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17-08-2006 Russland und Nahost
Der Krieg im Nahen Osten: Lehren für Israel und die ganze Welt
[von Pjotr Romanow]
Beim jüngsten Konflikt im Nahen Osten haben alle verloren. Es gibt keinen einzigen Gewinner.
Nicht einmal ein rettungsloser Optimist würde heute behaupten, der jüngste Nahostkrieg sei nun zu Ende.


Mehr noch: Es wäre wohl richtiger zu sagen, dass der Nahostkrieg lediglich seine Masken wechselt, in Wirklichkeit aber seit sehr langer Zeit ununterbrochen läuft, und dass auch niemand weiß, wie lange er dauern wird. Weder Israel noch die Araber sind zu einem Frieden bereit. Davon zeugen u. a. die jüngsten Äußerungen des Hisbollah-Führers Nasrallah, von einer Entwaffnung seiner Organisation könne keine Rede sein, oder die Behauptung des israelischen Premiers Ehud Olmert, die Jagd nach den Hisbollah-Führern wird bis zum siegreichen Ende fortgesetzt. Insofern erlebt die Nahostfront gerade nur eine relative Ruhepause.

Ein großes Verdienst der UNO ist hier meines Erachtens nicht zu sehen. Jedenfalls braucht ein Soldat in jedem Krieg selbst unter dem härtesten Beschuss Zeit zum Schlafen, zum Essen, Wunden zu heilen, Munition nachzuschieben und zumindest kurz über den weiteren Aktionsplan nachzudenken. Sowohl Israel als auch die Hisbollah sind recht müde, und ihre Wunden bluten. Insofern fiel der UNO-Aufruf auf einen zwar dankbaren, aber auch recht wackligen Boden.

Ein dauerhafter Frieden wächst auf einem solchen Boden nicht, eine Verschnaufpause ist aber - unter bestimmten Voraussetzungen - durchaus denkbar.

Diese Voraussetzungen wurden bereits von vielen Kommentatoren und Politologen erwähnt. So ist ein Waffenstillstand möglich, wenn die Friedenskräfte, die zu einem Puffer zwischen beiden Gegnern werden sollen, wirklich eine Kraft werden, die die Gegner voneinander trennen. Wenn diese Kräfte auch den Wunsch haben werden, ihr UN-Mandat wirklich zu erfüllen. Wenn eine reale Entwaffnung der Hisbollah beginnen wird (wofür es so gut wie keine Chancen gibt). Wenn der Libanon eine echte Unabhängigkeit von Iran und Syrien bekommt (was ebenfalls nicht abzusehen ist). Wenn Israel Geduld und Ausdauer an den Tag legen wird. Eine solche Aufzählung macht schnell müde. Deshalb ist selbst eine Waffenruhe sehr fraglich, von einem dauerhaften Frieden ganz zu schweigen.

Dennoch: Wenn schon an der Front eine Pause entstanden ist, so ist es die richtige Zeit, zumindest eine Zwischenbilanz und einige Schlüsse zu ziehen.

Das erste Fazit: In der Endphase des Konfliktes haben beide Seiten verloren.

Israel - weil es ihm nicht gelungen ist, die Hisbollah zu neutralisieren. In einem gewissen Maße ist das eine Strafe für die Gelassenheit, deren Ursache die bisherigen zu triumphalen und zu bedingungslosen Siege Israels gewesen sind. Diesmal haben aber weder die israelischen Diplomaten, noch die israelische Armee, noch die israelischen Geheimdienste geglänzt. Auf die moderne Fassung eines Partisanenkrieges war Israel nicht vorbereitet. Israel nahm das Gefecht mit alten Vorstellungen vom Krieg auf, ohne in seinem Arsenal eine adäquate Waffe zu haben und ohne richtig zu begreifen, worauf es diesmal stoßen wird. Die israelischen Spionagedienste hatten anscheinend keine exakte Vorstellung vom Arsenal der Hisbollah und von der möglichen Taktik des Gegners und dessen Stützpunkten.

