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06-12-2006 Alexander Litvinenko
Russland schließt Auslieferungen aus - Scotland Yard ermittelt in Moskau
Britische Ermittler haben in Moskau mit der Untersuchung zum mysteriösen Todesfall des russischen Ex-Agenten Alexander Litvinenko begonnen. Die Beamten der Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard trafen am Dienstag mit Vertretern der Moskauer Staatsanwaltschaft zusammen.






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Diese bekräftigte in einer Erklärung ihr Interesse an einer objektiven Untersuchung des Falls. Die russischen Behörden schlossen allerdings die Auslieferung von Verdächtigen aus. Die italienische Polizei untersuchte nach Medienberichten die Wohn- und Büroräume des Litvinenko-Kontaktmannes Mario Scaramello und beschlagnahmte Unterlagen.

Mitarbeiter von Scotland Yard werden zur Zeugenvernehmung im Fall Litvinenko zugelassen

Nach einem Treffen mit den britischen Polizisten erklärte die russische Staatsanwaltschaft, beide Seiten hätten ihre Bereitschaft zu einer "professionellen und konstruktiven Zusammenarbeit" bekundet. Den Beamten aus London würden hoch qualifizierte Offiziere zur Seite gestellt.

"Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft werden dem Untersuchungsteam von Scotland Yard helfen", sagte der russische Generalstaatsanwalt Tschaika. Ihm zufolge werden die britischen Kollegen "von einem Dolmetscher betreut und zur Zeugenvernehmung in diesem Fall zugelassen".

Alle Verhöre im Fall Litvinenko nur von russischen Ermittlern zulässig

Der Generalstaatsanwalt betonte, die Zeugen würden von Mitarbeitern der russischen Generalstaatsanwaltschaft vorgeladen, die auch die Untersuchungshandlungen anstellen würden.

Verhöre bei Untersuchungem im Fall Litvinenko auf dem Territorium der Russischen Föderation werden die Ermittler der Generalstaatsanwaltschaft durchführen, erklärte der Generalstaatsanwalt Russlands Juri Tschaika.

"Wir können die operativen Untersuchungshandlungen nicht vornehmen, wenn ein Verbrechen auf dem Territorium eines anderen Staates begangen ist. Wir können einzelne Aufträge im Rahmen der Konvention über Rechtshilfe erfüllen", sagte Tschaika vor Journalisten. "Auf Russlands Territorium werden wir die Verhöre zum Fall durchführen", betonte der Generalstaatsanwalt.

Dies sei laut Tschaika bei einem Treffen des britischen Untersuchungsteams mit einem Stellvertreter des Generalstaatsanwaltes am Dienstag vereinbart worden.

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Die Seiten haben beim Treffen den Mechanismus der weiteren Zusammenarbeit in diesem Fall erörtert. Demgemäß werde die britische Seite unter anderem eine Reihe von Dokumenten bereitstellen, die für ihre Arbeit in Russland notwendig sei, so der Generalstaatsanwalt.

"Wir tun alles nur Mögliche, um bei den Ermittlungen zum Mord an Litvinenko zu helfen", sagte Taschaika am Dienstag vor Journalisten.

Laut dem Generalstaatsanwalt sei er nicht berechtigt, Details und den Verlauf der Untersuchung bekannt zu geben. "Ich habe nicht das Recht, über Details zu sprechen. Denn das Verbrechen wurde auf dem Territorium des Vereinigten Königreichs von Großbritannien begangen", sagte der Generalstaatsanwalt.

Der Sprecher der britischen Botschaft in Moskau sagte, die Polizisten würden so lange bleiben, bis der auf die russische Hauptstadt bezogene Teil der Untersuchung abgeschlossen sei. Er machte keine Angaben darüber, wen die Ermittler treffen würden. Die Affäre droht die russisch-britischen Beziehungen zu belasten.

Nach britischen und russischen Medienberichten wollen die britischen Beamten mit dem Geschäftsmann Andrej Lugowoj und seinen Geschäftspartnern Dmitri Kowtun und Wiatscheslaw Sokolenko sprechen. Die drei hatten Litvinenko am Tag seiner Vergiftung in einem Londoner Hotel getroffen. Lugowoj befand sich nach einem Bericht der Zeitung "Kommersant" zur Untersuchung im Krankenhaus. Ein Sprecher Lugowojs wollte sich zu dessen Aufenthaltsort gegenüber der Nachrichtenagentur AFP nicht äußern. In Lugowojs Privatflugzeug und seinem Londoner Hotelzimmer waren Spuren der radioaktiven Substanz Polonium 210 gefunden worden, mit der Litvinenko vergiftet worden war.

