russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



09-10-2006 Petersburger-Dialog 2006
Rätselhafter Mord an Journalistin Anna Politkowskaja - Versionen und Kommentare
Die Journalistin von der Zeitung "Nowaja Gaseta", Anna Politkowaskaja, ist am Samstagabend in ihrem Moskauer Wohnhaus erschossen worden.

Wie die Ermittlungsbehörde verlauten ließ, hatte der Täter der Journalistin im Treppenhaus des Erdgeschosses aufgelauert. Sie sei nach dem Einkauf mit dem Auto zurückgekehrt, habe einen Teil ihrer Einkaufstüten in die Wohnung gebracht und sei nochmals hinaus gegangen, um den Rest zu holen. Als sie den Aufzug verlassen wollte, sei sie vom Mörder in die Brust geschossen worden - danach habe der Täter den zweiten, den so genannten "Kontrollschuss" auf ihren Kopf abgegeben, teilte ein Vertreter des Ermittlerteams mit.

Soweit es den Ermittlern bekannt ist, wurde die Journalistin die ganze Zeit auf ihrem Weg verfolgt. Der Täter habe die Code für den Hauseingang gekannt. "Die Tat ist geplant und sorgfältig vorbereitet worden. Nur stellt sich die Frage, warum der Täter die Überwachungskamera im Hausflur nicht ausgeschaltet und sein Gesicht praktisch nicht versteckt hat", sagte der Sprecher und betonte, der Mörder sei nicht maskiert gewesen. Die Ermittler verfügen somit über die Videoaufnahme vom mutmaßlichen Täter.

Die Kollegen von Politkowskaja meinen, dass die Mordmotive mit der Arbeit der Journalistin zu tun haben. Sie habe über geheime Informationen verfügt, die bestimmte Personen betrafen - in ihrer Berichterstattung konnte sie damit die Interessen von mächtigen politischen Gruppen verletzt haben.

Die amerikanische Nichtregierungsorganisation Committee to Proptect Journalists bezeichnet den Tod der Journalistin ohne Umschweife als einen Auftragsmord.

Politkowskaja machte sich als Autorin des Buchs "Reise in die Hölle - Ein tschetschenisches Tagebuch" einen Namen. Für die Reportagenserie aus Tschetschenien wurde sie unter anderem 2000 mit dem Journalistenpreis "Goldene Feder Russlands" ausgezeichnet. Seit Juli 1999 besuchte Politkowskaja mehrmals Kampfgebiete in Tschetschenien, war eine der Vermittler bei den Verhandlungen mit den Geiselnehmern im Moskauer Musical-Theater "Nord-Ost" an der Dubrowka.

Auch die Ermittler ziehen die berufliche Tätigkeit der Journalistin als Mordmotiv in Betracht. Doch ein Alltagsverbrechen wird von ihnen nicht ausgeschlossen.

Die Redaktionskollegen von Politkowskaja wollen eigene Recherche einleiten. "Die Erfahrung beweist, dass wir manchmal mehr Informationen kriegen können, als die Ermittlung", sagte der stellvertretende Chefredakteur von "Nowaja Gaseta", Oleg Chlebnikow.

Der Fall Politkowskaja ist bereits der dritte Mord an Journalisten dieser Zeitung innerhalb der letzten Jahre. Früher wurde bereits Igor Domnikow ermordet. Und der renommierte Reporter Juri Schtschekotschichin starb im Krankenhaus an einer merkwürdigen Krankheit, offiziell an einem "allergischen Syndrom".

Die ganze Öffentlichkeit in Russland ist von dem Mord an der tapferen Journalistin erschüttert. [ RIA Novosti ]