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12-05-2006 Moskau Aktuelles
Dies ist keine Bombe
David Ter-Oganjan, Das ist keine Bombe, 2005. Im Besitz des Künstlers.ÜBER DEN EINFLUSS DER 1. MOSKAUER BI ENNALE FÜR ZEITGENÖSSISCHE KUNST AUF DIE SITUATION DER GEGENWARTSKUNST IN MOSKAU

Im zeitgenössischen Kunstbetrieb in Russland finden heute tief greifende strukturelle Veränderungen statt. Diese betreffen ganz entscheidend die staatliche Kulturpolitik.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren ist ein Ausstellungsprojekt – die 1. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst – in den Genuss beachtlicher staatlicher Förderung gekommen; es trat sogar an, „Teil eines politischen Ansatzes zur Erneuerung des Landes“ zu werden. Auch das Selbstverständnis und die Praktiken privater Förderung zeitgenössischer Kunst verändern sich. KapitalseignerInnen haben gelernt, Kunst als symbolträchtige Ressource anzuerkennen und nehmen verstärkt am Kampf um kulturelle Symbole teil. .

EINE (KULTURELLE) EXPLOSION IM LENINMUSEUM.

„Dies ist keine Bombe“ war der Titel eines Projekts des jungen russländischen Künstlers Dawid Ter-Oganjan, das auf der 1. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst1 Anfang 2005 gezeigt wurde.
ÜBER DIE AUTORIN:
Julia Axjonowa (Jahrgang 1975) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für zeitgenössische Kunst der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau, Kuratorin am Moskauer Zentrum der Künste und freie Kunstkritikerin. Ihr vornehmlichesInteresse gilt der Arbeit mit jungen KünstlerInnen und der Erforschung zeitgenössischerkuratorischer Praktiken

Das Projekt bestand in Folgendem: An mehreren, ziemlich unerwarteten Orten im ehemaligen Lenin-Museum hatte der Künstler selbstgebaute „Sprengsätze“ angebracht: mit Draht umwickelte und mit einem Uhrwerk versehene Gläser mit Salzgurken, Schuhkartons und andere absolut „friedliche“ Gegenstände. Bei den AusstellungsbesucherInnen, in deren Blickfeld solch ein verdächtiger Gegenstand geriet, löste dieser eine zwiespältige Reaktion aus. Lähmende Angst verkehrte sich in Sekundenschnelle in ihr Gegenteil: ein erkennendes und erleichtertes Lachen. Zweifellos birgt dieses Werk Anspielungen auf die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Realität in Russland. Darüber hinaus kann es auch wunderbar als Metapher für die 1. Moskauer Biennale dienen. .

Wie ein unechter Sprengsatz löste auch die Biennale keine tiefen Erschütterungen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst aus; gesellschaftlich jedoch schlug sie ein wie eine Bombe.
DER ÜBERGANG VOM SOWJETISCHEN ZUM RUSSLÄNDISCHEN KUNSTBETRIEB
Das künstlerische Leben in der Sowjetunion war gleichgeschaltet. Der seit 1932 existierende KünstlerInnenverband der UdSSR war die einzige gesellschaftspolitisch relevante, staatstragende Organisationsform, die nach kanonverpflichtenden Gesichtspunkten die Qualität von Kunstprodukten beurteilte. .

1962 kam es nach dem großen Eklat, den abstrakte Bilder auf einer Ausstellung in der Moskauer Manege ausgelöst hatten, zu einer Trennung in offizielle und inoffizielle, genauer: in öffentlich geförderte und nicht öffentlich geförderte Kunst. Den NonkonformistInnen wurde jegliche staatliche Unterstützung entzogen, es gab für sie keine Ausstellungsmöglichkeiten, und es fehlte ihnen an sozialer Einbindung, da die meisten von ihnen nicht im KünstlerInnenverband organisiert waren. Allerdings bildete sich auch innerhalb des KünstlerInnenverbandes eine liberale Fraktion heraus, die sich jedochim Rahmen der engen, staatlich vorgegebenen Grenzen bewegte. .

