin führen, wo sie hinführen müssen", sagte Blair am Dienstag nach einem Treffen mit seinem dänischen Kollegen Anders Fogh Rasmussen in Kopenhagen.





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Der Tod Litvinenkos sei eine "sehr, sehr ernste Sache", sagte Blair in seiner ersten öffentlichen Äußerung zum Fall des in London vergifteten ehemaligen Geheimdienstagenten. "Wir sind entschlossen herauszufinden, was genau passiert ist und wer dafür verantwortlich ist."

Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, den Litvinenko in einem Abschiedsbrief für seinen Tod verantwortlich gemacht hatte, habe er noch nicht über den Fall gesprochen, sagte Blair. Er werde dies aber zu einem "angemessenen" Zeitpunkt tun.

Litvinenkos Leiche soll nach Angaben der Gerichtsmedizin nun am Freitag obduziert werden. Das radioaktive Polonium 210 wurde bislang an fünf Orten in London gefunden. Fünf Menschen unterziehen sich radiologischen Tests. Unter ihnen ist auch der italienische Geheimdienstexperte Mario Scaramella, der Litvinenko am 1. November in einer Sushi-Bar getroffen hatte, wie Polizeikreise entsprechende Fernsehberichte bestätigten. Scaramella halte sich in London auf und stehe unter Polizeischutz.

Polizei findet Polonium-Spuren in Beresowski-Büro

Bei den Ermittlungen zum Tod des russischen Ex-Spions Alexander Litvinenko hat die britische Polizei Spuren der radioaktiven Substanz Polonium 210 im Büro des russischen Milliardärs Boris Beresowski gefunden. Der Stoff sei in einem Gebäude im Londoner Stadtteil Mayfair entdeckt worden, teilte Scotland Yard am Dienstag mit. Litvinenkos Sprecher Alexander Goldfarb bestätigte, dass es sich um das Büro Beresowksis handele. Dieser gilt wie Litvinenko als scharfer Kreml-Kritiker. Auch in einer Sicherheitsfirma in Mayfair fand die Polizei Spuren von Polonium, das im Urin des nach dreiwöchigem Todeskampf vergangene Woche gestorbenen Litvinenko nachgewiesen worden war.

Die Ermittler hatten Polonium-Spuren schon in einem Hotel und in einer Sushi-Bar gefunden, in denen Litvinenko am Tag seiner mutmaßlichen Vergiftung, dem 1. November, gewesen war. Litvinenkos Freund Alexander Goldfarb bestätigte, das fragliche Büro in der Down Street sei der Hauptsitz von Beresowski. Beresowski selbst, der Litvinenko nach seiner Erkrankung etliche Male im Krankenhaus besucht hatte, war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen.

Die Sicherheitsfirma Erinys in der Grosvenor Street wandte sich nach eigenen Angaben selber an die Polizei. Zuvor hatte die britische Gesundheitsbehörde alle Menschen aufgerufen sich zu melden, die sich an Orten aufgehalten hatten, an denen Litvinenko am 1. November war. Der Kreml-Gegner habe Erinys in einer Angelegenheit aufgesucht, die völlig ohne Bezug zu den Ermittlungen der Polizei stehe, hieß es in einer Stellungnahme der Firma. Kein Mitarbeiter weise bisher irgendwelche Krankheitssymptome auf. Nach Angaben des Behörden nutzten bislang mehr als 600 Anrufer eine Hotline, die wegen der Gefährlichkeit von Polonium 210 eingerichtet worden war. Das Risiko einer Verseuchung sei aber minimal.

Poloniumfund bei Beresowski zeugt von möglicher Beteiligung

Die Entdeckung von Teilchen des radioaktiven Stoffes Polonium-210 im Londoner Büro Boris Beresowskis kann von seiner Beteiligung am Tod des ehemaligen Mitarbeiters des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB) Alexander Litvinenko zeugen. Diese Meinung äußerte Nikolai Kowaljow, Vorsitzender des Staatsduma-Ausschusses für Angelegenheiten der Veteranen und FSB-Ex-Chef.

"Die Version über die Beteiligung Boris Beresowskis findet eine weitere Bestätigung", erklärte Kowaljow vor RIA Novosti. Ihm zufolge kann man bei einer Analyse der eingegangenen Informationen annehmen, dass Beresowski und Litvinenko eine Operation unter Anwendung von Polonium vorbereitet hatten.

