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15-03-2004 Moskau Aktuelles
Die Moskauer empfinden den Brand in der Manege als Verlust eines Freundes
Der Brand, der am Sonntag im Gebäude der Manege in Moskau ausgebrochen war, wurde für die russischen Journalisten unstrittig zum „Thema Nummer zwei". Es stand nur der Erörterung der Ergebnisse der in Russland ebenfalls am Sonntag abgehaltenen Präsidentschaftswahlen nach.

Die angespannte Aufmerksamkeit der Massenmedien für dieses Thema ist leicht zu erklären.

Das Gebäude der Manege war für die Moskauer im Laufe von nahezu 200 Jahren eines der Hauptsymbole ihrer Stadt. Es wurde 1817 gegenüber dem Moskauer Kreml zu Ehren des 5. Jahrestages des Sieges über Napoleon errichtet und kann sich an verschiedene Zeiten erinnern. Ursprünglich war es für die Durchführung von Militärparaden und Exerzierbesichtigungen verschiedener Art sowie für Pferdesportveranstaltungen und Training bestimmt. Gerade diesem Umstand hat es auch seinen Namen zu verdanken. Aber sehr bald begann man seine immensen Flächen für die Durchführung verschiedener Ausstellungen zu benutzen.

In den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts fanden hier besonders oft Gemäldeausstellungen statt, darunter auch die Ausstellung von Werken der Modernisten, die allen Moskauern der älteren Generation noch gut in Erinnerung ist. Im Dezember 1962 wurde sie von dem damaligen Ersten Sekretär des ZK der KPdSU Nikita Chrustschow höchstpersönlich auseinander getrieben. Alteingesessene entsinnen sich noch daran, dass Chrustschow ganz besonders Werke solcher heute berühmten Meister wie der Maler Robert Falk und der Bildhauer Ernst Neiswestny missfielen. Der sowjetische Chef tobte, fuchtelte mit den Fäusten und geizte nicht mit Schimpfwörtern.

Die Manege kann sich auch an Ausstellungen des Malers Ilja Glasunow erinnern, der in den sechziger Jahren ebenfalls in Ungnade gefallen war. Die Zahl der Menschen, die seine Ausstellungen besuchen wollten, war so groß, dass sie bereit waren, rund um die Uhr Schlange zu stehen, um dann stundenlang die Gemälde betrachten zu können.

Der Verlust der Manege ist für die Moskauer auch noch der Verlust eines für sie sehr gewichtigen Teils der Geschichte ihrer Stadt, ein Verlust, der mit dem Verlust eines Freundes vergleichbar ist. Darum lautet eine der wichtigsten Fragen heute: Wird die Manege wiederaufgebaut? Ganz bestimmt, antworten Vertreter der städtischen Behörden. Desungeachtet äußern aber sehr viele Moskauer ihre Zweifel daran, dass das Gebäude in seiner ursprünglichen Gestalt restauriert werden könne. Jassen Sassurski, Dekan der Fakultät für Journalistik der Moskauer Staatlichen Universität, der in den Kreisen der Moskauer Intelliegenz weitgehend bekannt ist, berichtet, dass Anfang des 19. Jahrhunderts die Holzbalken, die beim Bau der Manege verwendet wurden, in eine Speziallösung getaucht worden waren und dabei so fest wie Eisen wurden. Der Oberbürgermeister von Moskau, Juri Luschkow, der plant, die ausgebrannte Manege wiederaufzubauen, wolle laut Sassurski über dem Dach eine Metallkonstruktion errichten lassen.

Wahrscheinlich wird es so besser sein, meinen viele Moskauer. Holz, besonders wenn es sehr trocken ist, ist doch zu feuergefährlich, darum hatte sich das Feuer in der Manege mit einer Geschwindigkeit ausgebreitet, als ob ein Pulverlager gebrannt hätte.

Juri Luschkow, der zum Brandort gekommen war, erklärte vor Journalisten, dass sie hierbei „nach keinem Terrorismus und keinerlei Diversionen zu suchen brauchen". „Die Ursachen liegen ganz bestimmt in üblichen Momenten der Bewirtschaftung", betonte Luschkow.

Dem Oberbürgermeister glaubten aber bei weitem nicht alle. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass in der Stadt in den letzten Wochen eines nach dem anderen verschiedenartige „unangenehme Vorkommnisse", manchmal auch wahre Katastrophen geschehen waren. Seit Jahresanfang haben sich bereits die Sprengung in der U-Bahn bei der Station „Pawelezkaja" unmittelbar in der Stadtmitte, der Einsturz des Aquaparks im südlichen Bezirk und des Dachs einer Parkstelle auf der Dmitrowskoje Chausee im Nordwesten der Haupstadt und schließlich der Brand in der Manege ereignet.

