Nach dem Euro-Aus bittere Kritik in Russland

Moskau. Nachdem die russische Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-EM vom Himmel in die Hölle gefallen ist, erfolgte eine entsprechende Abrechnung in der russischen Presse. Ex-Coach Dick Advocaat gab gestern sein erstes Interview nach der Pleite.

Nach dem 4:1-Auftaktsieg gegen die Tschechen wurde die Sbornaja von einigen Experten bereits zum Titelkandidaten erklärt. Doch jetzt sind Andrej Arschawin und Co. wieder in der Realität angekommen.

 

Ausgerechnet gegen Griechenland, gegen das Russland zuletzt 1993 verloren hatte, setzte es am Samstagabend die erste Niederlage seit Februar 2011 bzw. nach 16 Spielen und damit das vorzeitige Euro-Aus. Obwohl spielerisch klar überlegen, biss sich die Sbornaja an der griechischen Abwehr die Zähne aus.

 

„Obwohl wir heute verloren haben, war es in der ersten Hälfte ein brillantes Spiel von uns. Aber uns hat die Kaltschnäuzigkeit gefehlt, ein Tor zu machen“, lautete die Analyse nach dem Spiel des scheidenden Russland-Teamchefs Dick Advocaat. Für den Niederländer endete damit seine Amtszeit in Russland mit einer herben Enttäuschung.

 

Harsche Kritik von der Presse

 

Die russischen Medien konnten so wie die Fans in der Heimat das Aus ihrer Mannschaft nicht fassen. „Ruhmloses Ende. Karagounis schockt Russland. Aber man kann nicht sagen, dass es unverdient war“, titelte „Sowjetski Sport“.

 

„Bastarde!!!“, schrieb das russische Boulevard-Blatt „Moskowskij Komsomolets“ anlässlich der Rückkehr der „Versager“ in die Heimat.

 

„Ihr habt unsere Herzen gebrochen“, schrieb „Tvoi Den“ und druckte eine Karikatur, auf der zwei Teufel das ganze Team und Trainer Dick Advocaat in einem Kessel schmoren lassen. Dazu lieferte das Blatt die passende Schlagzeile: „Scher Dich zum Teufel, Advocaat!“

 

Die Zeitung „Sport Express“ machte die Überheblichkeit der Mannschaft vor der vermeintlich leichten Aufgabe gegen die Griechen verantwortlich für das EM-Aus: „Statt selbstsicher an Wunder zu glauben, sollten wir kämpfen bis zuletzt.“

 

Die Zeitung „Kommersant“ sprach von einer „griechischen Tragödie.“ Auch das Blatt „Komsomolskaja Prawda“ titelte schockiert: „Das Unvorstellbare ist Wirklichkeit geworden.“

 

Zumindest „Moskowski Komsomolez“ hatte nach dem „schwarzen Tag für Russlands Fußball“ auch einen positiven Aspekt. „Talente wie Dsagojew geben Hoffnung für die Zukunft“, titelte die Zeitung.

 

Advocaat gibt wieder Interviews

 

Dick Advocaat hatte lange geschwiegen, jetzt gab er der niederländischen Zeitung „Algemeen Dagblad“ ein erstes Interview nach dem Debakel bei der Euro 2012.

 

„Uns fehlte ein Stück die nötige Klasse, um die Griechen zu schlagen, die nur in der Abwehr gespielt haben“, so der holländische Fußballtrainer. Damit wollte Herr Advocaat wohl auf die Situation anspielen, dass der russische Fußball keinen absoluten Star derzeitig besitzt. Auch seine Äußerung, dass die Mannschaft „aus einfachen russischen Jungs“ bestanden hatte, zielt in diese Richtung.

 

Mit dem russischen Fußballverband (RFS) hatte Dick Advocaat schon seit geraumer Zeit Differenzen. Deshalb jetzt auch sein Seitenhieb an den RFS: „Sollte der RFS jetzt wieder einen Ausländer verpflichten, verstehe ich gar nichts mehr. Wenn es ein Russe wird, ist mir alles klar.“

 

Arschawin des Landes verweisen

 

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Gazprom, Waleri Golubew, hat den Kapitän der russischen Nationalelf Andrej Arschawin scharf kritisiert. „Man sollte ihn des Landes verweisen, deportieren. Wie kann nur ein russischer Bürger so wenig von der Ehre seines Landes halten?“ Dieses soll Golubew laut russischen Medienberichten geäußert haben.

 

Der Grund für die Kritik war die Aussage Arschawins am Samstag im Gespräch mit Fußballfans: „Wenn wir eure Erwartungen nicht erfüllt haben, dann ist das euer Problem.“

 

Spekulationen um Advocaat-Nachfolge

 

Ab 1. Juli übernimmt der 65-jährige Dick Advocaat in den Niederlanden die Leitung bei Cupsieger PSV Eindhoven, derweil gibt es in Russland wilde Spekulationen wer die Nachfolge bei der Sbornaja antritt. Wir wollen uns an diesen Spekulationen nicht beteiligen, da Namen wie Fabio Capello, Bernd Schuster und sogar Joachim Löw die Runde machen.

 

Eins steht aber fest, der jetzige Trainer von Zenit St. Petersburgdass Luciano Spalletti wird nicht russischer Fußball-Nationaltrainer. „Spalletti wird weiterhin Zenit trainieren, wir brauchen ihn selbst“, sagte Gazprom-Chef Alexej Miller beim Petersburger Weltwirtschaftsforum.