Der Schluss daraus ist klar. Israel muss, wenn es überleben will, die Waffenruhe nutzen, um diese Mängel zu beseitigen. Wenn die jüngsten Ereignisse nicht kritisch analysiert werden, wenn sie für Israel nicht zu einer kalten ernüchternden Dusche werden, so ist es schlecht um Israel bestellt. Ein dauerhafter Frieden ist natürlich besser als ein Krieg, deshalb muss die Diplomatie mit doppelter Energie an die Arbeit herangehen, ein Frieden ist aber leider kaum wahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass in einiger Zeit viel modernere Raketen auf Israel einstürzen werden.

Es wäre übrigens keine Überraschung, wenn Israel aus dieser bitteren Erfahrung die richtigen Schlüsse ziehen und sich endlich zum russischen Rüstungsmarkt hinwenden wird. Gerade dort kann es besonders effektive Raketenabwehrsysteme finden. Die braucht es wie die Luft zum Atmen. Ein ganz konkretes Beispiel: Der russische Raketenabwehrkomplex Igla-S ist fähig, die Raketen vom Mehrfachraketenwerfer des Typs Grad abzufangen, mit denen Israel der größte Schaden zugefügt wurde, während die amerikanischen Stingers, mit denen Israel gegenwärtig bewaffnet ist, dazu nicht geeignet sind.

Der russische Fla-Raketenkomplex Tor-M1 ist ebenfalls fähig, solche Geschosse abzuschießen, von taktischen und ballistischen Raketen ganz zu schweigen - im Unterschied zum amerikanischen Komplex Patriot-3, über den die israelische Armee verfügt. Indessen fliegen die Hisbollah-Raketen bereits heute 70 Kilometer weit, morgen werden sie noch viel weiter fliegen können.

Selbstverständlich würde Israels Interesse für den russischen Waffenmarkt dem amerikanischen Rüstungskomplex gar nicht gefallen. Dies wäre aber schon ein Problem der Effektivität der israelischen Diplomatie.

Zu den Verlierern gehört natürlich auch die libanesische Regierung, weil sie ihre absolute Machtlosigkeit gezeigt hat. Wenn das offizielle Beirut diesen Krieg gewünscht hatte, warum hat dann die libanesische Armee keinen einzigen Schuss abgegeben? Wenn das offizielle Beirut Frieden gewünscht hatte, warum hat es keinen einzigen Schritt unternommen, um der Hisbollah Widerstand zu leisten? Die Antwort ist offensichtlich: Weil es das nicht konnte. Es geht um eine absolute Willen- und Machtlosigkeit des offiziellen Beirut. Diese Machtlosigkeit durchkreuzt übrigens auch alle Hoffnungen auf eine lange Waffenruhe. Die libanesische Regierung, der auch Hisbollah-Vertreter angehören, ist einfach nicht fähig, Nasrallah Widerstand zu leisten, geschweige denn zu entwaffnen.

Viele meinen, dass die Hisbollah bei den jüngsten Zusammenstößen etwas gewonnen hat. Ich teile diese Meinung nicht, obgleich es dafür heute genügend Argumente gibt. Die gewichtigsten davon sind das Jubeln auf arabischen Straßen und das gewachsene Ansehen des Hisbollah-Führers. Heute ist Nasrallah als Che-Guevara-Kopie im Trend. Seine Bilder, T-Shirts mit seinem Konterfei und Sonstiges sind heute die gängigste Ware. Die Leute, die das kaufen, haben von den Terrorakten in den USA, in Madrid und London sowie im russischen Beslan usw. nichts gelernt.

Mit dem echten Che Guevara hat Nasrallah natürlich nichts gemein. Che Guevara hätte nie zwei amerikanische Soldaten vom Stützpunkt in Guantanamo entführt, weil er gewusst hätte, dass der Preis dafür der Tod von Tausenden Kubanern und die Zerstörung der Hälfte der Freiheitsinsel gewesen wäre. Im Unterschied zum Revolutionär Che Guevara bedeutet ein Menschenleben für Nasrallah und seine Anhänger gar nichts. In einem Euronews-Interview erklärte einer seiner exaltierten Fans fröhlich: "Die Verluste spielen keine Rolle. Hauptsache, wir haben gesiegt. Es lebe Nasrallah!" Wenn das die Stimme des libanesischen Volkes ist, so stehen ihm große Leiden bevor.