Im Zuge der Perestroika wurde die Kunst von ihrer ausschließlich der Ideologie dienenden Funktion befreit; die während mehrerer Jahrzehnte unterdrückten Strömungen der nonkonformen Kunst erhielten nun eine breite Öffentlichkeit.Die Situation zu Beginn der 1990er Jahre war geprägt von einem schwierigen Übergang von alten, ehemals sämtliche Bereiche der Kultur dominierenden Strukturen zu neuen, nicht-staatlichen, selbstverwalteten Initiativen. .

Zu ihnen zählten in Moskau diverse Anfang der 1990er Jahre gegründete Zentren für zeitgenössische Kunst und einige Galerien. All diese Organisationen waren Versuche, nichtkommerzielle Institutionsmodelle westlichen Zuschnitts auf Russland zu übertragen, weswegen sie sich nicht ohne weiteres in die sozialen und administrativen Prozesse im Lande eingliedern konnten. .

Bis vor kurzem erhielten sie weder staatliche noch gesellschaftliche Unterstützung. Sie waren aufwestliche Förderung angewiesen, da eine wirtschaftlich abgesicherte Mittelschicht, ein ausgebildetes Sponsoringsystem oder allein die Akzeptanz zeitgenössischer Kunst in der Gesellschaft fehlten.

Davon zeugen die bedeutenden Veränderungen, die derzeit sowohl in der staatlichen Kulturpolitik als auch im – von den Medien geformten – kollektiven Bewusstsein stattfinden. Die Vereinnahmung der zeitgenössischen Kunst durch private InvestorInnen und deren Kapital ist ein weiteres Indiz hierfür. .

Die 1. Moskauer Biennale war ein gewaltiges Medienereignis. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben bestand darin, die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit auf einen neuen, bislang wenig bekannten Bereich der zeitgenössischen Kultur, nämlich den der zeitgenössischen Kunst, zu lenken. Die bereits lange vor der Eröffnung der Biennale in Fachkreisen entbrannten leidenschaftlichen Debatten wurden nach der Eröffnung lebhaft in den Massenmedien fortgeführt, die die Reaktionen aller Gesellschaftsschichten auf dieses Ereignis beleuchteten, von der politischen und wirtschaftlichen Elite bis hin zu gewöhnlichen ZuschauerInnen. .

Die Biennale löste eine äußerst gehaltvolle Auseinandersetzung aus und rief eine Menge kritischer Texte ins Leben; darin ging es vor allem um eine Diagnose jener weitreichenden strukturellen Veränderungen, die heute insgesamt im zeitgenössischen Kunstbetrieb stattfinden. Einige KritikerInnen warfen der Biennale vor, als effektives Instrument staatlicher Politik Interessen der Machthabenden zu bedienen. .

ZEITGENÖSSISCHE KUNST UND STAATSGEWALT – VOM SCHATTENDASEIN ZUR UMARMUNG.

Jahrzehnte lang befand sich ein Teil der Kunstszene in Russland in Opposition zur offiziell anerkannten Kultur. Die neben der offiziellen Kunst existierende inoffizielle war aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, und auch Kontakten mit der internationalen Kunstszene war ein Riegel vorgeschoben. Die russische offizielle Kunst war sozusagen in der Fremde zu Hause und fremd im eigenen Land. Sie blieb der progressiven westlichen Zivilisation wie dem konservativen sowjetischen Kulturmodell gegenüber stets ein „Anderes“..

Mit dem Zerfall des sozialistischen Systems stieg diese Kunst aus dem Untergrund hervor und begann allmählich, neue, vormals unbekannte Formen einer gesellschaftlich anerkannten Existenz für sich zu erschließen. Das Aufkommen staatlicher und privater Institutionen der zeitgenössischen Kunst Anfang der 1990er Jahre schien davon zu zeugen, dass diese ehedem verdrängte Form der Kultur nunmehr zu einem unabdingbaren Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens wurde. Aber der Schein trog. Der zeitgenössischen Kunst wurde in Russland keine ernstzunehmende staatliche oder private Unterstützung zuteil. Die neuen Institutionen verschwanden ebenso schnell, wie sie entstanden waren. Es handelte sich faktisch um Privatinitiativen, die nicht systematisch gefördert wurden. Zweifellos betrachtete die Staatsgewalt die zeitgenössische Kunst nicht als einen Feind, aber sie beeilte sich auch nicht, gesellschaftlich relevante Funktionen an sie zu delegieren. .

