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08-02-2007 Russland und Nahost
Putin in Nahost: Freundschaftsbesuche auf fremden Terrains
[von Marianna Belenkaja] Der russische Präsident Wladimir Putin dringt mit Kooperationsangeboten in die historische Einflussphäre des Westens in Nahost. Der russische Präsident Wladimir Putin wird vom 11. bis zum 13. Februar Saudi-Arabien, Katar und Jordanien besuchen. Allein schon der Fakt des Besuchs kann als historisch gelten: Noch nie haben russische Staatschefs diese Länder besucht - von der Teilnahme Boris Jelzins an der Beisetzung des jordanischen Königs Hussein 1999 mal abgesehen.




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Bezeichnenderweise entwickelte sich die Zusammenarbeit mit diesen Ländern erst unter Präsident Putin. Seit 2001 hat Jordaniens König Abdallah II. Russland sechs Mal besucht. 2001 war Katars Emir Hamad bin Khalifa Al Thani und 2003 Saudi-Arabiens Kronprinz und heutiger König Abdallah bin Abdel Aziz Al Saud in Russland. Auffällig dabei ist auch, dass zwischen 2001 und 2003 die aktive Phase der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit diesen Ländern und die Entwicklung eines politischen Dialogs begann.

In diesen Jahre kam es auch zu grundlegenden Veränderungen in der Geschichte des Nahen Ostens: Die Terrorakte am 11. September in den USA, der Sturz des Saddam-Regimes im Irak und das Scheitern des 1991 eingeleiteten Prozesses des Nahostfriedens. Die Welt und das Kräftegleichgewicht in der Region wandelten sich. Auch die Einstellung der Nahostländer zueinander und zur restlichen Welt ist im Wechsel begriffen. Anders werden auch die inneren Probleme aufgenommen, die auf einmal zur Schau getragen wurden. Es handelt sich in erster Linie um die politische Reformierung der arabischen Länder und die Radikalisierung des Islam.

Interessante Prozesse sind zugleich auch in Russland im Gange: Diversifizierung der Außenpolitik und Überwindung der für die 90er Jahre charakteristischen prowestlichen Tendenz, Streben nach innerer Stabilität; vor allem durch die Aufrechterhaltung eines zwischennationalen und -konfessionellen Gleichgewichts, wobei der islamische Faktor eine beträchtliche Rolle spielt. Immer nachdrücklicher positioniert sich Russland als ein Vermittler zwischen Ost und West. Ob es gelingt oder nicht - noch ist es zu früh, davon zu sprechen. Dabei handelt es sich um eine nie dagewesene Annäherung an die islamische Welt, das Interesse an intensiveren Geschäftskontakten mit den arabischen Ländern und die beachtlichen Aktionen bei der Nahostregelung - all das charakterisiert Russlands Politik der letzten Jahre. Diese Politik genießt Vertrauen im Nahen Osten. Nicht zufällig bekam Russland 2005 einen Beobachterstatus bei der Organisation Islamische Konferenz. Außerdem wurde 2006 eine Gruppe für die strategische Vision „Russland - islamische Welt“ gebildet.

Es handelt sich wirklich um einen Versuch, einen neuen Blick auf die regionalen Krisen zu entwickeln - auf den palästinensisch-israelischen Konflikt, auf die Situation im Irak, in Afghanistan, im Libanon und in Iran. Es geht auch um eine Koordinierung von Interessen im Kaukasus und in Zentralasien. Moskau begrüßt auch die Hilfe der islamischen Länder für die russischen Moslems - Hauptsache, sie sollen den nationalen und den religiösen Faktor nicht gegen Russland anwenden. Aber auch die andere Seite braucht die Unterstützung Moskaus im Kampf gegen die Islamphobie. Einige möchten Moskau auch als ein Gegengewicht zu den USA in dieser Region sehen.

Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte allerdings: „Wir haben nicht vor, mit diesem oder jenem Land oder in dieser oder jener Region zu konkurrieren. Wir streben nach einer Kooperation. Russlands Interesse für die Region des Persischen Golfes und für den Nahen Osten war überhaupt stets sehr groß, weil uns mit dieser Region historisch überaus stabile und tiefe Beziehungen verbinden. Mit einigen Ländern der Region erreichen wir ein qualitativ völlig neues Niveau der Zusammenarbeit. Wir spüren das Interesse aus arabischen Wirtschaftskreisen an weiteren Beziehungen mit ihren russischen Partnern. Wir sehen, dass unsere Positionen und die Standpunkte der Führungspolitiker dieser Länder zu einer ganzen Reihe der größten und akutesten internationalen Probleme einander sehr ähnlich beziehungsweise sogar identisch sind, wie das die Diplomaten so nennen.“

Das heißt, dass Russlands Beziehungen mit den Ländern der arabischen Regionen - unter anderem mit jenen, die sich historisch im Einflussbereich des Westens befinden (Katar, Saudi-Arabien und Jordanien) - auf der Grundlage des gegenseitigen Vorteils gestaltet werden. Das gilt sowohl für die Politik als auch für die Wirtschaft. Letzteres entspricht allerdings nicht dem Entwicklungstempo der politischen Zusammenarbeit.

Der Warenumsatz mit Katar beträgt lediglich 55 Millionen Dollar, 50 Millionen davon entfallen auf Lieferungen von russischen KamAZ-LKWs. Mit Jordanien ist zwar dieser Umsatz 2005 etwa auf das Dreifache gewachsen, er bleibt aber mit 140 Millionen US-Dollar relativ gering. Der Warenumsatz mit Saudi-Arabien erreichte in den elf Monaten 2006 die Rekordhöhe von 250 Millionen Dollar.

Von den drei Ländern, die Präsident Putin besuchen soll, erscheint die wirtschaftliche Zusammenarbeit gerade mit Saudi-Arabien besonders zukunftsträchtig. In den Machtkorridoren beider Länder wird eine Steigerung des Warenumsatzes auf zwei bis drei Milliarden Dollar anvisiert, wobei das allerdings noch nicht offiziell ist. Auch Jordanien bietet bereits russischen Unternehmern konkrete Großprojekte an.

Der wichtigste Kooperationsbereich wird zweifellos die Öl- und Gasbranche sein. Es geht um eine Koordinierung der Lieferungen von Energieträgern. Interessante Möglichkeiten gibt es aber auch in solchen Bereichen wie Stromenergiewirtschaft, Verkehrswesen, Bauindustrie, Forschung und Technik (zum Beispiel eine Kooperation in der Weltraumforschung). Ein neues Thema in Bezug auf Katar und Saudi-Arabien könnte die militärtechnische Zusammenarbeit werden. Im Dialog mit anderen Ländern des Nahen Ostens, u. a. mit Jordanien, ist dieses Thema nicht mehr neu.

Insofern werden mit Putins Visite große Hoffnungen verbunden. Damit handelt es sich weder um einen Formal- noch um einen Höflichkeitsbesuch. [ RIA Novosti  / russland.RU ]