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21-08-2010 Moskau Aktuelles
Das weibliche Kolorit der Avantgarde
[ Von Julia Schatte ] Am 22. August schließt die große Alexandra- Exter- Ausstellung im Moskauer Museum für Zeitgenössische Kunst. Diese erste persönliche Retrospektive widmet sich den Gemälden, Grafiken, Bühnenbildern, Kostümen und Miniaturillustrationen in den „Les Livres Manuscripts“, dem vielfältigen Werk der phantasievollen Künstlerin, die als Begründerin des “Kubofuturismus”, einer besonderen, “russischen” Ausprägung des Futurismus gilt.



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Die Kunstwerke stammen aus russischen Sammlungen – dem Moskauer Puschkinmuseum für Bildende Künste und der Tretjakow-Galerie, dem Russischen Museum in St. Petersburg, regionalen Kunstmuseen in Jaroslawl, Saratow, Krasnodar, Astrachan und Vologda, sowie von privaten Kunstsammlern. Erstmals werden auch Bilder aus ihrer Pariser Zeit gezeigt, darunter Landschaften und antike Motive, die in den 1940-er Jahren entstanden.

Die 1882 in Belostok geborene Alexandra Exter (geb. Grigorovitsch) studierte von 1906-1908 an der Kiewer Kunsthochschule. Nach ihrer Heirat mit ihrem Cousin Nikolaj Exter zog sie 1907 nach Paris, besuchte die Académie de la Grande Chaumiere und wurde von Künstlern und Kritikern wie Pablo Picasso, Georges Braque und Guillaume Apollinaire inspiriert. In den folgenden Jahren unternahm sie zahlreiche Reisen durch Europa, lebte und arbeitete in Kiew, Odessa, Moskau und St. Petersburg, Rom und Paris, und bemühte sich um die Anerkennung der Pariser Avantgarde in Russland.

1915 trat sie der von Kazimir Malevitsch initiierten Gruppe “Supremus” bei und verbrachte zwei Jahre in den Künstlerdorfern Werbowka und Skopcy. Nach 1918 arbeitete und lehrte sie im Kiewer Ballettstudio und der Kunsthochschule für Kinder in Odessa. In Russland und Europa nahm sie an Ausstellungen avantgardistischer Künstler wie der “Tramvaj B”, dem “Salon des Indépendants” 1912 sowie an der Ausstellung der Konstruktivisten “5x5=25” 1921 in Italien teil. Seit 1924 lebte sie in Frankreich, wurde Professorin an der Akademie der Moderne in Paris und an Fernand Leger’s Academie d’Art Contemporain, ihre Werke wurden in Einzelausstellungen in Prag und Paris gezeigt. Später widmete sich Alexandra Exter Illustrationen von Büchern und Manuskripten, besonders geschätzt werden ihre filigranen Zeichnungen zum “Callimaque” von 1939. 1949 verstarb die Künstlerin in der Nähe von Paris.

Die Moskauer Ausstellung beginnt mit ihren frühen Stilleben aus den Jahren 1907 bis 1909, in den nächsten Räumen findet man abstrakte Konstruktionen von 1915-1916 und Landschaften, die in den 1920-er und 1930-er Jahren entstanden. Die Werke werden durch Beschreibungen der Kunstkritiker Jakov Tugendhold und Abram Evros begleitet.

Für Jakov Tugendhold bildet Alexandra Exters Ausgangspunkt immer die Farbe. Ihre Kompositionen, auch die abstrakten, sind auf Farbkontrasten und deren Abstufungen aufgebaut. Die Farbe wirke nicht nur als ergänzendes Element, sondern als ein dynamisches – sie entscheide über Leichtigkeit oder Fülle, Ruhe oder Bewegung ihrer Bilder.

Die Stadtlandschaften seien Kombinationen plastischer Formen. Die Häuser, Brücken, Bögen und Schornsteine ergeben in einem umfassenden Oval oder Rhombus ein harmonisches Ganzes. Es scheint, als würde die ganze Komposition in sich zusammenfallen, nehme man nur eine Form heraus.

Während andere Kubisten oft einförmige Farbkompositionen bevorzugten, fände sich in Alexandra Exters Bildern keine trockene Geometrie und “wissenschaftliche Kaelte”, keine Pedanterie, sondern eine fröhliche, eine „weibliche“ Farbigkeit, ein stetes Bekenntnis zum Dekorativen.

Erstmals ausgestellt sind auch ihre Ende der 30-er Jahre in der Emigration entstandenen “Les Livres Manuscripts”. Die meisten enthalten zwei oder drei ausgewählte Gedichte -von Sappho, Petrarca, Anatol France, Francois Villon oder Andre Gide. Exters Kritikern zufolge sind ihre Illustrationen keine Accompagnements, sie stehen in einer Art Wettbewerb zur Poesie, sind Dialoge des Wortes und der bildlichen Darstellung.

Die zum großen Teil aus dem Moskauer Staatlichen Theatermuseum ausgeliehenen Illustrationen und Entwürfe für die Inszenierungen zu Oscar Wildes “Salome”, Innokentij Annenskijs “Famira Kifared” , zu William Shakespeares “Romeo und Julia” sowie Fragmente der Verfilmung von Aleksej Tolstojs Novelle “Aelita” zeigen Alexandra Exters Ideenreichtum als Bühnen- und Kostümbildnerin.

Geometrische Teilungen, bewegliche Stoffbahnen und lichtdurchlässige Vorhänge lösten gemalte Hintergrundbilder ab. Abram Efros beschreibt die monumentalen kubistischen Formen als eine “Harmonie der Massen” auf der Theaterbühne.

Zweifellos ist es dem Kurator Georgij Kowalenko und dem Designer Boris Messerer gelungen, die kreative Entwicklung, die verschiedenen Einflüsse des Kubismus, Futurismus, Suprematismus sowie die vielen Facetten der Avantgardekünstlerin darzustellen und die Übergänge vom Monument zur Miniatur fließend zu gestalten. Die geplante tiefgründige wissenschaftliche Konzeption kann man zwar im Ausstellungskatalog erkennen, die Exposition lässt dennoch eher Bilder sprechen, bietet dem kunsthistorisch interessierten Besucher jedoch bedauerlich wenig Hintergrundinformation.
[ Julia Schatte / russland.RU ]
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