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19-08-2006 Russland und Nahost
Wer den Krieg verloren hat
[von Wladimir Simonow] Wie geht es nach der Feuereinstellung weiter? Menschen, die ihre toten Angehörigen beweinen und um ihr Heim gebracht worden sind - wie denken sie nun über den Sieg in einem Krieg, der sie nichts anging?

Jetzt, da die Resolution des UN-Sicherheitsrates die 34-tägige Schlacht Israels gegen die Hisbollah-Extremisten gestoppt hat, beeilt sich jede der Seiten, der Welt voller Freude die zu einem V geformten Finger zu zeigen: Victory, Sieg!

Der Hisbollah-Führer Scheich Nasralla schreibt sich den "strategischen historischen Sieg" zu. Nicht minder sicher ist Premier Ehud Olmert, dem es scheint, dass durch Erschöpfung der Hisbollah gerade Israel gesiegt habe. Und selbst George Bush - wo gäbe es ein Postament für Sieger ohne den US-Präsidenten? - preist die führende und lenkende Rolle der amerikanischen Diplomatie bei der Vorbereitung der vielzitierten friedensdienlichen Resolution Nr. 1701.

Nur wenige denken darüber nach, wer in Wirklichkeit in die Lage der Besiegten geraten ist.

Wen die Geschichte zum Sieger des jüngsten Nahostkrieges - wenn es da einen Sieger überhaupt gibt - auch erklären mag, eines steht schon heute fest: Ihn haben diejenigen verloren, die zum Krieg die indirekteste Beziehung hatten: die Zivilbevölkerung von Libanon und Israel. Menschen, die ihre Angehörigen, ihr Heim und vielleicht das Wertvollste verloren haben: die Hoffnung, dass ihnen noch an ihrem Lebensabend mehr oder weniger friedliche Tage beschieden sein werden.

Nach Angaben der Verteidigungsarmee von Israel sind in den Tagen des Konfliktes neben 114 Militärangehörigen noch 43 friedliche Israelis ums Leben gekommen. Die Opfer in der Zivilbevölkerung Libanons liegen weit über 1 000, und die Verluste der Hisbollah-Extremisten hat keiner der ausländischen Beobachter speziell gezählt. Selbst wenn das jemand täte, würde die Hisbollah den Zahlen, wie sie auch ausfallen würden, nie zustimmen.

Diese Disproportion der Verluste beider Seiten kann gewiss als eine weitere Bestätigung für die Unverhältnismäßigkeit der militärischen Reaktion Israels ausgelegt werden. Auf die Entführung von zwei Soldaten antwortete es unter Einsatz von Militärflugzeugen und Panzern mit einem monatelangen Pogrom in einem ganzen Land. Aber lassen Sie uns die Situation einmal mit den Augen einer israelischen Familie betrachten, die irgendwo in Haifa wochenlang den Bombenbunker nicht verlassen konnte. Welch seelische Qualen kostet es, die letzten Tropfen von Trinkwasser zwischen den Kindern aufzuteilen und nur zwischendurch schlafen zu dürfen, in den kurzen Pausen zwischen dem Heulen der einen Rakete und dem der nächsten!

Die menschlichen Leiden lassen sich nicht mit der Zahl der vergossenen Tränen ermessen. Der menschliche Kummer ist nicht in Prozent zu errechnen.

Diese Gemeinsamkeit und Gleichheit des Unglücks, das die friedlichen Einwohner von Libanon und Israel wegen des Kriegs heimsuchte, finden ihren Ausdruck insbesondere darin, dass die Flüchtlingszahlen hüben wie drüben im Grunde nur unwesentlich differieren. Gemäß den Angaben der UNHCR (Behörde des UN-Hochkommissars für Angelegenheiten der Flüchtlinge) und der Regierung Libanons haben die israelischen Bombenangriffe 700 000 bis 900 000 Libanesen aus ihren Heimen nach Syrien vertrieben. Die internationale Organisation "Human Rights Watch" zählt zu den versetzten - nota bene: von der Furcht vor den Hisbollah-Raketen versetzten - Personen ungefähr 500 000 Israelis.