Die 1. Moskauer Biennale eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte der Beziehungen zwischen Kunst und Macht. Das großangelegte Ausstellungsprojekt wurde staatlicherseits erheblich gefördert und von den KuratorInnen, wie diese im Katalog verkündeten, mit der verantwortungsvollen Mission betraut, „Teil eines politischen Ansatzes zur Erneuerung des Landes“ zu sein. Dies kommentierte Andrei Jerofejew, einer der führenden russländischen Kuratoren, im Katalog zur Ausstellung Komplizen in der Staatlichen Tretjakow-Galerie folgendermaßen: „Man kann die Ausstellungen der Biennale so kritisch beurteilen, wie man will. Es ist jedoch offensichtlich, dass sie ein kolossales Zeichen gesetzt hat. .

Die neue russländische Führung hat sich westliche Erfahrungen zunutze gemacht und sich endlich dazu entschlossen, die Avantgarde zu einem Verbündeten und zu einem Symbol des Bruchs mit der totalitären sowjetischen Vergangenheit zu machen. Dass es sich hierbei nicht um eine vorübergehende Verwirrung handelt, sondern um eine wohlerwogene politische Entscheidung, belegt die unerwartete Übereinstimmung vom Kulturministerium, den zentralen russländischen Museen und der Akademie der Künste.“ Wichtigstes Zeichen der neuen Politik der staatlichen Museen war zweifellos die Hauptausstellung, die in den Mauern des ehemaligen Lenin-Museums präsentiert wurde. In einen Raum, der das Bollwerk der kommunistischen Staatsgewalt symbolisiert, drang plötzlich die künstlerische Avantgarde ein, die von jeher die Entlarvung gesellschaftlicher, auch staatlicher Repressionsmechanismen zu ihren Aufgaben zählt. .

An der Biennale nahmen auch traditionalistisch ausgerichtete Institutionen teil, vor allem das Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst. Sein Gründer und Direktor ist der Präsident der Russländischen Akademie der Künste, Surab Zereteli, aus dessen konservativ-dekorativ ausgerichteter Privatsammlung der Großteil der Exponate stammt. .

Auf der Biennale trat das Museum mit dem ehrgeizigen Projekt Stars auf, an dem vier der derzeit erfolgreichsten russländischen KünstlerInnen und -gruppen teilnahmen: die Gruppe AES, das Duo Alexander Winogradow/Wladimir Dubossarski, Wladislaw Mamyschew-Monroe und Oleg Kulik. Keiner dieser Künstler hatte je zuvor in Moskau eine große Einzelausstellung gehabt; auf der Biennale hingegen wurde jedem eine ganze Etage des Museums zur Verfügung gestellt. Das zur Vernissage eingetroffene Moskauer Publikum staunte nicht schlecht, als es sah, wie gut diese hervorragend gemachten und finanziell aufwendigen Kunstwerke sich in die prunkvollen der vornehmen Stadtvilla einfügten. .

Eindrucksvoll war auch die improvisierte Performance von Oleg Kulik, einem der radikalsten russischen Künstler, der jahrelang in der Rolle eines Hundes auftrat. Auf der Ausstellungseröffnung biss er nicht nur niemanden, sondern schloss ganz im Gegenteil Surab Zereteli in seine Arme. Diese künstlerische Geste blieb nicht unbemerkt. Für viele war sie ein Zeichen, dass die aktuelle Kunst heute keine alternative Position zur Staatsmacht mehr einnimmt, sondern im Gegenteil zu einem Element des etablierten Systems geworden ist. .

