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15-05-2007 Reden
Geschichte ist niemals fatal
[von Bernd Brincken]
Michail Gorbatschows Rede mitte Mai in Berlin zeigt ihn als wachen Staatsmann, der manches Deutschen Bild von ihm irritieren dürfte. So nimmt er sei Land gegen Vorwürfe mangelnder Demokratie auch unter Putin in Schutz.

Das Deutsch-Russische Forum hatte am 15. Mai zu der Verleihung des 'Dr. Friedrich Joseph Haass-Preis' in das Adlon-Hotel eingeladen, ein Preis der jährlich in Gedenken an den deutschen Arzt verliehen wird, der sich um das Verhältnis zwischen den beiden Ländern verdient gemacht hat. Dr. Haass ist in Russland wohl bekannt, bei uns dagegen kaum, und ähnlich asymmetrisch ist auch die Haltung zu Michail Gorbatschow - für viele Deutsche bis heute der gute Russe und Vater der Wiedervereinigung, für viele Russen vor allem der Totengräber der gerne nostalgisch verklärten Sowjetunion.

15 Jahre nach den dramatischen Ereignissen um die Auflösung der UdSSR gibt es so zahlreiche Angebote, melancholisch zu werden: Da ist die Vergangenheit an sich, die vorüber gezogen stets die Frage aufkommen lässt, ob es anders nicht besser gewesen wäre. Vielen der früheren Bürger der Sowjetunion erscheint deren Auflösung als Verlust, und Gorbatschow als das Symbol für diesen Verlust. Dass er in Deutschland meist Beifall erwarten darf, kann auch wiederum nicht überraschen, auch hier aber scheint das Gute inzwischen wieder vom bösen Geist der Diktatur überstrahlt zu werden. Dann Krankheit und Tod der beliebten Gattin Raissa, die seinerzeit ein wenig symbolisch für die ehemals guten Absichten ihres Mannes zu sterben schien. So wäre es für den alten Herrn ein leichtes gewesen, die Blumen für den Preis der deutsch-russischen Verständigung einzustreichen, und sich ansonsten der gängigen Kritik am aktuellen Russland anzuschliessen.

Gorbatschov aber zeigt sich ganz als russicher Staatsmann, professionell und ganz unmelancholisch. Bei der Begrüßung umart er den ein oder anderen alten Bekannten, sitzt noch etwas müde im Sessel und lauscht den Ankündigungen des Veranstalters und der geladenen Rita Süssmuth. Aus der aktuellen deutschen Regierung ist kein bekanntes Gesicht zu der Veranstaltung gekommen - sei es dass man Angst vor zuviel Putin-Kritik hat, oder vor zu wenig, oder dass man einfach demonstrativ Desinteresse an Russland zeigen will.

Am Rednerpult stehend erscheint Gorbatschows Müdigkeit aber wie weggeblasen, die Augen wach, das ein oder andere Lächeln huscht ihm über die Lippen, der Verlauf der Geschichte, die Haltungen und die Einwände, alles wird angesprochen, mit einem Nebensatz hier, einer augenzwinkernden Geste dort, rethorisch und inhaltlich stets souverän.

Schwerpunkt der Rede ist die deutsch-russische Geschichte, und der Redner versteht dabei die deutsche Perspektive sehr gut und spart sich Erklärungen, die eher den Russland-Experten interessiert hätten. Ausführlich geht er auf den Krieg ein, auch die Ausgangsfrage der Potsdamer Konferenz von 1945, wie Deutschland nach der Niederlage aufzuteilen sei, wird mit bitterem Sarkusmus reproduziert: "Manche hatten Deutschland so gern, die wollten zwei, drei oder mehr davon haben." - Es gibt dann auch keinen Grund, sich für die DDR zu entschuldigen. Und die schnelle Wiedervereinigung ohne Übergangsphase war weiterhin nur möglich, weil Russland andere Sorgen hatte.

bei russland.RU
Die Rede im russischen Original und in einer deutschen Übersetzung


Die Zeit um den Putsch und die eigene Entmachtung wird nur kurz behandelt. Aber die Frage, ob er seine Politik, die zur Auflösung der SU führte, im Nachhinein bedauere, steht im Raum, und er selbst stellt sie sich, als wäre es eine Pressekonferenz. Ein verlegener Griff an die Nase, auch das wohl gesetzt, kurze Pause. "Geschichte ist niemals fatal." - Das heisst, ihr Lauf ist nicht vorherbestimmt, aber auch nicht durch den Politiker geschaffen, er stellt Geschichte nicht her, sondern er begleitet sie, keine tragische Figur, mehr ein Manager. Die Aufwertung der Figur ist eine Sache der Medien, so kann man anschließen.

So klug und bescheiden kommt uns der sympatische Herr noch bekannt vor. Dann aber geht es um die Jelzin-Zeit und wir hören einen für manche Gorbatschow-Sympatisanten überraschenden Perspektivwechsel. "Jelzin hat alles zerschlagen und man hatte das Gefühl, der Westen freut sich, wenn es Russland schlecht geht." Und Putin, da steht er nahe bei dem aktuellen, russischen 'common sense', der hat "das wieder aufgebaut, was da zerschlagen wurde". Aber was ist mit der Demokratie? Ist nicht Gorbatschow in diversen Projekten für die Zivilgesellschaft engagiert, die von Putins Politik zunehmend beschränkt wird?

"Eine Demokratie die Sie in 200 Jahren geschaffen haben, die sollen wir in 10 Jahren aufbauen?" Die Abgrenzung von Putin, so naheliegend sie ist, wird vermieden. Auch Gorbatschow räumt der organisatorischen und wirtschaftlichen Sanierung des Landes Vorrang ein. Dazu gehört auch, die "Ölleute zu bestrafen, die Geld außer Landes geschafft haben."

Und die Medien? Die Einschränkung der Pressefreiheit? Nun wird er richtig spöttisch, gerade bei den kritischen Zeitungen sei er selbst ja "sehr beliebt" - aber die gehören doch "zur Hälfte Ausländern". Dann aber, hier markieren Mimik und Gestik ernste Nachdenklichkeit, "Ja, wir müssen noch viel tun für die Zivilgesellschaft". [ Bernd Brincken, Berlin / russland.RU – die Internet - Zeitung ]