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10-10-2006 Petersburger-Dialog 2006
Mauern um Putins einstige Wirkungsstätte eingerissen
Falls der russische Präsident Wladimir Putin bei seinem Dresden-Besuch am Dienstag in der Angelikastraße 4 vorbeigeht, wird es ihm schwer fallen, das Haus wiederzuerkennen.

Einst war dies eine gefürchtete Adresse, heute finden dort Seminare zur Selbstfindung statt: Wo derzeit die Anthroposophische Gesellschaft residiert, hatte vor der Wende der sowjetische Geheimdienst KGB seine Dresdner Schaltzentrale. Dass Putin als KGB-Spion von 1985 bis 1989 in der Angelikastraße 4 ein- und ausging, wurde erst bekannt, als er es elf Jahre später an die Spitze des Kreml geschafft hatte.

Die Anhänger des Begründers der Anthroposophie, Rudolf Steiner, haben Einiges getan, um die düstere Vergangenheit der fast hundert Jahre alten Villa in Dresden-Loschwitz vergessen zu machen. Die hohen Mauern rings um das Gelände rissen sie ein und pflanzten neue Bäume, und die einst verhängten Innenräume leuchten heute hell in Pastellfarben.

Auch in der Radeberger Straße 101, weniger als einen Kilometer von der ehemaligen KGB-Zentrale entfernt, erinnern sich nur noch wenige an den ehemaligen Geheimdienstmajor, der heute russischer Präsident ist. Hier wohnte Putin in seiner Dresdner Zeit. Doch während sich am Haus seit der Wende kaum etwas geändert hat, haben die Bewohner gewechselt. "Hier wohnten vor allem Angestelle der Staatssicherheit, aber nach der Wiedervereinigung sind sie fast alle weggezogen", erzählt ein Ehepaar, das seit 1995 in dem Haus wohnt.

Ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und Ex-Nachbar Putins erinnert sich allerdings noch gut an seinen russischen Kollegen. "Er war ein guter Kamerad, ein objektiver Mensch und sehr professionell", erzählt er. Auch wenn er nicht mit ihm zusammengearbeitet habe, so erinnert er sich doch, dass Putins Wort Gewicht gehabt habe. Seine Freizeit verbrachte der ehemalige Geheimdienstmann häufig im Café "Am Thor" am ehemaligen Platz der Nationen, der heute Albertplatz heißt. "Er kam oft zu uns", erinnert sich eine Kellnerin lächelnd, während der Inhaber des Cafés über diese Vergangenheit lieber nicht sprechen will.

Einen denkwürdigen Auftritt hatte Putin am KGB-Sitz in der Angelikastraße am Nikolaus-Abend des Jahres 1989, knapp einen Monat nach dem Mauerfall. Vor der Geheimdienstzentrale sah sich der damals 37-Jährige plötzlich mit einer wütenden Menge von Demonstranten konfrontiert. Sie verlangten die Herausgabe der KGB-Akten, nachdem sie zuvor bereits die gegenüberliegende Stasi-Zentrale gestürmt hatten. Zwei Soldaten hatten Kalaschnikows im Anschlag. Putin gab sich als Dolmetscher aus und sagt den Demonstranten in sehr gutem Deutsch, eher würde er sterben, als die Unterlagen herauszurücken. Der kaltblütige Auftritt wirkte - die Demonstranten wagten es nicht, die KGB-Zentrale zu stürmen.