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05-08-2010 Moskau Aktuelles
Russland ächzt unter Hitzerekord und Feuer


Giftige Gase in Moskau – Auslandshilfe läuft – Schulbeginn später?

Das Wochenende steht mit neuen Temperaturrekorden vor der Tür und Russland kämpft weiter gegen die immer wieder neu ausbrechenden Feuer.
Seit Jahren sagen Klimaforscher mehr und mehr Klimaanomalien voraus. Diesmal hat es Russland mit einer seit vielen Wochen unerträglichen Hitze erwischt. Durch die wochenlange Trockenheit sind die Wälder ausgetrocknet und bieten dem Feuer keinen Widerstand mehr.




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Aber so wenig, wie das Oder-Hochwasser nur durch übermäßigen Regen verursacht wurde, brennt es in Russland nur wegen der übermäßigen Hitze.

Vernachlässigter Hochwasserschutz, begradigte Flüsse, versiegelte Böden und eine wirtschaftliche Nutzung der alten Überschwemmungsgebiete führte zu einem Jahrhunderthochwasser.

In Russland führte Raubbau an der Natur zu der jetzigen Brandkatastrophe. Im Überschwang der vom Westen so gerne gesehenen Privatisierung von allen staatlichen Institutionen hat Russland vor drei Jahren die Forstaufsicht aus Staatshand in die Privatisierung überführt.

Forstschutz wurde privatisiert

Diese Privatisierung führte dazu, dass notwendige Feuerschutzmaßnahmen dem Profit geopfert wurden. Zwar gab es Vorgaben, wie die privaten „Waldschützer“ die Wälder schützen sollen, aber aus Kostengründen wurde so gut wie nichts davon umgesetzt. Umweltschützer und der WWF mahnten den damaligen Präsidenten Putin massiv davor das Gesetz, welches am 1.Januar 2007 in kraft trat zu unterschreiben.

Mangelndes Umweltbewusstsein bei den Russen

Aber nicht nur die jetzt unzureichende Forst- und Brandaufsicht befeuerte die Brände, auch der in Russland typische sorglose Umgang der Bürger mit der Natur. Da wird laut Aussagen von Sergei Schoigu, dem Minister für Zivilschutz, immer noch in den Wäldern gegrillt oder es werden Lagerfeuer gemacht.

Außerdem werden Zigarettenkippen achtlos in die Gegend geworfen oder einfach aus dem fahrenden Autofenster geschnippt. Auch Glasflaschen werden nach dem Schaschlik im Wald gerne einfach liegengelassen. Diese wirken dann wie Brenngläser und entzünden immer wieder Feuer.

Dazu kommt dann noch ein Raubbau an den Torfgebieten, die trockengelegt im Moment brennend für den Smog in Moskau sorgen.

Auch Giftgase in der Moskauer Luft

Der Smog in Moskau hat bereits sehr gesundheitsschädliche Formen angenommen. Meteorologen und Ärzte erklärten, die Schadstoffbelastung habe einen kritischen Wert erreicht, und auch gesunde Menschen sollten sich vor dem Rauch schützen. Bis in die Moskauer Metro drang der Smog bereits ein und wird von den Zügen durch die Schächte geschoben. Die Einwohner klagten über Reizungen der Augen und der Atemwege.

Die mit den Bränden verbundenen hohen Kohlendioxid und Kohlenmonoxid Konzentrationen veranlassten den Deutschem Feuerwehrverband zu einer Warnung für Moskau-Reisende. "Drinnen im Hotel bleiben, Klimaanlagen nutzen und Gegenden mit höherer Schadstoffkonzentration meiden", so der Rat. Infektionsschutzmasken filterten nur Partikel aus der Luft heraus, schützten aber nicht vor den giften Gasen, die derzeit Moskau und Umgebung belasten.

Vögel fallen vom Himmel

Die Zeitung "Moskowski Komsomolez" schrieb unter Berufung auf Tierärzte, das der dichte Smog rund um Moskau auch immer mehr Vögel qualvoll verenden lässt. Vor allem Exoten wie Papageien und Kakadus würden derzeit in großer Zahl sterben, schrieb die Zeitung.

Bei einigen Tiere seien Blutgefäße geplatzt und schwere Kohlenmonoxidvergiftungen festzustellen. Auch sonst fielen in der Stadt, in der seit Wochen eine Hitze um die 35 Grad herrscht, viele Vögel einfach tot vom Himmel, schrieb das Blatt. Gründe seien der Sauerstoffmangel in der Luft und der hohe Gehalt an giftigen Schadstoffen.

Volkswagen macht Feuerpause

Die Produktion im russischen VW-Werk Kaluga wurde wegen der Brände in Russland gestoppt worden. Das bestätigte ein VW-Sprecher am Mittwoch in Wolfsburg. Es sei eine Vorsichtsmaßnahme zum Schutz der Beschäftigten. Wann der Betrieb wieder aufgenommen werde, sei offen. Zum Schaden für VW machte der Sprecher keine Angaben. VW habe aber flexible Arbeitssysteme, mit denen auf den Produktionsausfall reagiert werden könne.

Atommaterial aus Anlage Sarow abgezogen

Angesichts der schnell herannahenden Waldbrände hat Russland seine Atomanlage in Sarow geräumt. In dem etwa 500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Komplex bestehe nach dem Abtransport der radioaktiven Materialien kein Risiko eines Unfalls mehr, betonte der Chef der Atomenergiebehörde Rosatom, Sergej Kirjenko, am Mittwoch.