Dieser Prozess lässt sich treffend durch einen Vergleich mit den Moskauer Baustellen beschreiben, die die Leerräume und Lücken des städtischen Raumes verschwinden lassen und diesen mit Hilfe von staatlichem und privatem Kapital privatisieren. Auf ähnliche Weise verschwinden freie und unbesetzte Zonen aus dem Feld der Kultur. Die Staatsmacht stellt heute ihre Flexibilität und Wendigkeit unter Beweis, indem sie die Kunstavantgarde, die doch in Russland seit eh und je für unabhängige Positionen stand, für sich verein nahmt.
Information
Die 1. Moskauer Biennale für zeitgenössische Kunst fand vom 28.01.–28.02.2005 statt und wurde von einem internationalen KuratorInnenteam, bestehend aus Joseph Backstein, Daniel Birnbaum, Iara Bubnova, Nicolas Bourriaud, Rosa Martinez und Hans Ulrich Obrist kuratiert. Die Biennale fand an über 50 Ausstellungsorten statt, darunter sowohl staatliche Museen als auch private Galerien und eine U-Bahnstation.

LESETIPPS:
1 Moscow Biennial of Contemporary Art.
Ausstellungskatalog. Moskau 2005.

Accomplices.
Collective and Interactive Works in Russian Art of the 1960s – 2000s. Moskau 2005.

Statt des üblichen Tadels äußert sie plötzlich ihr Einverständnis mit der Kritik und nimmt so der Konfrontation, die in der russischen Tradition ein wichtiges konstitutives Prinzip der Kunst und deren ethische Grundlage darstellt, ihren Sinn. Viele begreifen daher die gegenwärtige Situation als eine Krise. Man stellt sich die Frage: Wenn es keine externe Position gibt, von der aus man sich einen Vorteil gegenüber dem System verschaffen kann, wo liegt dann der Ort des Widerstands? .

ZEITGENÖSSISCHE KUNST UND PRIVATES KAPITAL – EINE FRAGE DES IMAGES.

Das Territorium der Kunst war immer ein Feld des Kampfes um kulturelle Symbole. Heute sind in Russland viele bereit, an diesem Kampf teilzunehmen. Das ungeheuere symbolische Potenzial der zeitgenössischen Kunst haben in letzter Zeit nicht nur staatliche Institutionen, sondern auch private Unternehmen schätzen gelernt. .

Eine der wichtigsten Tendenzen des vergangenen Jahres ist eine deutliche Zunahme privater Investitionen in die Entwicklung von Institutionen im Bereich der zeitgenössischen Kunst: Davon zeugt die Entstehung neuer Stiftungen, Galerien und sogar Museen. Viele dieser Neugründungen zeichnen sich durch den nichtkommerziellen Charakter ihrer Aktivitäten aus. In der laufenden Saison sind zwei Stiftungen entstanden, die sich die wohltätige Förderung verschiedener künstlerischer Initiativen, Ausstellungsprojekte und Bildungsprogramme zum Ziel gemacht haben. .

Die Stiftung Moderne Stadt, im September letzten Jahres von den Sammlerinnen Claire Savoretti und Diljara Allachwerdijewa gegründet, arbeitet mit bekannten KünstlerInnen der mittleren Generation zusammen, etwa mit Anton Litwin, Wiktor Alimpijew und der Gruppe Blaue Suppe.
Selbstdarstellung der Forschungsstelle Osteuropa
Im Jahre 1982 gegründet, widmet sich die Forschungsstelle Osteuropa unter der Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Eichwede zeitgenössischen Entwicklungen in Kultur und Gesellschaft der Länder Ostmittel- und Osteuropas - dabei entwickelte sie ein eigenes Profil innerhalb der deutschen Forschungslandschaft. .

Seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft in Ost- und Ostmitteleuropa konzentriert sich die Forschung auf die kulturellen und politisch-sozialen Kontinuitäten über die Umbrüche hinweg sowie auf neuentstandene Innovationspotentiale im Bereich politischer und ökonomischer Kultur sowie kultureller Identitäten. Im Unterschied zu einem häufig vorherrschenden ökonomischen Zugang zu der Transformation in Ost- und Ostmitteleuropa, rückt die Forschungsstelle die eigenen kulturellen Traditionen und Potentiale der Länder selbst ins Zentrum. Das Institut ist bemüht, ein Verständnis für die Länder von innen heraus zu ermöglichen, um so ihren genuinen Beitrag zu einem zusammenwachsenden Europa zu unterstreichen. .

