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04-01-2005 Moskau Aktuelles
Filiale der Tretjakowgalerie soll abgerissen werden
In der Hoffnung, ein Touristenparadies zu werden, befreit sich Moskau von den einen Häusern und baut andere. Denkmäler des 18. - 19. Jahrhunderts werden abgerissen, altmodische "historische" Hotels verschwinden: Bald wird das Los von "Moskwa" und "Intourist" in der Stadtmitte auch den gläsernen Kasten des Hotels "Rossija" ereilen.

Die unsentimentale Hauptstadt gibt sich alle Mühe, modern, geschäftstüchtig und dabei höchst erfolgreich zu sein.

Nun kommt die Filiale der Tretjakowgalerie an die Reihe: Das Zentralhaus des Malers an der Krymskaja-Uferstraße der Moskwa, das im November sein 25-jähriges Jubiläum begangen hat, gilt jetzt als nicht modern genug und überdies nicht sehr rentabel. Vorläufig ist die Entscheidung über den Abriss noch nicht endgültig, aber auf jeden Fall wird das Haus in seiner jetzigen Gestalt nicht weiter bestehen.

Seinem Wesen nach handelt es sich dabei um das russische Centre Pompidou, dem Äußeren nach aber um ein schwerfälliges, etwas schmutziges und hoffnungslos langweiliges Beispiel der Chruschtschowschen-Architektur, deren städtebaulichen "Leistungen" auch noch von der Breschnew-Zeit übernommen wurden. Das Zentralhaus des Malers steht im Missklang mit seiner Umgebung und müsste überdies schon lange generalüberholt werden. 1993 redete man zuerst von seiner Rekonstruktion, dann ging man weiter: Einige sprachen sich für seinen Abriss aus.

Diese Idee setzte sich noch mehr durch, als 2002 das vorrangige Touristenprogramm "Goldener Ring von Moskau" angenommen wurde. Die zehn Jahre seiner Realisierung werden für die Stadtmitte, besonders aber für die Grundstücke rund um den Kreml, eine Blütezeit der "Schönheitschirurgie" sein. Das Antlitz des historischen Moskau wird sich einschneidend verändern. Neue Fußgängerzonen werden entstehen und alle Sehenswürdigkeiten "umringen", neue Hotels und Unterhaltungszentren entstehen.

An sich ist das weder ökonomisch noch ästhetisch verurteilungswürdig, und es muss zugegeben werden, dass Moskau in den letzten Jahren eine sauberere und auf europäische Art wohnlichere Stadt geworden ist. Fest steht auch, dass der historische Kern der Hauptstadt wirklich vom eiligen Geschäftstreiben, selbst von Bürogebäuden und allerlei Aktiengesellschaften (viele davon sollen allmählich ins russische "Defense-Viertel" - den gegenwärtig in Bau befindlichen Komplex Moskau-City - "verbannt" werden), und auch vom Chaos der Straßenstaus und von Industriegebäuden bereinigt werden. So wird es auch sein. Dennoch gelingt es nicht, Paradoxa in der Architekturpolitik von Moskau zu vermeiden.

Während die Hauptstadt die einen Denkmäler (etwa die Erlöser- und die Kasaner Kathedrale) wiederaufbaut und auf jede Weise pflegt, da beide Bauwerke mit Recht als Touristenattraktion betrachtet werden, lässt sie andere Denkmäler im stürmischen Strudel der Baupläne versinken. Die frei gewordenen Grundstücke werden auf zweierlei Weise bebaut: Entweder entstehen da "Alternativen" zum alten Gebäude (oft mit einer ganz anderen, nämlich kommerziellen Funktion), oder aber es wird ein "Klon" des in Betracht kommenden Hauses aufgeführt. "Etwas speziell zu vernichten, um nachher Nachbildungen des Vernichteten in die Welt zu setzen - ja, hier sind wir führend", kommentiert Alexej Kometsch, Direktor des Instituts für Kunstwissenschaften, die Situation. "Der Beispiele gibt es mehr als genug: das ganze Stoleschniki-Viertel in der Nähe der Twerskaja-Straße; sechs Häuser der Besitzung von Rimski-Korsakow hinter dem Restaurant ‚Puschkin' auf dem Twerskoj-Boulevard wurden abgerissen; ein Haus des 18. Jahrhunderts, das zum Ensemble des Verbandes der Theaterkünstler gehörte, wurde durch eine Kopie - wohlgemerkt mit einem Swimming Pool - ersetzt."

Übrigens versprechen die Architekten, dass an der Stelle des Zentralhauses des Malers ein viel besserer Komplex stehen werde. Eines der in Betracht kommenden Entwürfe stammt von dem Amerikaner Curtis Jones. Statt des heutigen Gebäudes plant er ein "universelles" Hochhaus: mit Büroräumen, einem Restaurant, exklusiven Geschäften, einem Multiplex und selbst mit Wohnräumen. Vor drei Jahren schlugen einige Baumeister vor, mit geringeren Opfern vorzugehen: das Zentralhaus des Malers mit einem Prisma zu überdecken oder es bis zum Moskwa-Ufer zu verlängern. Das heißt: nicht abreißen, sondern hinzubauen. Alles in allem ist der Raum für alle möglichen Ideen groß.

Wie es scheint, ist die Entscheidung über den Ödplatz um das Zentralhaus des Malers, der es doch nicht zu einem Garten gebracht hat, schon gefallen. Dem Holländer Eric van Egeraat, einem Fachmann für avantgardistische Türme, wird die Aufgabe auferlegt, auf den leer stehenden Flächen Hochhäuser unter den Arbeitsnamen "Kandinsky", "Malewitsch" und "Tatlin" hinzustellen. Es fragt sich nur, inwieweit sie sich mit den Denkmälern der Kreml-Umgebung und der Erlöserkathedrale am gegenüberliegenden Ufer der Moskwa vereinbaren lassen. Der Missklang, den das Zentralhaus des Malers in das historische Panorama eingebracht hat, wird nur noch greller werden. (Olga Sobolewskaja, Kommentatorin der RIA Nowosti.)