Sobald aber die Vernunft die Oberhand gewinnt, wird sich der illusorische Sieg der Hisbollah in ein totales Fiasko verwandeln. Die Mudschaheddin haben zwar gezeigt, dass sie hervorragend organisiert sind und einen modernen Partisanenkrieg führen können. Zugleich haben sie aber auch gezeigt, dass das Leben der Libanesen für sie nichts wert ist. Wenn die Zeit kommt, das Zerstörte wiederherzustellen und die Kriegsschäden zu erfassen, wird ein nüchtern denkender Mensch zur Waage greifen. Auf der einen Waagschale werden dann die entführten israelischen Soldaten liegen und auf der anderen - alles, was dieser Mensch um sich herum sieht. Das Ergebnis wird nicht zu Gunsten der Hisbollah ausfallen.

Auf der politischen Karte des Libanon kann die Hisbollah nur unter den Bedingungen eines absoluten Vakuums weiter bestehen, bei der jetzigen völlig nichtigen Regierung und der Schwäche der anderen politischen Kräfte. Schon die erste gesunde und reale politische Kraft oder sogar ein Politiker, der riskieren wird, auf eine reale Souveränität des Libanon zu setzen, würde der Hisbollah die meisten der heutigen Anhänger wegnehmen. Nicht einmal das iranische Geld wird da viel helfen.

Vielleicht wird das nicht morgen geschehen - alles wird von der Vernunft der Libanesen abhängen - aber schon heute hat Nasrallah verloren. Im Unterschied zu den anderen werden ihm aber schon keine Schlussfolgerungen mehr helfen.

Schon wieder hat auch die UNO verloren. Der Sicherheitsrat hat eine Resolution produziert, die lauter Fragen enthält. Nicht klar ist, wer, auf welche Weise und wann Ordnung in der Region schaffen wird. Solange die UNO nur eine beschwichtigende Organisation ist, bleibt sie genauso uneffektiv wie heute. Solange die Weltorganisation keinen Zwang zum Frieden betreibt, solange "Blauhelme" aus Fidschi als Friedensgaranten agieren, solange der Sicherheitsrat nicht begreift, dass es mitunter nicht schadet, auch Drohungen zu formulieren, bleibt der Frieden im Nahen Osten wie auch in jeder anderen Region fragil. Die UNO scheint ihre Funktionen mit denen vom Roten Kreuz zu verwechseln. Die Menschheit braucht kein zweites Rotes Kreuz, eine effektive UNO tut aber not.

Die USA haben ebenfalls verloren. Das Ansehen des Spitzenreiters der westlichen Zivilisation ist bodentief gesunken. Die Schlussfolgerung für diesen Fall ist auch längst offensichtlich, das Weiße Haus ignoriert sie aber genauso lange. Wenn sich die USA selbst nicht in einen Pariah-Staat verwandeln wollen, müssen sie ihr Temperament bändigen und der Meinung der anderen Mitglieder der internationalen Völkergemeinschaft Gehör schenken.

Verloren hat auch Europa. Die europäische Einheit wurde wieder übermäßigen Belastungen ausgesetzt und hielt dem Druck nicht stand. Ein Teil Europas folgte Frankreich, ein anderer den USA. Auch hier ist die Schlussfolgerung klar: Die viel zu rasante und nicht bis zum Schluss durchdachte EU-Erweiterung schadet der europäischen Einheit. Es ist unvernünftig, ein Gebäude weiter aufzustocken, wenn das Fundament noch nicht richtig steht. Ein solches Fundament gibt es vorerst nicht.

Natürlich ist das bei weitem nicht die vollständige Liste der Verlierer. Gewinner gibt es aber keine. [ RIA Novosti ]