… "Die Arbeiten der Forschungsstelle Osteuropa genießen in Deutschland wie im Ausland in Wissenschaft und Politik einen guten Ruf. Sie sind mit ihrer Schwerpunktsetzung auf kulturellen und politischen Aspekten der Transformationsprozesse in Rußland, Polen, der Tschechischen und der Slowakischen Republik ein wichtiger Bestandteil der Osteuropaforschung in Deutschland. .

Das umfangreiche Samizdat-Archiv der Forschungsstelle ist in Europa einzigartig und umfaßt eine große Zahl von Dokumenten, teils Unikaten, die häufig selbst in den untersuchten Ländern nicht mehr vorhanden oder zugänglich, aber für die Forschungsstelle von großer Bedeutung sind. .

Die politische Beratungstätigkeit der Forschungsstelle ergänzt ihre Forschungsarbeit und erfreut sich der Wertschätzung ihrer Adressaten. Die kontinuierliche Beobachtung und zeitnahe Analyse aktueller Entwicklungen in den untersuchten Ländern wie auch die Pflege und Ergänzung des Archivs erfordern ein hohes Maß an Kontinuität und Flexibilität, wie sie nur in einer außeruniversitären Einrichtung zu gewährleisten ist." .

Wissenschaftsrat: Stellungnahme zur Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Mai 1998.

Einmal im Monat präsentiert die Stiftung in kleinem Rahmen Projekte, die dann in ihre Sammlung eingehen. Vom Februar 2006 datiert die Stiftung Ära. Angekündigt wurde ein interessantes und vielfältiges Veranstaltungsprogramm mit mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen russischer und ausländischer KünstlerInnen sowie mit Workshops und Diskussionen zu aktuellen Fragen des zeitgenössischen Kunstbetriebs. Gleichzeitig mit der Entstehung neuer Räume erfolgt eine radikale Neuorientierung der Ausstellungspolitik bereits bestehender Institutionen. .

Als Beispiel mag hier das Moskauer Zentrum der Künste dienen, das dem Großunternehmer Alexander Smolenski gehört und zu Moskaus angesehensten Ausstellungsorten zählt. Hier wurde über mehrere Jahre vorwiegend die klassische russische Avantgarde sowie traditionell ausgerichtete Kunst gezeigt. Heute hat sich die Ausstellungsstrategie des Zentrums grundlegend gewandelt. Es wurden junge KuratorInnen, KünstlerInnen und TheoretikerInnen eingeladen, die diesen Ort zu einem der dynamischsten und interessantesten künstlerischen Treffpunkte in Moskau gemacht haben. In der prunkvollen Villa werden jetzt die neuesten Tendenzen und künstlerischen Praktiken vorgestellt. Noch vor einem Jahr wäre ein solches Format für dieses Zentrum unmöglich erschienen, da es auf respektable Kunst und garantiert erfolgreiche Ausstellungen setzte. .

Heute sind KapitalseignerInnen bereit, solche progressiven Projekte zu fördern; damit bekunden sie demonstrativ ihre aktive Teilnahme an kulturellen und künstlerischen Prozessen der Gegenwart. Das Hauptmotiv ihrer Tätigkeit ist der Wunsch, sich ein progressives Image zuzulegen, hinter dessen Fassade sich allerdings nicht selten eine „schmutzige“ Vergangenheit verbirgt. Wie jedoch die Praxis zeigt, sind solche Allianzen zwischen privaten Unternehmen und progressiver zeitgenössischer Kunst nicht von Dauer; sie zerfallen, sobald der Sponsor oder die Sponsorin die notwendige Dividende erzielt hat. .

ZEITGENÖSSISCHE KUNST UND NEUE SAMMLERINNEN.

