russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



11-10-2006 Petersburger-Dialog 2006
Die Shtokman-Entscheidung: Schlechte Stimmung in Norwegen
[  von Ulrich Kreuzenbeck, Herausgeber russland.RU - Internettavisen  ]
Die Entscheidung des Energiegiganten Gazprom, das Shtokman-Feld in der Barentssee ohne ausländische Konsortiumspartner zu erschließen, hat Norwegen weitgehend unvorbeitet getroffen und überwiegend große Bestürzung ausgelöst. Doch ist der geplante russische Alleingang wirklich eine Überraschung?


Nein, die Gazprom-Entscheidung in Sachen Shtokman ist keinesfalls eine wirklich große Überraschung. Bereits vor zwei Wochen schrieben wir in einem Leitartikel der norwegischen Ausgabe von russland.RU über den Wettkampf um die Shtokman-Vergabe: „Es ist nicht besonders spekulativ davon auszugehen, daß Deutschland und Russland sich auf eine Vereinbarung einigen können, die nach dem Prinzip Produktionsanteile gegen Marktanteile abgeschlossen wird“.

Außerdem sahen wir voraus, daß es eine ”gewisse Wahrscheinlichkeit dafür gibt, daß das Shtokman-Konsortium ganz anders aussehen wird, als man glaubt” – nämlich ohne die USA. Daß die „shortlist“ und das Konsortiums-Modell nun ganz und gar über Bord geworfen wurden, sollte man vor allem als einen neuen Spielzug im spannenden Wettbewerb um den begehrten Shtokman-Schatz (das größte europäische Energievorkommen) bewerten. Das Spiel ist noch lange nicht zu Ende, die Karten sind nur neu gemischt.



Die USA haben die Runde verlassen, daß scheint klar. Und Deutschland ist eindeutig auf der Gewinnnerseite. Aber es sieht dennoch nicht so schlecht für Norwegen aus, wie die meisten es dort als unmittelbare Reaktion befürchteten. Der norwegische Aussenminister Jonas Gahr Støhre hat wahrscheinlich Recht, wenn er die norwegischen Chancen nicht als aussichtslos einschätzt.

Viele – darunter auch der Verfasser dieses Artikels - sind der Auffassung, daß der aktuelle Gazprom-Spielzug, das geplante Konsortium zu begraben, in erster Linie ein mehr oder weniger eleganter Weg ist, die amerikanischen Kandidaten an den Spielrand zu drängen. Wie bereits vor zwei Wochen von uns vorausgesagt, ist Shtokman vor allen Dingen eine europäische Angelegenheit. Und Norwegen ist eindeutig ein Teil der europäischen Mannschaft – auch wenn es nicht zur EU gehört.

Was ist nun der Einsatz im Endspiel um die Shtokman-Meisterschaft? Meiner Meinung nach dreht es sich nicht um Geld. Gazprom ist dem Marktwert nach der drittgrößte Konzern der Welt. Es dürfte für den Energiegiganten kein wirkliches Problem darstellen, das Shtokman-Projekt alleine zu finanzieren – entweder mit eigenen Mitteln oder mit Krediten, die der grundsoliden Firma sicherlich vielfach angeboten werden.

Das was wirklich zählt, sind hingegen zwei andere Faktoren: Marktzugang und Technologie

Marktzugang

Der deutsche Einsatz in der Shtokman-Endrunde ist die Bereitschaft, den Russen die Teilhabe am europäischen Distributionsnetz zu ermöglichen. Präsident Putin unterstrich am Dienstag in Deutschland, wie sehr er sich darüber freut, daß Deutschland russische Investitionen willkommen heist. Dies war ein klares Signale gegenüber jenen Ländern, die russischen Investitionen ablehnend gegenüber stehen.

Marktanteile gegen Produktionsanteile – dies ist eine klare und einfache Formel, die Russland schon mehrfach vorgeschlagen hat. Denn die russischen Ambitionen zielen darauf ab,mehr als nur ein Rohstoff-Lieferant zu sein. Die Russen möchten berechtigterweise auch am Verkauf mitverdienen und ihre Stellung sichern.

Es scheint, daß Deutschland den russischen Wünschen weit entgegen kommt. Und das ist gut so, denn auf diese Weise entsteht eine typische „win-win-Situation“. Sie garantiert Deutschland und den durch Deutschland belieferten eurpäischen Märkten eine sichere Energieversorgung (durch die Teilhabe an den Energiequellen) und der russischen Seite einen gewissen Einfluß auf die Absatzkanäle und damit größere Unabhängigkeit.

Das Gemeinschaftsprojekt Nord Stream (auch als Nordeuropäische Gaspipeline bekannt) ist ein gutes Beispiel für eine russisch-europäische Energie-Kooperation zu beiderseitigem Nutzen. Nord Stream gehört Gazprom (51 %), BASF Wintershall und Eon Ruhrgas sowie der holländischen Gazunie (mit Rugrgas als einem wichtigen Aktionär) gemeinsam.

