russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



06-12-2006 Alexander Litvinenko
Litwinenkos Tod: Im Sumpf der Spekulationen
[von Wladimir Simonow] Die Ermittler von Scotland Yard suchen in Moskau nach Spuren, um den mysteriösen Tod des ehemaligen FSB-Agenten in London aufzuklären.

Selbst die Krimiautoren Conan Doyle, Georges Simenon und John Le Carré wären nicht in der Lage gewesen, eine derartige Geschichte spannender zu schreiben als jene, die sich jetzt um den Tod von Alexander Litwinenko entwickelt.


Am Montag hat eine Gruppe von neun britischen Ermittlungsbeamten russische Einreisevisa bekommen, um Personen zu vernehmen, die zu den letzten Kontaktpersonen gehören, die den Ex-FSB-Offizier noch lebend und vielleicht noch gesund gesehen hatten. Der Fall Litwinenko bietet erstmals die Gelegenheit, die Wirksamkeit einer Kooperation zu prüfen, die die russische Generalstaatsanwaltschaft vor kurzem mit ihren britischen Kollegen geschlossen hat.

Die Geschäftsmänner Andrej Lugowoi, Dmitri Kowtun und Wjatscheslaw Sokolow sind dabei die Personen, die für Scotland Yard besonders interessant sind. Gemeinsam mit Litwinenko haben die drei am 1. November für wenige Stunden im Londoner Hotel Millennium verbracht. Von dem Tag ging es Litwinenko immer schlechter.

Lugowoi weckt offenbar das größte Interesse. Er ist ebenfalls ein ehemaliger FSB-Mitarbeiter und hat innerhalb des Monats zuvor viermal London besucht und sich stets mit Litwinenko getroffen, der vermutlich mit dem radioaktiven Stoff Polonium-210 vergiftet wurde.

Lugowoi selbst hat wohl indessen Gedächtnislücken: gegenüber der Tageszeitung "Kommersant" erklärte er kürzlich, er habe sich hinsichtlich der Strahlung überprüfen lassen und sei in diesem Bezug "lupenrein"; fast zur gleichen Zeit sagte er aber gegenüber "Sunday Times", Polonium-Spuren seien bei ihm doch noch festgestellt worden.

Dafür in verschiedenen Teilen der Welt kommen Leute auf wundersame Ideen zum Vergiftungsfall Litwinenko . So will Ex-KGBler Juri Schwez den mysteriösen Tod bereits aufgedeckt haben. "Ich glaube, ich kenne den Namen des Menschen, der den Mord an meinem Freund organisiert hat, und auch die Motive des Mordes", überraschte er einen AP-Korrespondenten in Washington. Etwas darüber scheint auch der Italiener Mario Scaramella zu wissen, der sein Brot unter anderem mit Geheimdienstaktivitäten verdient. Dann taucht in London eine gewisse Julia Swetlitschnaja auf, die von Litwinenko angeblich in seine Pläne eingeweiht worden war, große FSB-Tiere zu erpressen und sich auf diese Weise eine goldene Nase zu verdienen.

Menschen, die aus welchem Grund auch immer im Scheinwerferlicht erscheinen, tanzen nun auf Litwinenkos Leichnam herum, ohne nicht einmal abzuwarten, bis dieser beigesetzt wird.

In diesem Netz von Versionen, an dem die Presse so eifrig spinnt, können sich die Scotland-Yard-Beamten leicht verstricken. Darunter gibt es zumindest vier, denen echte Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte.

Die Version Nummer 1: Litwinenko hat geschmuggeltes Polonium aufgetrieben und ist auf die Idee gekommen, damit ein gutes Geschäft zu machen. Für diese Version spricht die Tatsache, dass er am 1. November Strahlungsspuren an mehreren von ihm besuchten Orten hinterlassen hat. Keiner von seinen Gesprächspartnern scheint aber etwas davon abbekommen zu haben. Scaramella behauptet etwa, Litwinenko habe einen Isotopen-Schmuggel betrieben. Der musste ja von recht kargen Almosen seines Patrons Boris Beresowski leben und brauchte dementsprechend einen Nebenverdienst. Laut Informationen der britischen Presse hatte die Strahlungsdosis von Polonium-210, an der er starb, einen Marktwert von mindestens 30 Millionen Euro. Nicht doch ein bißchen zu viel für einen Mord?

bei russland.RU
Fall Litvinenko: Polonium als Schmugglerware?


Alexander Litvinenko Tod in London – Analysen, Meinungen, Hintergründe, Informationen bei russland.RU


Die Version Nummer 2: Litwinenko wollte sich von Beresowski loslösen, überlegte entsprechende Fluchtwege und stellte damit eine Gefahr für den geflüchteten Oligarchen dar, schreibt die "Iswestija". In der Tat: In letzter Zeit wurde es etwas unheimlich um Beresowski. Die Kooperationsvereinbarung der russischen Generalstaatsanwaltschaft mit den Engländern versprach dem Londoner Exilanten nichts Gutes. Andererseits wusste Litwinenko genug, um wichtige Informationen bei einem flüchtigen Gespräch aus seiner unruhigen Seele auszuplaudern.

Die Version Nummer 3: Litwinenko stand in Verbindung mit einem illegalen Labor in London, in dem an einer "schmutzigen" Atombombe für tschetschenische Terroristen gebastelt wurde. Diese Vermutung äußerten russische Nuklearexperten am vergangenen Sonntag im russischen Fernsehen.

In diesem Zusammenhang fallen zwei Dinge auf. Litwinenkos enger Freund in London war Achmed Sakajew, ein früherer tschetschenischer Separatistenführer, auf dessen Auslieferung die russische Staatsanwaltschaft besteht. Diese will ihn über Morde und Folterungen in Tschetschenien ausfragen. Und: Vor rund zwei Jahren informierte Beresowski die ganze Welt, dass die tschetschenischen Separatisten eine Kofferbombe bereits so gut wie gebaut hätten. Ihnen fehle nur eine Kleinigkeit. War das vielleicht Polonium-210? War Litwinenko ein Polonium-210-Bote?

Die Version Nummer 4: Ein ehemaliger KGB-Kollege, den Litwinenko an die britischen Geheimdienste verraten hatte, hat sich nun an ihm gerächt. Von Geschichten über derartige Rächer aus dem Kreis der ausgedienten und dann zu kurz gekommenen Geheimdienstlern wimmelt es ja nur so in Schund-Krimis und unzähligen Filmen.

Gegen die letztere Version spricht allerdings die Persönlichkeit des Opfers. Im Vergleich zu den heutzutage in London lebenden Großverrätern wie Gordijewski oder Resun alias Suworow, die immerhin dutzende von Auskundschaftern an den Gegner ausgeliefert und etliche Agenten der Aufklärungsbehörde der Sowjetarmee in seinem Buch "Aquarium" in den Schmutz gezogen haben. stellt sich die Frage, warum mit Litwinenko begonnen wurde. Die zweite Frage dabei ist, warum er auf diese ausgesprochen exotische Weise getötet wurde?

Die britischen Detektive wären gut beraten, wenn sie dem Rat ihres Chefs, Innenminister John Reed, folgen würden. Darauf angesprochen, ob der Kreml hinter Litwinenkos Tod stünde, sagte er: "Spekulationen sind der schlimmste Weg. Wir sollten uns hüten, uns später dafür schämen zu müssen." [ RIA Novosti ]