Für viele ist es heute offensichtlich, dass sich die zeitgenössische Kunst keinesfalls auf das von KünstlerInnen geschaffene materielle Objekt beschränkt. Sie eröffnet vielfältige Perspektiven, vor allem zu den Komplexen Kommunikation und Information. Deshalb finden auf dem Kunstmarkt neben quantitativen Veränderungen wie einem stabilen Anstieg der Zahl der Verkäufe auch qualitative statt. Verändert hat sich vor allem die Art, wie private Sammlungen zusammengestellt werden. War früher beim Kauf eines Kunstwerks das Prinzip „gefällt mir / gefällt mir nicht“ entscheidend, so hören potente SammlerInnen heute mehr und mehr auf die Meinung unabhängiger ExpertInnen, ja bitten diese oft, eine originelle Konzeption für die zukünftige Sammlung zu entwerfen. Zur Aufrechterhaltung eines gehobenen Status in den Augen ihrer Umgebung müssen SammlerInnen heute mehr tun, als einfach nur Kunstwerke zu kaufen und sie an die Wand zu hängen. Heute ist es wichtig, sich in der Kunst auszukennen, darüber sprechen zu können und sich die Bedeutung der eigenen Sammlung von Profi s bestätigen zu lassen. .

Davon zeugt auch die Entstehung einiger großer Sammlungen, in denen die russische Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahezu vollständig vertreten ist, darunter jene von Wladimir Semenichin, Igor Antonitschuk und Igor Markin. Markin ist derzeit sogar mit dem Bau eines eigenen Museums für seine Kunstwerke beschäftigt. .

ZEITGENÖSSISCHE KUNST UND DIE ERSCHLIESSUNG NEUER STÄDTISCHER TERRITORIEN.

Auch die Topographie der Kunst ist von den Veränderungen der jüngsten Zeit betroffen. Eine wichtige Tendenz dieses Jahres: Ausstellungsräume ohne näher defi niertes (Ausstellungs)Konzept weichen zeitgenössischen Galerien, und die Quadratmeterzahl der Ausstellungsfl ächen steigt rasant. Besonders beliebt ist heute die Nutzung ehemaliger Fabrikgelände für Zentren zeitgenössischer Kunst. .

Das erste Experiment einer solchen kulturellen Sanierung war in Moskau die Art Strelka – ein Galerienkomplex, der seit September 2004 auf dem Gelände der Schokoladenfabrik Roter Oktober beheimatet ist. Zeitgleich mit der 1. Moskauer Biennale startete das Projekt Fabrika.
kultura
kultura (die Russland-Kulturanalysen) diskutieren in kurzen, wissenschaftlich fundierten, doch publizistisch aufbereiteten Beiträgen signifikante Entwicklungen der Kultursphäre Russlands. kultura richtet sich an eine interessierte Öffentlichkeit in Kultur, Politik und Medien sowie im deutsch-russländischen Kooperationskontext. Jede Ausgabe enthält zwei Analysen und einige Kurztexte bzw. Illustrationen. Erscheinungsweise: monatlich; es gibt eine deutsche und eine englische Version.

Verantwortlich: Isabelle de Keghel und Hartmute Trepper

Um kultura kostenlos zu abonnieren, bitte eine Mail mit "Subscribe kultura" in der Betreffzeile an publikationsreferat@osteuropa.uni-bremen.de schicken.

Die Ausstellungshalle auf dem Terrain einer ehemaligen Papierfabrik ist heute für jegliche Initiativen im Bereich der zeitgenössischen bildenden Kunst, des Theaters und der Musik offen. Auf dem Gelände eines ehemaligen Gasometers nahe der U-Bahn-Station Kurskaja sind der Kunstklub Gasometer, Designer-Ausstellungsräume und die riesige, 1800 Quadratmeter große Jakut-Galerie untergekommen. .