Russland schließt Auslieferungen aus

Die russischen Behörden haben die Auslieferung von Verdächtigen im mysteriösen Todesfall des russischen Ex-Agenten Alexander Litvinenko ausgeschlossen. "Falls (russische Bürger) abgeurteilt werden müssen, können wir dies in Russland machen", sagte der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika am Dienstag in Moskau. Auch dürften die britischen Ermittler keine russischen Staatsbürger in Russland festnehmen oder befragen. Bei möglichen Vernehmungen würden die Beamten der Anti-Terror-Abteilung von Scotland Yard einfach "anwesend sein".

Generalstaatsanwalt: In Russland kein Polonium verschwunden

Nach Angaben Tschaikas stammte das Polonium 210, das im Körper Litvinenkos gefunden worden war, höchstwahrscheinlich nicht aus Russland. "Bei uns ist kein Polonium verschwunden", sagte der Generalstaatsanwalt. Falls die britischen Ermittler glaubten, dass radioaktive Material russischen Ursprungs sei, sollten sie "Beweise dafür vorlegen."

"In Russland ist es unmöglich, das Polonium zu stehlen", erklärte Generalstaatsanwalt Juri Tschaika am Dienstag. Die bei Litvinenko festgestellte Polonium-Dosis sei so groß gewesen, dass ein Schmuggel über die Grenze unmöglich sei, sagte Tschaika.

Ihm zufolge laufen in Russland keine Ermittlungsverfahren wegen Schmuggels von radioaktivem Material.

Ex-Agent Lugowoj zu Vernehmung durch Briten bereit

Der russische Geschäftsmann Andrej Lugowoj will sich einer Vernehmung durch britische Ermittler in Moskau stellen. "Ich bin bereit, alle Fragen zu beantworten, die Scotland Yard interessieren", zitierte die Nachrichtenagentur ITAR-TASS Lugowoj. Er warte auf eine entsprechende behördliche Aufforderung, fügte der ehemalige Agent des russischen Geheindienstes hinzu. Dem TV-Sender NTW sagte Lugowoj, er gehe von einem Treffen mit den Ermittlern in den kommenden Tagen aus. Derzeit unterziehe er sich medizinischen Untersuchungen. Dies hindere ihn jedoch nicht an einem Treffen, sagte er der Agentur Interfax.

Russland spielt Bedeutung des Ex-Agenten herunter

Iwanow wies im Gespräch mit der griechischen Zeitung "Eleftherothypia" Vermutungen zurück, denenzufolge Litvinenko beim Geheimdienst ein ranghoher Agent mit Zugang zu wichtigen Informationen war. Litvinenko sei in einer für das organisierte Verbrechen zuständigen Abteilung tätig gewesen, sagte Iwanow.

Diese habe ihre Mitarbeiter "von überall her" rekrutiert.

Scotland Yard will Ex-FSB-Mitarbeiter Trepaschkin nicht vernehmen

Unwahrscheinlich war zunächst auch ein Treffen der Ermittler mit dem ehemaligen Geheimagenten Michail Trepaschkin, der im Ural eine vierjährige Haftstrafe wegen Geheimnisverrats verbüßt. Der schwer kranke Trepaschkin hatte Litvinenko nach eigenen Angaben vor einem geplanten Mordanschlag der Geheimdienste gewarnt. Einen Besuch der britischen Ermittler bei dem schwer kranken Gefangenen verweigerte die Gefängnisleitung mit der Begründung, dass dies angesichts des Vergehens Trepaschkins "kein Staat" erlauben würde.

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Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Die Untersuchungsbeamten von Scotland Yard haben außerdem um kein Treffen mit Trepaschkin ersucht, erklärte der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika am Dienstag. Der wegen Hochverrats verurteilte Trepaschkin wollte zu der Giftaffäre gegenüber Ermittlern von Scotland Yard Aussagen zu machen.

"Er (Trepaschkin) behauptet, gewisse Informationen zu haben, und will sie weiter geben", sagte Trepaschkins Anwältin Jelena Lipzer am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Moskau. Das solle zur Klärung der Umstände des mysteriösen Todes von Litvinenko beitragen.

Der Leiter der russischen gesellschaftlichen Bewegung "Für Menschenrechte", Lew Ponomarjow, teilte mit, dass Trepaschkin Litvinenko schriftlich vor möglichen Attentaten gewarnt habe. Laut Trepaschkin wurde Litvinenko "aus Rache" ermordet. In einem Schreiben an Litvinenko bedauerte der Verurteilte die Vergiftung des Ex-Offiziers. "Bei der Untersuchung hatte ich ausgesagt, dass gegen Litvinenko und seine Angehörigen ein Mordanschlag vorbereitet wird. Ich habe auch entsprechende Erklärungen abgegeben", heißt es in Trepaschkins Schreiben.