Alle radioaktiven und explosiven Materialien seien aus Sarow abgezogen worden, sagte Kirjenko bei einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates. Dadurch bestehe kein Risiko eines atomaren Unfalls mehr, selbst wenn das Feuer Sarow erreiche. "Ich kann garantieren, dass selbst im Falle einer Extremsituation (...) kein Risiko für die atomare Sicherheit besteht."

Die Anlage in Sarow, bekannt unter dem Tarnnamen Arsamas-16, wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg als geheimes Atomwaffen-Forschungszentrum errichtet. Dort werden noch immer russische Atomwaffen gebaut. Die Flammen befanden sich am Mittwoch etwa vier Kilometer vor den ersten Einrichtungen des Riesenkomplexes.

Öl- und Gasbetriebe bis jetzt nicht betroffen

Die Öl- und Gasbetriebe des Landes sind bisher nicht beeinträchtigt, erklärte der russische Vizepremier Igor Setschin. Im Moment werden zwar 89 Kleinraffinerien von den Flammen bedroht, bemerkte Setschin. Die Produktionstätigkeit dieser Kleinbetriebe wurde vorläufig eingestellt solange die Brandgefahr anhält.

Medwedew wies die Regierung bei der Krisensitzung an, schnellstmöglich eine Liste mit den strategischen Anlagen zu erarbeiten, von denen im Falle eines Brandes "besondere Gefahr" ausgehe. Die Lage sei zwar unter Kontrolle. Eine "negative Entwicklung" könne jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Medwedew zog wegen Fehlern bei der Brandbekämpfung personelle Konsequenzen

Bereits zerstört wurde von den Flammen ein Marine-Nachschubzentrum in Kolomna südöstlich von Moskau. Zwar wurden dort keine 200 Flugzeuge, wie eine deutschsprachige Internet-Boulevard-Seite schrieb, zerstört, aber etliche Gebäude und Fahrzeuge.

Medwedew entließ deshalb mehrere ranghohe Offiziere "wegen disziplinarrechtlicher Verstöße". Ferner habe er Marine-Oberbefehlshaber Wladimir Wysozki und dessen Stellvertreter Alexander Tatarinow verwarnt. "Wenn etwas Ähnliches andernorts passiert, werde ich ohne Gnade auf die gleiche Art verfahren", sagte der Staatschef.

In der Region Swerdlowsk im Ural ermittelte die Staatsanwaltschaf wegen Fahrlässigkeit gegen die Verantwortlichen eines Nationalparks. Ihnen wird vorgeworfen, nicht rechtzeitig Maßnahmen gegen die Brände eingeleitet zu haben. Die russischen Behörden warfen zudem Camping-Urlaubern in ganz Russland vor, die Lage durch unbeaufsichtigte Lagerfeuer noch verschlimmert zu haben.

Ausland bietet Russland Hilfe an

Bundeskanzlerin Angela Merkelbot dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew deutsche Hilfe im Kampf gegen die Waldbrände an. Medwedew habe sich für "dieses Zeichen der Solidarität" bedankt und die Prüfung des deutschen Hilfsangebots zugesagt, teilte die Bundesregierung am Mittwochabend mit.

Abchasische Helfer bereit

Abchasien hat Rettungs- und Feuerwehrbrigaden gebildet, die jederzeit zum Brandlöschen nach Russland entsandt werden können, übermittelte der Leiter der Verwaltung für Notfallsituationen der Republik Abchasien, Lew Kwizinia, an Sergej Schoigu. "Wir sprechen unser tiefempfundenes Beileid den Familien der Betroffenen aus", heißt es im Schreiben.

Armenische Feuerwehrmänner in Russland

Wie man in der Katastrophenschutzbehörde mitteilte, werden 28 armenische Feuerwehrleute mit vier Feuerwehren (Fassungsvermögen je zehn Tonnen) nach Russland mit voller autonomen Versorgung für zehn Tage abfliegen.

Zwei Transportflugzeuge des Typs Il-76 werden die Abteilung nach Nishni Nowgorod befördern. An ihrer Spitze wird der stellvertretende Leiter der Verwaltung für Rettungskräfte des Rettungsdienstes des Katastrophenschutzministeriums Armeniens, Oberst Pawel Gesaljan, stehen.

Schulbeginn könnte verzögert werden

Angesichts der verheerenden Waldbrände müssen für die Schulen in Russland womöglich die Sommerferien verlängert werden. "Wenn sich die Lage nicht bessert, werden wir einige Maßnahmen empfehlen, damit der Schuljahresbeginn verschoben wird", sagte der Chef der Sanitätsdienste, Gennadi Onischtschenko, am Mittwoch dem Radiosender Moskauer Echo. In Russland beginnt das neue Schuljahr traditionell am 1. September.

Dem Wetterbericht zufolge deutete für die kommenden Tage nichts auf eine Verschnaufpause für die Feuerwehrleute hin: Die seit mehr als einem Monat im Westen Russlands anhaltende Hitze und Trockenheit soll Meteorologen zufolge mindestens noch bis zum Wochenende andauern.

Im Auftrag des Katastrophenschutzministeriums kämpfen landesweit derzeit 170.000 Feuerwehrleute gegen die Brandherde. Am Mittwoch stand in ganz Russland eine Fläche von gut 188.500 Hektar in Flammen; am Dienstag waren es noch rund 172.400 Hektar. Im ganzen Land wüteten nach offiziellen Angaben noch 520 Brände.
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