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10-10-2006 Petersburger-Dialog 2006
Der Anti-Zynismus von Anna Politkowskaja
[von Andrej Kolesnikow] Das Attentat auf Anna Politkowskaja steht in einer Reihe mit den anderen spektakulären Journalistenmorden in Russland: angefangen bei Dmitri Cholodow bis hin zu Paul Khlebnikov.

Bei all diesen Verbrechen gerieten recherchierende Reporter ins Visier der Mörder. Anna Politkowskaja berichtete über Tschetschenien. Ihr Name und ihre Artikel lösten immer ein starkes Echo aus.

Recherchen sind ein gefährliches Genre. Recherchen in dem immer noch unruhigen Tschetschenien bedeuten eine dreifache Gefahr. Das Attentat auf die Journalistin gibt ein klares Signal, dass es in Tschetschenien nicht so gut geht, wie man bislang glaubte. Das war nicht nur einfach ein Auftragsmord. Anna Politkowskaja starb in der Friedenszeit an den Folgen des Tschetschenien-Krieges. Dieser Krieg entfaltete eine starke Trägheit, und seine ehemaligen Teilnehmer werden noch lange von den Kriegsfolgen nicht verschont bleiben.

Die Journalistin Anna Politkowskaja setzte sich mit ihrer Berichterstattung für die Menschenrechte ein. Dies erforderte ein persönliches Engagement für die Menschenschicksale, die Politkowskaja mit ihren Artikeln zu schützen versuchte. Eine solche Journalistik darf sowohl naiv als auch von Pathos geprägt sein. Sie darf jedoch nicht zynisch sein. Sie trotzt den "höheren Interessen" und der Ungerechtigkeit.

In einem ihrer letzten Beiträge, der der russischen Politik gewidmet war, gebrauchte Politkowskaja den Begriff "Anti-Zynismus". Das Fehlen von Zynismus und der Kampf gegen ihn waren für ihre Berichterstattung maßgebend und prägten ihre Beiträge inhaltlich und stilistisch.

Die Ermordung einer öffentlichen Persönlichkeit dient immer dazu, jemandem etwas zu zeigen. Ein solcher Mord ist von Anfang an dafür bestimmt, Schlagzeilen zu machen. Solche Morde hinterlassen viele Geheimnisse und lösen ein starkes Echo aus. Bei solchen Morden ist der Kreis der Verdächtigen immer zu weit. Solche Morde lassen sich aus kriminellen und manchmal auch aus politischen Gründen sehr schwer aufdecken. Eben darauf rechnen die Mörder und ihre Drahtzieher.

Am einfachsten wäre es, die jetzige tschetschenische Führung verantwortlich zu machen, und persönlich Premierminister Ramsan Kadyrow, über den Politkowskaja in vielen ihrer Enthüllungsbeiträge geschrieben hatte. Eine weitere logische Schlussfolgerung ist, dass der Mord denjenigen in die Hände spielt, die den Verdacht auf die gegenwärtige tschetschenische Führung lenken wollten.

Die Ermittler gehen vielen Spuren nach, und die Ermittlung wird höchstwahrscheinlich ergebnislos ausgehen. Das wäre schade. Denn ein Menschenleben ist ein zu hoher Preis, um ein weiteres Mal auf politische, soziale und moralische Probleme der russischen Gesellschaft aufmerksam zu machen. [ RIA Novosti ]