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14-08-2006 Russland und Nahost
Panzerfaust aus Russland als Rechtfertigung für israelischen Misserfolg im Libanon
[von Viktor Litowkin] Israelische Politiker machen kostenlos Werbung für russische Waffen im Libanon
Die Behauptungen des israelischen Ministers für Innere Sicherheit, Awi Dichter, und von Verteidigungsminister Amir Perez, denen zufolge die Hisbollah-Milizen im Südlibanon die russischen Panzerfäuste RPG-29 benutzen, stieß bei russischen Militärexperten auf starke Zweifel.


Unter der Bedingung, dass sie anonym bleiben, willigten die Experten in ein Gespräch mit RIA Novosti ein. "Jede der Konfliktparteien kann unsere Stellungnahme als Vorstoß zugunsten des Gegners interpretieren, und wir möchten Neutralität wahren", begründeten die Experten ihren Wunsch.

Der Umstand, dass die Hisbollah-Kämpfer Panzerfäuste des Typs RPG-29 haben, belegt nicht, dass diese Waffen aus den einstigen russischen Waffenlieferungen an Syrien stammen. Ein Verdacht ist noch keine Tatsache. Um Tatsache zu werden, muss der Verdacht anhand von Dokumenten nachgewiesen werden. Und Nachweise gibt es bislang keine. Die Geschoßsplitter, die wir von den Israelis bekommen haben, ziehen als Nachweise nicht. Die kyrillischen Buchstaben darauf reichen nicht aus, um eine gründliche Expertise durchzuführen. Ohne Kennzeichen des Herstellerwerkes kann man nicht ermitteln, wo die Waffe hergestellt und an wen sie geliefert wurde.

Die Panzerfaust RPG-29 ("Vampir") mit der Tandemhohlladung PG-29W wurde Ende der 1980er Jahre entwickelt, als Panzer erstmals mit "dynamischer Panzerung" ausgestattet wurden. 1989 wurde die RPG-29 in den Dienst der Sowjetarmee gestellt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Auflösung des Warschauer Paktes blieben die Panzerabwehrwaffen dieses Typs in fast allen neu entstandenen Staaten zurück. In einigen von ihnen werden die RPG-29 bis heute hergestellt, so dass man über die Herkunft der libanesischen RPG-29 nur rätseln kann.

Denn neben dem offiziellen Waffengeschäft, bei dem der Endkäufer bekannt ist, gibt es den halblegalen und den illegalen Waffenhandel. Die Palästinenser, Hisbollah oder Hamas konnten die RPG-29 durch komplizierte Transaktionen aus einer beliebigen Region beziehen. Gerichtsverfahren gegen Waffenschmuggler sind schon seit langem keine Sensation mehr. Deshalb müssten sich hohe Offizielle mit Anschuldigungen gegenüber einem fremden Staat zurückhalten, wenn sie keine dokumentarischen Nachweise in der Hand haben. Ohne Nachweise ist das alles leeres Gerede und Politikasterei.

Die Militärexperten verweisen in diesem Zusammenhang auf den Umstand, dass Gespräche über eine "rechtswidrige Anwendung russischer Waffen" immer dann beginnen, wenn in einem bewaffneten Konflikt eine der Parteien einen Rückschlag erleidet. So war es mit den Amerikanern in Vietnam der Fall. Auch während des Einsatzes im Irak warfen die USA Russland vor, dass die irakischen Kämpfer russische Waffen benutzen. Das ist leicht zu erklären: Die irakische Führung hatte im Laufe von knapp 30 Jahren offiziell Waffen aus der Sowjetunion bezogen. Nun nehmen die israelischen Offiziellen diese Taktik in Anspruch, um sich zu rechtfertigen.

Dabei begreifen die Politiker, die alle Schuld den russischen Waffen zuschieben, nicht, dass sie somit ihr Unvermögen zugeben und auf die eigenen Waffen Schatten werfen. Der Merkava-Panzer galt bis zuletzt in Israel als unverwundbar. Die Israelis waren stolz auf seine technischen Eigenschaften und die verstärkte Panzerung und bezeichneten ihn als besten Panzer der Welt. Bei der Bekämpfung der Terroristengruppen im Gaza-Streifen und in Transjordanien setzte die israelische Armee die Merkava-Panzer sehr geschickt ein. Diese rollten nur mit Hubschrauberunterstützung in die Stadtviertel ein.

Beim Einsatz im Libanon hat Israel offenbar nicht genügend Hubschrauber, um die Panzerattacken zu unterstützen. Da die Besatzung eines jeden Panzers nur eine begrenzte Sichtweite hat, wird sie leicht Opfer eines Panzerfaustschützen, der sich in einem Busch oder hinter Steinen versteckt. Der Panzerfaustschütze muss dabei nicht unbedingt dem Panzer in dessen gut geschützten Bug schießen. Wie jeder Panzer, hat der Merkava genug empfindliche Stellen. Eine absolute Waffe existiert nicht, so dass man über die russische Panzerfaust nicht klagen sollte.

Eine ganz andere Sache ist es, dass die israelischen Minister kostenlos Werbung für die russischen Waffen machen. "Danke schön", sagen darauf die Militärexperten, "aber wir können nichts dafür".

Bei diesem Problem gibt es eine Nuance, behaupten die Experten. Die israelischen Panzer werden nicht in Israel, sondern im Libanon mit Panzerfäusten zerstört. Die Kämpfer von Hisbollah, egal wie man zu dieser Organisation stehen mag, sind größtenteils libanesische Staatsbürger. Und es ist ihr gutes Recht, ihr Land gegenüber einem Aggressor zu verteidigen... Übrigens, wir wollen uns nicht in Politik vertiefen, brechen die Experten ab.

Israel selbst setzt in dem Krieg nicht nur Waffen aus eigener Produktion ein. Merkava ist tatsächlich ein rein israelischer Panzer. Doch die Schützenpanzer M-113A1/A2 und M-577A2, mit denen die israelischen Soldaten im Libanon umherfahren, stammen aus den USA. Ebenso wie die Hubschrauber AH-1EBell-209, CH-53D Stallion, UH-60 Blackhawk, S-70A und AH-64 Apache. Aus US-Produktion stammt die gesamte Artillerie AMRAAM, AIM-120B, AIM-95 und sogar die 227-mm-Mehrfachraketenwerfer MLRS, geschweige denn die Jagdbomber, Bomben- und Jagdflugzeuge. Wie kann man denn anderen Vorwürfe machen, wenn man ein fremdes Land mit fremden Bomben bewirft, wundern sich die Experten. [ RIA Novosti ]