Heute stellen die Moskauer verschiedene spekulative Mutmaßungen an, dass die Terroristen im Grunde genommen den Wunsch hätten bekommen können, „ihre Möglichkeiten" durch den Brand im Gebäude, das dem Kreml gegenüber liegt, am Tage der Präsidentschaftswahlen zu demonstrieren.

Die vertröstenden Erklärungen des Moskauer Oberbürgermeisters wurden von Alexander Weschnjakow, Vorsitzender der russischen Zentralen Wahlkommission, in gewissem Maße in Zweifel gezogen. Er erklärte, dass er keine Versionen des Brandes, darunter auch keine Provokation, ausschließen könne. „Es konnte eine auf die Diskreditierung Russlands als Staat gerichtete Provokation sein. Wahrscheinlich ist es für jemanden nützlich gewesen, das an dem Tage zu tun, an dem die Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen zusammengefasst werden", erklärte Weschnjakow. „All das hängt zeitlich zu eng zusammen, daher kann man von Vorsätzlichkeit sprechen", betonte er und fügte, um die Spannung von dem Gesagten zu mildern, hinzu: „Ich habe mich mit dieser Frage nicht befasst, aber sowohl die eine als auch die andere Version hat ihre Existenzberechtigung." Einige Einwohner von Moskau neigen dazu, das Geschehene ausschließlich als kriminell zu betrachten. Der Platz, auf dem sich die Manege befindet, wird nämlich von der Moskauer Handelswelt als äußerst attraktiv eingeschätzt. Die Manege hätte möglicherweise jemandem, der neue luxuriöse Geschäfte eröffnen möchte, im Wege gestanden.

Nach allem zu urteilen, bewerten aber die Moskauer in ihrer Mehrheit den Brand in der Manege als einen unglücklichen Zufall. Erstens ist die Manege während des Brandes absolut leer gewesen. Am Samstag war dort die Bauausstellung abgeschlossen und alle Exponate waren am Sonntag kurz nach Mittag bereits entfernt worden. Alle Mitarbeiter der Manege konnten das Gebäude verlassen. Es ist durchaus möglich, dass die Terroristen einen Anschlag „auf das historische Gebäude als solches" verüben wollten. Wie jedoch die Terrorakte zeigen, ziehen die Terroristen es vor, wenn dabei nicht nur große Zerstörungen angerichtet werden, sondern es auch große Opfer gibt. Dazu noch hat keine radikale Organisation bis Montagnachmittag die Verantwortung für den Brand in der Manege übernommen. Wäre aber der Brand ein Werk von Terroristen gewesen, so wäre eine solche Erklärung unverzüglich gefolgt.

Laut Angaben einer Quelle der RIA „Nowosti", die der Untersuchungsbehörde nahe steht, zieht die letztere drei Hauptversionen der Brandursachen in Betracht: Defekte Stromleitung, Funktionstörungen in der Be- und Entlüftung sowie ein Streich von Besuchern des Manege-Platzes. „Auf dem Platz gab es viele Menschen, es waren Volksvergnügungen im Gange, jemand hätte einen Feuerwerkskörper in das Dachfenster schießen können", sagte der Gesprächspartner der RIA „Nowosti", betonte dabei aber, dass diese Information inoffiziell sei.

Auch die kriminelle Version hält keiner Kritik stand. In unmittelbarer Nähe zur Manege befindet sich nämlich ein großes Handelszentrum. Und seine Flächen sind mitunter nicht voll belegt. Wozu dann ein Gebäude niederbrennen?

Leider waren bei dem Brand Opfer zu beklagen. Beim Einsturz der brennenden Fragmente des Gesimses und des Dachs kamen zwei Feuerwehrleute ums Leben. Der Brand ist bereits völlig gelöscht worden. Er war derart groß, dass die Behörden von Moskau nur planen können, die Brandstätte erst bis zum Wochenende endgültig zu räumen. Darum werden die Moskauer noch einige Tage lang ernste Unbequemlichkeiten mit dem städtischen Verkehr in Kauf nehmen müssen. Dabei wird die vorbeiführende relativ breite Straße vorübergehend nur einspurig befahrbar sein. (Andrej Prawow, Kommentator der RIA „Nowosti")