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15-08-2006 Russland und Nahost
Israelische Ouvertüre mit iranischem Finale
[von Pjotr Gontscharow] Begonnen unter israelischer Dominanz, wird die libanesische Epopöe ein iranisches Endspiel haben.
Der Libanon, ein harmloser Staat, der von jeher als Insel der Stabilität im unruhigen Nahen Osten galt, ist offenbar zum Standort für die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran geworden.


Die radikale Schiiten-Bewegung Hisbollah, gegen die Israel im Libanon kämpft, ist im Grunde das Urbild der iranischen Revolutionsgarde, stellt Radschab Safarow, Direktor des Zentrums für moderne Iran-Studien, fest. "Deshalb ist für sie nicht die libanesische Regierung, sondern die iranische Staatsführung die höchste Autorität."

Der erste Teil des libanesischen Krieges war von der offensichtlichen politischen und militärischen Dominanz Israels gekennzeichnet. Israel bestimmte die Tiefe der Operationen seiner Spezialeinheiten, die etwaige Gesamtdauer des Krieges und mögliche Bedingungen für den Waffenstillstand. Außerdem entschied es über die Tiefe der Sicherheitszone im südlichen Libanon, über die zahlenmäßige Stärke und die Aufenthaltsbedingungen eines internationalen Friedenskontingents. Dennoch gibt es allen Grund für die Annahme, dass das Endspiel der libanesischen Epopöe nach einem rein iranischen Szenario laufen wird.

Wie ist es dazu gekommen, dass die libanesisch-israelische Front, die vor dem Krieg keine Anzeichen einer Eskalation hatte, augenblicklich explodiert war? Der an sich banale Vorstoß von Hisbollah, bei dem acht israelische Soldaten getötet und zwei Weitere verschleppt worden waren, war wohl kaum der Auslöser gewesen. Viele Analytiker neigen zu der Meinung, dass dieser Vorstoß für Israel keine Überraschung war, sondern nur ein Anlass, um mit Hisbollah fertig zu werden. Andere sehen in den Geschehnissen im Libanon eine iranische Spur und glauben, dass der Schlüssel zu einer Beilegung in Teheran liegt.

Die israelische Kampagne im Libanon ist offenbar gescheitert. Zu diesem Schluss berechtigen die zerstörte zivile Infrastruktur, mehr als zehn Milliarden Dollar Schaden und über eintausend Tote unter den Zivilisten. Die Zivilbevölkerung im Libanon wurde vom israelischen Vergeltungsschlag deutlich schwerer getroffen, als es sich aus der Schuld von Hisbollah hätte ergeben müssen. Wegen der Unwirksamkeit seines Militäreinsatzes gegen Hisbollah wird Israel zur Geisel seiner Taktik "Krieg bis zum Endsieg". Israel befindet sich in einer zwiespältigen Situation: Es muss entweder den Sieg forcieren oder sich auf diplomatischem Wege um die Einstellung der Kampfhandlungen bemühen. Ein Blitzkrieg ist Tel Aviv nicht gelungen, wobei es offenbar keine geeigneten diplomatischen Mittel hat, um den Krieg zu beenden und dabei das eigene Gesicht zu wahren.

Der Iran konnte während des Libanon-Krieges trotz aller Anstrengungen seine Positionen im Nahen Osten nicht stärken. Im Libanon wurde sein Ansehen sogar stark beschädigt. Nun fiebert Teheran nach Revanche. Den Appell des iranischen Präsidenten Mahmud Achmadinedschad, eine Einheitsfront gegen Israel zu schaffen, nahmen die arabischen Staaten zwar zur Kenntnis, leisteten ihm jedoch nicht Folge. Einer der führenden russischen Iran-Experten hegte in diesem Zusammenhang die Befürchtung, dass eine kritische UN-Resolution zum iranischen Atom-Programm den Iran zum Durchgreifen im Nahen Osten provozieren könne, wonach der lokale israelisch-libanesische Konflikt in einen Regionalkrieg hinüberwachsen könne.

Diesmal hat sich die Expertenprognose zum Glück nicht bestätigt. Die Arabische Liga beschränkte sich auf eine formale Verurteilung der "israelischen Aggression" im Libanon und erwies ihrer Satzung zuwider dem Libanon keine Militärhilfe. Im Großen und Ganzen ist die Situation rund um die libanesische Krise bislang kontrollierbar und es droht kein groß angelegter Krieg zwischen der arabischen Welt und Israel. Auch darum nicht, weil die Konfliktparteien im jetzigen Krieg Israel und die iranfreundliche Hisbollah sind, wie paradox es auch erscheinen mag.

Nun muss Teheran im Libanon seine Kreatur Hisbollah retten. Die von dieser radikalen Organisation provozierte Krise hat die libanesische Staatsstruktur in Gefahr gebracht, auf der das Gleichgewicht zwischen den religiösen und Clan-Interessen in diesem Land beruht. Das fragile Gleichgewicht passte allen, sowohl im Libanon als auch in der ganzen Region. Nun wurde es durch Verschulden von Hisbollah zerstört. Kein Zweifel, dass Hisbollah auch weiterhin als politische Kraft eine führende Rolle im Libanon spielen wird. Ob sie eigene bewaffnete Verbände beibehalten wird, steht in den Sternen.

Es ist schwer zu sagen, was der Iran unter den bestehenden Bedingungen unternehmen wird. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, dass er seine Libanon-Politik mit allen Mitteln aktivieren wird. [ RIA Novosti ]