Darüber hätten eigentlich Premier Olmert und Scheich Nasralla noch rechtzeitig nachdenken sollen, als der eine die Erweiterung der Operationen der israelischen Armee befahl und der zweite den Einsatz von Raketen mit immer weiterer Flugstrecke, die aus den Arsenalen von Syrien und Iran geliefert wurden, sanktionierte. Zehntausende Flüchtlinge, die heute die Straßen Libanons überschwemmen, sind ein Schuldspruch, und er belastet die oberste Führung beider Seiten, die ihre Völker in dieses Gemetzel verwickelten, gleich schwer. Unabhängig davon, mit welchen historischen, patriotischen und sonstigen Erwägungen sie ihre Handlungen auch rechtfertigen mögen.

Ein Monat der israelischen Bombardierungen kostete Libanon, wie seine Regierung errechnet hat, 2,5 Milliarden Dollar. Doch die endgültige Summe der Verluste wird natürlich weit höher liegen. Heute ist ein Libanon ohne Brücken, Straßen, Flughäfen, elektrische Leitungen, Schulen und Krankenhäuser ebenso handlungsunfähig wie ein Invalide, dem die Extremitäten amputiert wurden.

Dem Schaden könnten noch die 50 Milliarden Dollar angerechnet werden, die im letzten Jahrzehnt im Wiederaufbau des Landes nach dem Bürgerkrieg von 1975 - 1989 angelegt und die, wie sich heute herausstellt, zum Fenster hinausgeworfen wurden. Genauer: unter die Zieleinrichtungen der israelischen Bomber.

Aber Straßen und Flugplätze lassen sich leichter wiederherstellen als das Vertrauen von Investoren. Weil der Krieg sie zur Flucht zwang, läuft Libanon Gefahr, in seinem Staatshaushalt ein Manko von etwa 600 Millionen Dollar feststellen zu müssen, und die Wirtschaft insgesamt wird an die 2 Milliarden verlieren. Das sind kritische Beträge für Libanon, wenn man daran denkt, dass sein Bruttoinlandsprodukt für das Jahr 2005 auf rund 24 Milliarden geschätzt wird.

Viel notwendiger als neue, ebenso weitläufige wie ohnmächtige UNO-Resolutionen sind für Libanon heute sofortige gigantische Geldspritzen der internationalen Gemeinschaft zur Wiederherstellung all dessen, was hier schwer aufzuzählen ist. Die Rede ist gerade von Hilfe, nicht etwa von Krediten. Für den Anfang würden 3 Milliarden Dollar reichen, meinen führende libanesische Wirtschaftsexperten. Was die internationale Gemeinschaft dazu meint, wird die Konferenz über den Wiederaufbau Libanons zeigen, zu der am 31. August nach Stockholm beinahe 60 Spenderländer eingeladen sind.

Aber ist es nicht noch zu früh, mit der Enttrümmerung zu beginnen und Beton zu mischen? Nachdenklich stimmt zum Beispiel folgende Erklärung Ehud Olmerts in einer Regierungssitzung bereits nach der Feuereinstellung:

"Wir werden sie (Hisbollah-Führer) weiter verfolgen, immer und überall, und wir haben nicht die Absicht, um Entschuldigung oder jemanden um Genehmigung zu bitten."

Als die Flüchtlinge in das libanesische Städtchen Bint Jbeil zurückgekehrt waren, fanden sie dort Ruinen, Menschenleere und die in Folie gehüllte Leiche einer Frau, die dort zwei Wochen lang gelegen hatte. Es war also wirklich niemand da, den man um Entschuldigung und Genehmigung hätte bitten können. [ RIA Novosti ]