"Trepaschkin warnte Litvinenko, darunter auch vor der möglichen Entwicklung, die sich später bewahrheitete", sagte Ponomarjow. "Jetzt will Trepaschkin gegenüber den britischen Geheimdiensten aussagen. Wir sind der Ansicht, dass er angehört werden muss." Ihm zufolge sollten die spektakulären Verbrechen wie die Morde an Galina Starowojtowa, Anna Politkowskaja und Alexander Litvinenko von einer unabhängigen Parlamentskommission untersucht werden. "Wir hoffen auch, dass diese Kommission auch gegenüber Trepaschkins Schicksal nicht unbeteiligt bleibt."

Der Menschenrechtler teilte mit, dass er Trepaschkins Briefe früher an Scotland Yard weitergeleitet hatte. "Wir haben diese Briefe aus dem Internet heruntergeladen und wissen nicht, wie Trepaschkin sie hat in die Freiheit schmuggeln können. Aber wir zweifeln nicht daran, dass es sich dabei um Trepaschkins Handschrift handelt. Er schreibt viele Briefe, darunter auch an Duma-Abgeordnete", sagte Ponomarjow.

FSB gibt keine Kommentare zu Medienberichten über eine Verwicklung in Litvinenko-Affäre ab

Der Föderale Sicherheitsdienst Russlands (FSB) kommentiert die britischen Medienberichte über seine angebliche Verwicklung in den Tod seines früheren Mitarbeiters Alexander Litvinenko nicht. "Wir sehen keinen Sinn darin, inoffizielle Meldungen der Massenmedien unter Berufung auf nicht genannte Quellen in den britischen Geheimdiensten zu kommentieren", erklärte ein Vertreter des Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit des FSB am Dienstag gegenüber RIA Novosti.

Zuvor war der Zeitung Times aus britischen Geheimdienstkreisen zugetragen worden, nur Agenten des FSB hätten Zugang zu einer ausreichenden Menge von Polonium-210, mit welchem Litvinenko vermutlich vergiftet worden ist.

Die Geheimdienstquelle hatte ferner behauptet, der FSB habe "die extrem komplizierte Operation" zur Beseitigung von Litvinenko koordiniert und dabei wahrscheinlich seine früheren Agenten in London zum Einsatz gebracht. Nur eine Gruppe von Fachleuten habe eine solche Aktion durchführen können, so die Vermutung.

"Wir wissen, wie der FSB im Ausland tätig wird. Anhand der Todesumstände im Fall Litvinenko ist der FSB für uns der Hauptverdächtige", hat der Gewährsmann erklärt. Die Einbeziehung ehemaliger Mitarbeiter des FSB habe es ermöglicht, Litvinenko an verschiedene Orte zu locken und gleichzeitig die Spur, die unmittelbar zu den russischen Behörden führt, zu verwischen.

Vater Litvinenkos: Beerdigung voraussichtlich am Freitag

Der vergiftete russische Ex-Agent Alexander Litvinenko soll am Freitag begraben werden. Nach Aussagen seines Vaters Walter Litvinenko vom Dienstag wird der Leichnam voraussichtlich auf einem muslimischen Friedhof in oder bei London bestattet werden. Einen genauen Ort nannte Walter Litvinenko nicht. Die Entscheidung liege bei der Polizei. Wahrscheinlich wird der Leichnam in einem versiegelten Spezialsarg bestattet, um mögliche Gesundheitsgefahren durch die mit radioaktivem Polonium 210 verseuchte Leiche zu verhindern. Nach Angaben einer Sprecherin der Gesundheitsbehörde HPA geht von dem Leichnam keine Gefahr mehr aus. "Die Leiche kann beerdigt werden", sagte die Sprecherin.

Die Affäre Litvinenko war am gestriegen Abend auch Thema eines Treffens von Ministerpräsident Wladimir Putin mit dem italienischen Außenminister Massimo D'Alema sein. Im Körper des italienischen Litvinenko-Vertrauten Mario Scaramella wurde ebenfalls Polonium 210 gefunden. Scaramella ist aber bislang nicht in Lebensgefahr.

Die Durchsuchungen von Dienst- und Wohnräumen von Scaramello in Neapel hingen nicht mit dem Tod von Litvinenko zusammen, berichteten verschiedene italienische Medien. Es gehe bei den Durchsuchungen um Waffenhandel.