"Das Endziel dieser Operation könnte das weitere Einjagen von Angst vor dem KGB (Komitee für Staatssicherheit) und das Streben sein, zu zeigen, dass Russland von ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern regiert wird", sagte der Abgeordnete. "Zum Ziel des Transports von Polonium nach London konnte eine Anschuldigung werden, dass sich Russland vorbereitet, England mit radioaktiven Substanzen zu überfallen. Nicht mehr und nicht weniger", sagte Kowaljow.

Er erklärte, dass ein solcher Stil von Provokationen Beresowski immanent sei, und dieser beginne, sich in seinen Szenarien zu wiederholen. Der ehemalige FSB-Chef sagte weiter, dass Beresowski, wenn er am Skandal mit Litvinenko beteiligt sei, für seine persönliche Sicherheit schon gesorgt habe und sich unbedingt ein Alibi verschaffen werde. Das Schweigen Beresowskis bezeichnete Kowaljow als indirekte Bestätigung seiner Vermutungen.

"Er schweigt. Folglich bereitet er sich auf irgendeine Pressekonferenz vor, auf der er sagen wird, dass er erwartet habe, dass Polonium-Spuren in seinem Büro gefunden würden. Und er wird lautstark verkünden, dass Geheimdienste versucht haben, auch ihn zu töten", sagte Kowaljow.

Auf die vermutlichen Ursachen des Todes von Litvinenko eingehend, nannte der FSB-Ex-Chef einige Varianten. Eine davon sei die unvorsichtige Handhabung des Containers, in dem Polonium-210 transportiert wurde, durch Litvinenko.

Er schloss auch nicht aus, dass Litvinenko von Beresowski speziell vergiftet wurde. "Ich schließe nicht aus, dass es auch eine zielgerichtete Einwirkung auf Litvinenko gab. Vielleicht bereitete sich Boris Beresowski vor, mit einem ‚Streich sieben Fliegen zu töten'", sagte Kowaljow.

Am Montag wurden Spuren von Polonium-210 auch in dem Gebäude entdeckt, wo sich das Londoner Büro Beresowskis befindet.

Der Geschäftsmann kommentiert diese Nachricht nicht. "Ich gebe keine Kommentare ab, bevor Scotland Yard diese Untersuchung nicht abgeschlossen hat", sagte Beresowski in einem Telefongespräch mit RIA-Novosti. "Mögen vorläufig andere kommentieren, und ich werde abwarten", fügte er hinzu.

Italienischer Kontaktmann von Ex-Spion lässt sich testen

Der italienische Geheimdienstexperte Mario Scaramella, der Litvinenko am 1. November in der Sushi-Bar getroffen hatte, hielt sich nach Informationen der Fernsehsender Sky News und BBC News 24 am Dienstag in London für medizinische Tests auf. Scaramella stehe unter Polizeischutz und solle auf Polonium untersucht werden. Die Londoner Polizei bestätigte die Berichte zunächst nicht. Erste Tests von Scaramella in Rom waren laut Medienberichten ohne Befund geblieben.

Scaramella wäre der fünfte Mensch, der vorsorglich getestet wird, um eine Vergiftung mit der seltenen radioaktiven Substanz auszuschließen. Der Journalist Graham Brough berichtete am Dienstag im britischen Massenblatt "Daily Mirror", er habe sich auf Polonium 210 testen lassen, weil er Scaramella bei einem Interview die Hand gegeben habe. Mit dem Ergebnis seines Tests sei in einigen Tagen zu rechnen.

Die russische Generalstaatsanwaltschaft erklärte sich bereit, Scotland Yard bei seinen Ermittlungen zu helfen. Bislang sei aber keine offizielle Anfrage der britischen Polizei eingegangen, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax einen Sprecher.

Litvinenko, der 2000 nach Großbritannien geflohen war und in diesem Oktober die britische Staatsbürgerschaft bekam, starb am 23. November abends im Universitätskrankenhaus in London. Es wurde vorläufig kein ärztliches Gutachten über die Ursachen seines Todes abgegeben.

Spezialisten der britischen Gesundheitsbehörde entdeckten an seinem Körper Spuren des radioaktiven Elements Polonium-210. Solche Spuren wurden dann auch an Orten gefunden, die Litvinenko am 1. November besucht hatte: im Restaurant Itsu und im Hotel Millennium im Zentrum von London sowie in seinem Haus im Stadtbezirk Muswell-Hill im Norden der britischen Hauptstadt.

Die offizielle Obduktion Litvinenkos ist für diesen Freitag vorgesehen.