Das aussichtsreichste Projekt der nächsten Zeit ist jedoch ein Multifunktionskomplex in den Gebäuden einer ehemaligen Weinkellerei. Der Komplex Winsawod in der Nähe des Kursker Bahnhofs hat ein enormes Potenzial: Er verfügt über 20.000 Quadratmeter Fläche, auf denen bald Ausstellungshallen, Galerien, Studios, Läden und Cafés entstehen werden. .

Die derzeit erfolgreichsten Moskauer Galerien verlassen ihre respektablen Räumlichkeiten, um in nachlässig renovierte, nach frischer Farbe riechende Werkshallen umzuziehen. Die GalerienbesitzerInnen erhoffen sich wohl, dass die Veränderungen in Ausstellungskontext und Innenarchitektur ihnen helfen werden, den Anschein einer kreativen Dynamik zu erzeugen. Darüber hinaus sind solche „Kunstkomplexe“ imstande, eine größere Zahl von BesucherInnen in die Galerien zu locken und somit deren Publikum wesentlich auszuweiten. .

ZEITGENÖSSISCHE KUNST UND GLAMOUR.

Die zeitgenössische Kunst ist in Russland in Mode gekommen. Kunstwerke werden als Designelemente auf diversen Präsentationen verwendet. Ausstellungen finden oft in angesagten Restaurants, Klubs und Geschäften statt.
Der Herausgeber PROF. WOLFGANG EICHWEDE in der ersten Ausgabe von kultura im OKTOBER 2 0 0 5
Selten zuvor haben wir von Russlands Kultur so wenig gewusst wie in diesen Jahren, kaumjemals das Land so wenig mit den Namen von Autoren und Künstlern verbunden. Früher, in sowjetischer Zeit, wurde die Kultur oft genug als Gegengewicht zur Politik wahrgenommen, als das „Andere“, das faszinierte. Pasternak und Solschenizyn waren in unseren Medien präsent, „Doktor Schiwago“ ein Bestseller. .

Russlands Bild in der Gegenwart wird durch politische Inszenierungen, durch Pipelines und Oligarchen geprägt. Das Land ist längst nicht mehr im freien Fall, doch trägt die Stabilisierung autoritäre Züge in sich. Politik und Wirtschaft bestimmen die öffentlicheWahrnehmung des Landes. Die Russland-Kulturanalysen wollen hier eine Korrektur. Einerseits gehen sie in den Alltag der Kultur und fragen, wie sich das Land über sich selbst verständigt, andererseits wollen sie Alternativen aufdecken, den Blick auf Unerwartetes lenken. Ihr Ziel ist es, der Kultur in unserem Bild von Russland wieder den Stellenwert zu geben, den sie einst hatte. Der Nachbar im Osten ist ein großer Kontinent, derin seinem Eigensinn und seinen verschlungenen Wegen immer neu entdeckt werden will.

Hochglanzzeitschriften veröffentlichen reihenweise markante Reproduktionen von zeitgenössischen Kunstwerken, Interviews mit deren SchöpferInnen sowie effektvolle Fotoportraits der KünstlerInnen. .

Der zeitgenössische Künstler ist heute auf glamourösen Partys, Talkshows und Firmenfeiern ein gern gesehener Gast. Nicht selten werden KünstlerInnen zur Teilnahme an Reklameaktionen eingeladen, auf denen für eine modische Handelsmarke ein originelles Image geformt werden soll. Die allgemeine Stimmung, die heute in Russland im aktuellen Kunstbetrieb herrscht, kann als ein von jähen emotionalen Ausbrüchen begleiteter Erregungszustand beschrieben werden. Hoffnungen liegen nah an Enttäuschungen, auf Erfolgsmomente folgen Reinfälle, vielversprechende Projekte bleiben oft unverwirklicht. .

Heute sind sich viele der wichtigen Veränderungen bewusst, die in diesem Bereich der Kultur vor sich gehen; aber nur die wenigsten würden eine Prognose über deren konkrete Auswirkungen wagen, ob nun aus der Perspektive der sozialen Funktion der Kunst oder vom Standpunkt ihrer internen Problematik.

Die Zukunft wird es zeigen.

Julia Axjonowa
Aus dem Russischen von Mischa Gabowitsch

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