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21-11-2006 Moskau Aktuelles
Berüchtigtes Moskauer Untersuchungsgefängnis soll Hotel oder Restaurant werden
Bei dem Wort "Butyrka" läuft es vielen Russen kalt den Rücken hinunter. Das berüchtigte Untersuchungsgefängnis steht seit dem 18. Jahrhundert im Norden Moskaus. Unzählige Menschen wurden dort gefoltert, für Tausende begann an diesem Ort der lange Weg in den Gulag. Auch Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn war hier inhaftiert.







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Nichtsdestotrotz versuchen die russischen Behörden, mit dem Grauen Geld zu machen: Butyrka steht zum Verkauf und könnte sich nach dem Willen der Behörden in einen Vergnügungsort verwandeln. Menschenrechtler laufen dagegen Sturm.

Butyrka könnte ein "Hotel, ein Unterhaltungszentrum oder ein Restaurant" werden, meint der Chef der Bauabteilung im russischen Justizministerium, Nikolai Lonschakow. Bislang mangelt es jedoch an Interessenten. Auflage ist nämlich nicht nur, den historischen Komplex zu erhalten - auch ein Ersatzgebäude soll vor den Toren der Stadt geschaffen werden. Die Kosten für den Bau eines neuen Gefängnisses für 3000 Häftlinge nach europäischen Standards würden rund 88 Millionen Euro betragen.

Der dunkelrote Komplex liegt hinter Büros und Wohngebäuden im Norden der russischen Hauptstadt. Durch Eisentore, deren Klang beim Schließen Mark und Bein erschüttert, gelangen Häftlinge oder Besucher auf das Gelände. Der älteste Teil der Anlage ist ein viereckiger Komplex mit einer Kirche in der Mitte. Deren Turm wurde während der Sowjetzeit zerstört, im Innern wurde gefoltert.

Auf dem Gelände existiert bereits ein kleines Museum. In einer Wand zeigt der stellvertretende Gefängnisdirektor Alexander Polkin auf ein Skelett in Fesseln: ein Häftling, der hier während der Zarenherrschaft bei lebendigem Leibe eingemauert wurde. Manche Ecken sehe er sich lieber nicht näher an, sagt Polkin: "Was man nicht weiß, raubt einem nicht den Schlaf."

Doch nicht nur während der Herrschaft der Zaren regierte in Butyrka das Grauen. Unter Stalin begann hier für Abertausende der lange Weg nach Sibirien. Vor nicht allzu langer Zeit landete hier Medienzar Wladimir Gusinsky, ein Kritiker von Präsident Wladimir Putin. Hauptsächlich beherbergt Butyrka heute Häftlinge aus den ehemaligen Sowjetrepubliken. Angesichts dieser Geschichte räumt Lonschakow ein, Moskauer würden vielleicht nicht unbedingt für eine Nacht an diesem Ort zahlen. Aber so mancher Ausländer würde dort vielleicht gerne 24 Stunden in einer Zelle verbringen, mutmaßt er.

Exinsassen und Menschenrechtler empören sich über die Behördenpläne. Einer von ihnen ist Alexander Lawut. Der heute 77-Jährige musste 1980 ein Jahr in dem Gefängnis verbringen, weil er Flugblätter über Menschenrechtsverletzungen verteilt hatte. Der Mathematiker erinnert sich an überfüllte Zellen und zehn Tage, die er in einem winzigen feuchten Raum im Keller verbringen musste, weil er mit einem mitgefangenen Dissidenten gesprochen hatte.

"Sie haben kein Gespür dafür, dass dies ein historisches Monument ist", kritisiert Jan Rachinsky von der Menschenrechtsorganisation Memorial die Veräußerungspläne. "Butyrka war der Schauplatz eines Blutbads."[Von Nick Coleman]