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04-11-2008 Reden
In der Kunst zählt das Reden nichts, die Tat alles
Grußwort des russischen Botschafters in Deutschland, Vladimir Kotenev, an die Pressekonferenz zum 50. Jahrestag der Rückgabe von Kunstschätzen durch die UdSSR an die DDR.



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„In der Kunst zählt das Reden nichts, die Tat alles“, wie einmal der französische Historiker Ernest Renan formulierte. Vor 50 Jahren wurde eine große und großzügige Tat vollbracht. Eineinhalb Millionen Kunstwerke mit 300 Eisenbahnwaggons kamen aus der damaligen Sowjetunion zurück in die Museen der DDR.

Die übergebenen Meisterwerke, die teilweise von sowjetischen Kustoden und Soldaten vor der Vernichtung gerettet und nach allen Regeln der musealen Kunst aufbewahrt wurden, waren zuvor von führenden sowjetischen Fachleuten restauriert worden. Das war ein bewegender Moment, der den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Museen beflügelte.

Diese Rückgabeaktion vom nie in der Geschichte dagewesenen Ausmaß wurde von manchen im Westen als „Schauspiel des Kalten Krieges“ abqualifiziert und in der damaligen Bundesrepublik Deutschland der breiten Öffentlichkeit verschwiegen. Jetzt nach dem Ende des Kalten Krieges müssen die Menschen hierzulande erfahren, dass es sich um die größte Restitutionsleistung der Neuzeit handelte. Die genannte Menge der Kulturschätze, die nicht nur zum Erbe der deutschen Nation, sondern mehrheitlich zur Weltkunst gehörten, wie Schätze aus der Dresdener Gemäldegalerie, aus dem Grünen Gewölbe, aus dem Pergamon-Museum sowie der Berliner und Leipziger, Schweriner Sammlungen, wurden an die DDR damals zurückgegeben. Der Wert der zurückgeführten Kulturgüter wurde nie genau ermittelt. Aber ich glaube, man kann ihn ohne Übertreibung mit dem ganzen Kulturgut eines mittleren europäischen Staates vergleichen.

Diese Aktion bedeutete einen großen Sinneswandel in der Sowjetunion. Es war einer der ersten und bedeutendsten Schritte auf dem Weg der historischen Aussöhnung zwischen unseren Völkern, die im Endeffekt dazu führte, dass bei den Feierlichkeiten anlässlich des 60. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ein deutscher Kanzler auf der Ehrentribüne als Regierungschef eines Nachbarlandes saß. Sie hat jenseits wirtschaftlicher Zwänge, historischer Erblasten und Ressentiments mit einem Staat stattgefunden, zu dem die Sowjetunion damals sehr enge partnerschaftliche Beziehungen pflegte. Damit wurde ein Grundstein für die Übergabe der kulturellen Reichtümer von Generation zu Generation gelegt. Nicht zu unterschätzen war die herausragende Bedeutung dieser Rückgabeaktion für das Kulturleben der DDR. Es war auch ein deutliches Signal an die Regierung in Bonn, die Beziehungen zu Moskau weiter zu normalisieren.

Restitutionsprobleme gibt es seit Menschengedenken. Sie bedürfen einer rationellen historisch-juristischen Herangehensweise, einer Achtung der allgemeinmenschlichen Kulturwerte sowie eines Verständnisses für ihren Stellenwert nicht nur in der Vergangenheit und in der Gegenwart, sondern auch in der Zukunft. Selbst 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist „Beutekunst“ ein überaus aktuelles und sensibles Thema in den russisch-deutschen Beziehungen, das einen besonderen Augenmerk verdient. Nicht selten verliert man aber oft den Ursprung dieses Problems aus den Augen. Der Krieg Hitlers gegen die UdSSR bezweckte unter anderem die systematische, groß angelegte und bisher nie dagewesene Vernichtung und Ausplünderung der Kultureinrichtungen. Die Idee der Nationalsozialisten bestand darin, die Ostslawen vorerst zu versklaven, praktisch in Vieh zu verwandeln, welches weder das historische Gedächtnis, noch die Kultur, noch die Bildung braucht.

In Deutschland wird heute nicht gerne zugegeben, dass die nach Russland zurückgekehrten Kunstgegenstände nur einen winzigen Teil des verlorenen Kulturguts betragen. Auch heute fehlen bei uns systematisierte und bestätigte Angaben zu den Verlustgegenständen. Wir befassen uns gerade mit der Ermittlung der russischen Verluste. 16 Großbände des Gesamtkatalogs der Kulturwerte, die während des Zweiten Weltkrieges geraubt wurden bzw. verloren gegangen sind, sind bereits erschienen und in Deutschland sehr wohl bekannt. Trotzdem beschäftigen sich hier die Medien und einige Politiker ausschließlich mit den in Russland verbliebenen Sammlungen und Gegenständen.

Das Thema der Kulturgüterrückführung ist ein schwieriges Pflaster, aber wenn man dieses Problem mit genügend Geduld, Fingerspitzengefühl und gutem Willen angeht, kann man die Sache zum gegenseitigen Vorteil bringen. Heute finden einige Kunstobjekte ihren Weg zurück nach Deutschland, wie beispielsweise die Mosaikfenster der Marienkirche in Frankfurt an der Oder. Die Reststücke werden hoffentlich noch bis zum Jahreswechsel eintreffen. Eine große Aufgabe steht vor den Museen in Deutschland und in Russland, die ihre Beziehungen auf eine neue, kooperative Grundlage stellen könnten. Zu erwähnen ist die Initiative „Deutsch-Russischer Museumsdialog“, die auch die heutige Veranstaltung ins Leben gerufen hat und die ihre ganze Kraft daran setzt, die gemeinsame Vergangenheit im Bereich der kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter zu erforschen.

Außerdem muss man immer die Besonderheiten der mitunter einzigartigen konkreten Fälle beachten. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Erfahrung des Austausches des Liechtensteiner Hofarchivs gegen den vom Fürsten Hans-Adam bei Sotheby`s erworbenem Archiv über die Ermordung der Zarenfamilie.

Große Bedeutung messen wir auch den gemeinsamen Ausstellungen bei. Als sehr gelungene Sache kann man wohl die in Russland abgehaltene Ausstellung „Merowingerzeit - Europa ohne Grenzen“ bezeichnen. In diesem Sinne ist auch die heutige Veranstaltung, die durch die Kooperation zwischen deutschen und russischen Museen zustande gekommen ist, von besonderer Bedeutung. Ich möchte mich bei allen an dieser Aktion teilnehmenden Kultureinrichtungen, die durch die Erinnerung an die erfreuliche Rückkehr der Kunstgegenstände von 1958 einen Beitrag zu der noch tieferen kulturellen Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern leisten, bedanken.