Technologie

Wenn es um die zweite Trumpfkarte geht – Technologie – hat Norwegen einige Vorteile. Mit der dortigen Erfahrung im Offshore-Bereich, auch in nördlichen Gewässern wie zum Beispiel dem Snøhvit-Projekt in der Barentssee vor der Küste der Nordprovinz Finnmark, hat Norwegen Gazprom einiges zu bieten. Daher ist es weiterhin sehr wahrscheinlich, daß Norwegen eine bedeutende Rolle als Lieferant von Produkten und Dienstleistungen spielen wird. Auch das kann sehr lukrativ sein. Und es kann sicherlich nicht ausgeschlossen werden, daß Norwegen auch auf höherer Ebene an der Erschließung des Shtokman-Vorkommens beteiligt wird.

Die Norweger müssen sich jedoch wohl oder übel damit abfinden, daß sie nicht die ganz große Rolle spielen werden, von denen viele im nördlichen Königsreich geträumt haben. Einige norwegische Visionen bezüglich des Shtokman-Projektes waren von allzu großer Selbstsicherheit geprägt, fast könnte man schon von einer gewissen Arroganz gegenüber dem russischen Nachbarn sprechen. Ein typisches Beispiel hierfür ist der vor einigen Wochen präsentierte Plan einer norwegisch-russischen Freihandelszone („Pomor-sonen“) im gemeinsamen Grenzgebiet.

Dieser Plan hat allerdings den nicht unbedeutenden Schönheitsfehler, daß er ohne wesentliche Mitwirkung des russischen Partners entwickelt wurde und vor allem die norwegische Perspektive einnimmt. So konnte man den Eindruck gewinnen, daß die norwegische Grenzgemeinde Sør-Varanger (mit dem Hauptort Kirkenes) der eigentliche Mittelpunkt des Shtokman-Projektes sei und nicht etwa die russische Regionshauptstadt Murmansk. Selbst die Vorsteherin der betroffenen norwegischen Provinz Finnmark, Kirsti Saxi, war über diese - vornehm ausgedrückt – unsensible Vorgehensweise bestürzt.

Aber wie gesagt (unter anderem vom norwegischen Aussenminister Gahr Støre): die neue Situation ist keinesfalls hoffnungslos für Norwegen, wenn man die richtigen Spieler ins Feld bringt. Und möglicherweise ist eine deutsch-norwegische Zusammenarbeit in Sachen Shtokman eine interessante Spielvariante.

Deutschland kann zufrieden sein

Während die USA den Shtokman-Wettkampf aller Wahrscheinlichkeit verloren haben und die Position Norwegens noch relativ unklar ist, hat Deutschland allen Grund zufrieden zu sein. Dort besteht nun die Chance, sich von einem gewöhnlichen Gasverbraucher zu einer Art europäischen Dostributionszentrale für russische Energie zu entwickeln, wie Präsident Putin es in Dresden auf den Punkt brachte.

Als ehemaliger Ruhrpott-Bewohner, der heute in Murmansk lebt und dort vor allem für den norwegischen Markt arbeitet, freue ich mich ganz besonders über einen Nebeneffekt der verstärkten Deutschland-Orientierung von Gazprom. Mein Lieblingsverein FC Schalke 04 aus hat einen lukrativen Sponsor-Vertrag mit Gazprom abgeschlossen, der je nach Erfolg der Traditionsmannschaft in den nächsten fünf Jahren bis zu 100 Millionen Euro in die Kassen der Knappen aus Gelsenkirchen fließen läst. Wer hätte übrigens so etwas vor ein paar Jahren für möglich gehalten: ein russischer Konzern sponsort eine deutsche Bundesliga-Mannschaft?

Die Zeiten haben sich deutlicherweise geändert. Der Shtokman-Wettbewerb ist ein gutes Beispiel für die neue Bedeutung Russlands in Europa.

Was nun ganz genau mit dem Shtokman-Projekt geschehen wird, ist weiterhin eine offene Frage. Es würde mich nicht wundern, wenn im weiteren Verlauf sowohl Deutschland als auch Norwegen eine wichtige Rolle spielen werden. Und es kann doch keine Zufall sein, daß Gazprom ausgerechnet eine Mannschaft aus dem Ruhrgebiet sponsort, aus der Region, in der auch Ruhrgas zu Hause ist?

Wie schon am Anfang gesagt: das Spiel ist noch nicht zu Ende. Die Karten wurden nur neu verteilt – es bleibt spannend.

[  von Ulrich Kreuzenbeck, Herausgeber russland.RU - Internettavisen  ]