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25-10-2004 Moskau Aktuelles
Geschäftszentrum Moskwa-City nimmt reale Züge an
Das erste Gebäude des internationalen Geschäftszentrums Moskwa-City an der Krasnopresnenskaja-Uferstraße - ein 17-stöckiger Turm - ist soeben eröffnet worden. Der Komplex soll insgesamt 2,5 Millionen Quadratmeter Fläche für Büros, Hotels, Handels- und Rekreationseinrichtungen bieten und eine Rolle gleich der des Pariser Viertels Defense spielen.

Das besonders anspruchsvolle und bereits leicht überfällige architektonische Vorhaben der Moskauer Stadtväter, das in der Presse besonders oft erwähnt wird, wird endlich langsam Realität.

Die gebürtigen Moskauer bezeichnen die riesigen Geschäftsgebäude der Hauptstadt traditionsgemäß als „Monster", „Dritte Zähne" oder „Aquarien". Das alte und das neue Moskau bildeten kein harmonisches Duo, das Bild von Moskau wird immer eklektischer. So war es in den 60er, den 70er und den 80er Jahren, als in Moskau modernistische und postmodernistische Wolkenkratzer gebaut wurden. Einige Bauwerke aus jener Zeit - beispielsweise die Hotels Intourist und Sport - sind inzwischen abgerissen worden. Heute werden bereits andere Hochhäuser gebaut, die Epitheta bleiben aber die Gleichen.

Dennoch ist es durchaus begründet, ein neues Geschäftszentrum in Moskau zu errichten. Es soll den Kernpunkt des Bürolebens darstellen: Dorthin könnten viele Unternehmen umziehen, die jetzt den historischen Kern der Stadt besetzt haben. Die Straßen im Stadtzentrum könnten dadurch wesentlich entlastet werden. In naher Zukunft soll das Zentrum überhaupt in eine Fußgängerzone verwandelt werden. „Der Moskauer Stadtkern soll der Geschichte, dem Tourismus und der Verwaltungsfunktion gehören, während das neue moderne Zentrum den Büros, dem Handel und der Unterhaltung dienen wird", sagte Michail Moskwin-Tarchanow, Abgeordneter der Stadtduma. „Wir sehen vor uns die Beispiele von Paris, Toronto und Los Angeles, wo zweite Stadtzentren gebildet wurden."

„Moskwa-City" wird den Mietern maximale Bequemlichkeiten und Unterhaltungsmöglichkeiten bieten. Erstmals in Russland und in Osteuropa werden in dieser Geschäftszone Business, Wohnen und Freizeitgestaltung miteinander vereint. Neben den Bürogebäuden wird es hier Restaurants, Hotels, Mediazentren und Konferenzsäle, unterirdische Parkings, Kinos, Fitness-Clubs, einen Aquapark und sogar einen Palast der Eheschließungen geben. „Zur City wird die erste Mini-Metro-Linie führen, das Geschäftszentrum wird durch Autobahnen mit den Flughäfen verbunden, das Projekt sieht auch Landeplätze für Hubschrauber auf dem City-Gelände vor", führt Michail Moskwin-Tarchanow weiter aus. Versprochen sind autonome Strom- und Heizungssysteme, ressourcensparende Technologien und die neuesten Telekommunikationsmöglichkeiten.

Die Konzeption des Moskwa-City-Projektes stammt von Boris Tchor, einem mehrfach preisgekrönten Moskauer Architekten, zu dessen Auszeichnungen auch der architektonische Nationalpreis „Christall-Daedalus" 2002 gehört. Sein Projekt war bereits 1991 von der Moskauer Stadtverwaltung gebilligt und als ein vorrangiges Programm bezeichnet worden. Das allererste City-Objekt war die doppelstöckige Fußgängerbrücke Bagration über die Moskwa, die der Stadt 1997 zur 850-Jahr-Feier übergeben wurde. Für dieses Werk erhielt Boris Tchor die Goldmedaille der Russischen Kunstakademie. Zum 860. Geburtstag Moskaus soll im Geschäftszentrum ein 55-stöckiger Wolkenkratzer errichtet werden. Den absoluten Höhepunkt der City soll ein 75-stöckiges Hochhaus bilden, das 250 Millionen Dollar kosten wird. Solche Riesen hat es in Moskau noch nicht gegeben.

Die Architekten haben hier alle Möglichkeiten, originelle Design-Lösungen anzubieten, betont Oleg Myschkin, Leiter des Ressorts Geschäftsimmobilien und Investitionen der Gesellschaft Colliers International. „Das Angebot einer derart großen Menge von Büroflächen könnte allerdings vom Markt zwiespältig aufgenommen werden. Vorerst ist noch nicht klar, wie groß die Nachfrage nach diesen Flächen sein wird." Der jetzt eingeweihte Turm hat zwar bereits seine Mieter. Sollte es aber auf anderen City-Abschnitten zu einer Stagnation kommen, mahnt Roman Tschepzow, Chef der Abteilung für die Arbeit mit Eigentümern der Consultingfirma ABN Realty, so würden die Turm-Mieter zu Einsiedlern des Riesenkomplexes werden.

Der Umfang des Büroflächenbaus in Moskau verdoppelt sich nahezu jedes Jahr. 2002 belief er sich auf rund 200 000 Quadratmeter und 2003 bereits auf 397 000. Das wird aber nicht immer durch eine entsprechende Nachfrage untermauert. Im Unternehmen Penny Lane Realty wird die Ansicht vertreten, dass sich Angebot und Nachfrage in diesem Bereich heute praktisch im Gleichgewicht befinden. In Zukunft könnte das zu einem Rückgang der Mietpreise führen.

Insofern ist vorerst nicht klar, inwieweit sich das Moskwa-City-Projekt rentieren wird. Von einem Termin für den Bauschluss wird heute kaum gesprochen. Allerdings spürt Russlands Hauptstadt keinen Mangel an Investoren. Die Moskauer warten indessen mit Ungeduld auf das Ergebnis dieses anspruchsvollen Vorhabens. Laut einer Umfrage wollen 84 Prozent von ihnen, dass das Moskauer Geschäftszentrum Moskwa-City auch den Gästen der russischen Metropole gefällt. (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti).