russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



12-10-2006 Petersburger-Dialog 2006
Putins Ansprache in München: Mehr Vertrauen zu Russland
Der russische Präsident Wladimir Putin hat am Mittwochabend bei einem Treffen mit deutschen Unternehmern in München nachdrücklich um Vertrauen geworben und vor einer "Hysterie" gegenüber russischen Investitionen gewarnt.

Er verstehe nicht, warum russische Investitionen deutschen Medien Anlass für Nervosität geben, sagte Putin.




Werbung


Die russischen Unternehmer, die heute nach Deutschland kämen, seien "nicht die Rote Armee". "Das sind eben solche Kapitalisten wie Sie", sagte der russische Präsident gegenüber den eingeladenen Vertretern der Wirtschaft. "Ich hoffe, dass unsere Geschäfte in Europa, so auch in Deutschland, gleichberechtigt behandelt werden. Hoffentlich werden wir keine Warnrufe wie „Hilfe! Die Russen kommen!“ mehr hören", äußerte er.

Europäische und insbesondere deutsche Unternehmen, die derzeit schwere Zeiten durchmachen, könnten mit Hilfe russischer Investitionen Sanierungen und Massenentlassungen entgehen.

Der russisch-deutsche Handel betrage gegenwärtig 32,9 Milliarden US-Dollar, sagte Putin. "Wenn diese steigende Tendenz anhält, dann kann er mit 40 Milliarden Dollar eine absolute Spitze erreichen."

Der russische Präsident würdigte die Zusammenarbeit der Russischen Eisenbahn mit dem deutschen Technologiekonzern Siemens und der Deutschen Bahn AG, welche Hochgeschwindigkeitszüge nach Russland liefern.

Der deutsch-russische Dialog werde zügig entfaltet. Im Rahmen seines jetzigen Besuchs sei eine ganze Reihe von Handels-, Wirtschafts- und Finanzabkommen abgeschlossen worden, erinnerte Putin. Mit 12,5 Milliarden Dollar Gesamtinvestitionen sei Deutschland der größte Investor Russlands.

Putin versicherte, dass die politische und soziale Stabilität in Russland, die für ausländische Investitionen maßgeblich ist, erhalten bleiben werde. Seit sechs Jahren lege das russische Bruttoinlandsprodukt sieben Prozent im Jahr zu, erinnerte der Präsident. Die Gold- und Devisenreserven betragen 270 Milliarden Dollar, weitere 70 Milliarden Dollar liegen im Stabilisierungsfonds.

Putin rief ferner zu einem Durchbruch in der Partnerschaft zwischen Russland und Deutschland auf. "Wir sind natürliche Partner, wenn wir die historischen Wurzeln unseres Zusammenwirkens und all das berücksichtigen, was in den letzten Jahren geschaffen wurde", sagte er. "Das Ziel dieser Begegnungen besteht darin, einander zu erhören und zu verstehen, was der Zusammenarbeit im Wege steht und was sie fördern kann."

Weiter sagte Putin, Russland sähe sich gezwungen, ausländischen Investitionen den Zugang in die nationale Verteidigung und zu strategisch wichtigen Vorkommen zu versperren. Ansonsten gebe es keine Bereiche, in denen Russland keine ausländischen Anleger sehen möchte. "Wir wollen, dass sie überall präsent sind", sagte der russische Staatschef.

Er empfahl den bayerischen Unternehmen, wenn sie auf bürokratische Hindernisse in Russland stoßen sollten, sich direkt an die russische Regierung zu wenden, und zwar persönlich an Wirtschaftsminister German Gref, dessen Familie aus Bayern stammt.

Putin schloss eine Verlängerung der Druschba-Ölpipeline, über die russisches Öl über die Ukraine nach Osteuropa gepumpt wird, bis zur Atlantik-Küste nicht aus. Diese Idee war von deutschen Unternehmen ausgegangen, die hierfür ihre Mitwirkung anboten. "Ich habe immer gewusst, dass die deutschen Freunde global denken", sagte Putin "Das beeindruckt. Ihre Idee wird geprüft."

Hierbei räumte der russische Präsident ein, dass Moskau parallel zum Bau einer Ölpipeline zwischen Ostsibirien und der Pazifikküste auch die Infrastruktur des Gastransports ausbauen würde. Aber das würde sich auf keinen Fall zu Ungunsten der europäischen Verbraucher auswirken, versicherte er.

Putin erinnerte daran, dass über die geplante Ostsee-Pipeline ab 2010 zusätzlich bis zu 27 Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr nach Westeuropa gepumpt werden sollen. 2013 solle ein zweiter Strang dazu gebaut werden, worauf sich die Leistung der Pipeline auf 55 Milliarden Kubikmeter im Jahr steigen werde, sagte der russische Staatschef.

Außerdem erinnerte er an die Rohrleitung von Russland über das Schwarze Meer in die Türkei und setzte sich für den Bau zweier zusätzlicher Pipelines nach Südeuropa und Italien ein. Außerdem verhandle Russland mit Bulgarien und Griechenland über der Bau einer neuen 277 Kilometer langen Rohrleitung von Burgas nach Alexandroupolis, informierte Putin. "Das ist ein gutes Projekt, um die Öllieferungen zu diversifizieren", sagte er. Die Sorgen vor einer starken Abhängigkeit Europas vor Energielieferungen aus Russland wies Putin als unbegründet zurück. "Russland hat niemals die seine Partner, besonders nicht Deutschland, im Stich gelassen", sagte er. Selbst während der schweren Krise der 90er Jahre kam Russland seinen Vertragsverpflichtungen strikt nach.

Angesichts der zunehmenden Bedeutung der russischen Energielieferungen für Deutschland, wo Russland schon heute den Energiebedarf zu 30 Prozent deckt, beschloss Moskau "auf die Bitte von Bundeskanzlerin Merkel", das Gas aus dem noch nicht erschlossenen Stockmann-Vorkommen nach Europa zu liefern, erinnerte Putin.

Die Reserven des Stockmann-Vorkommens bieten ihm zufolge die Möglichkeit, binnen der nächsten 50 bis 70 Jahre zusätzlich 50 bis 55 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr nach Deutschland zu liefern. Diese Menge werde die jetzigen Lieferungen von 40 Milliarden Kubikmeter im Jahr ergänzen. "Deutschland wird somit nicht nur zu einem großen Abnehmer, sondern auch zu einer Drehscheibe für russisches Erdgas in Europa", betonte der russische Präsident.

Ferner bestätigte er, dass Moskau einen visafreien Verkehr mit Europa anstrebe. "Unser Ziel besteht darin, dass die Visapflicht im Austausch mit Europa abgeschafft wird", sagte Putin. "Nach dem Fall der Berliner Mauer dürfen in Europa keine Trennlinien mehr entstehen. Aber wir kennen harte Schengen-Regeln. Obwohl diese nicht von uns geschrieben wurden, haben wir Verständnis dafür, weil unsere Partner in Europa vor äußerst schweren Aufgaben stehen", führte der russische Staatschef aus.

Auch die europäischen Partner wollen nach seinen Worten einen visafreien Verkehr mit Russland. "Dafür müssen sie sich dessen sicher sein, dass Russland seine Grenzen vor illegalen Einwanderern, Drogen, Terroristen und Kriminellen zuverlässig schützt", stellte er fest. "Die Sowjetunion hatte zuverlässige Grenzen gehabt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion etablierten sich viele neue Staaten. Und wir sind nicht in der Lage, die Sicherheit der Grenzen dieser Staaten zu garantieren", gab Putin zu.

Da Russland im Staatenverband der Sowjetunion keine Grenzen zu den anderen Unionsrepubliken hatte, muss das Land seine Grenzen von Grund auf neu befestigen. Laut Putin unternimmt Russland bereits Anstrengungen. "Doch das nimmt eine gewisse Zeit in Anspruch und erfordert immense Aufwendungen." [ RIA Novosti ]