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11-09-2004 Verschiedenes
Russische Kinder in Mode
Von den etwa 700 000 russischen Waisenkindern bekommen nur 15 000 jährlich eine neue Familie. Die Hälfte von ihnen landet im Ausland. Dieses Thema wird in der Gesellschaft immer öfter diskutiert, seitdem die dreijährige Viktoria aus Sankt Petersburg neue Eltern gefunden hat, und zwar den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Ehefrau Doris.

Die Waisenkinder werden vor allem in die USA sowie nach Deutschland, Italien, Spanien und Israel „exportiert". „Wenn es um die Adoption geht, so erhalten Russen zwar immer den Vorrang gegenüber Ausländern", so Ludmila Petrowa, Direktorin eines Moskauer Kinderheimes. „Wegen finanzieller Schwierigkeiten hat sich aber die Zahl derjenigen in Russland reduziert, die bereit sind, die Verantwortung für ein verlassenes Kind zu übernehmen. Es gibt keine Adoptions-Warteliste bei uns".

Ein Kind aus einem Kinderheim kann in der Datenbank für Auslandsadoption erfasst werden, nachdem potentielle russische Eltern dreimal auf es verzichtet haben. „Öfter als Russen nehmen Ausländer Kinder mit Gesundheitsproblemen auf, denn sie haben mehr materielle Möglichkeiten für die Behandlung", sagt Viktor Saweljew, Chef einer Adoptionsfirma.

„In den USA gibt es längst keine Kinderheime mehr", so Petrowa weiter. „Ein Waisenkind wird sofort adoptiert, denn es besteht eine lange Warteliste. Deshalb haben ausgerechnet die Amerikaner allen voran begonnen, russische Waisen zu adoptieren." Im vergangenen Jahr haben über 5 200 Kinder aus Russland amerikanische Adoptiveltern gefunden. Zwei Brüder aus einem Ort bei Moskau wurden von dem Astronauten Thomas Stafford adoptiert. Die Hollywood-Diva Angelina Jolie träumt von einem „russischen Sohn". „Russische Kinder sind ein gewisser Tribut an die Mode aber auch ein Zeichen der Sympathie mit Russland", meint Viktor Saweljew.

Rund 15 000 Elternpaare in Deutschland würden gerne ein Kind aufnehmen, solche Kleinen gibt es aber wenig, so der Jurist Alfred Wolf von der Humboldt-Universität Berlin. Wegen den Abtreibungen kämen kaum unerwünschte Kinder zur Welt, deshalb seien nur wenige Kinder auf der Suche nach neuen Eltern.

„Ich habe ein Kind aus Russland adoptiert, denn die Russen haben die gleichen Werte wie die Spanier", erzählt Carlotta Sole, eine spanische Soziologielehrerin. „Die Kinderheime in Russland werden vom Staat betreut, die Kinder sind also geschützt und haben Garantien. Der Staat kontrolliert den Adoptionsprozess, was sowohl für das jeweilige Kind als auch für seine künftigen Eltern sehr wichtig ist."

Ludmila Petrowa: „In den Zeitungen, im Fernsehen und im Internet heißt es immer wieder: ‚Das Gengut der Nation ist gefährdet!', ‚Wir lassen unsere Kinder ins Ausland gehen, obwohl das Land nach wie vor in einer demographischen Krise steckt!' Es ist auch für mich sehr schmerzhaft, dass es viele Waisen in unserem Lande gibt und unsere Kinder ins Ausland gebracht werden. Wenn es aber dank einer Adoption gelingt, einem konkreten Kind zu helfen, so freue ich mich darüber."

Selbst die besten Ansätze können jedoch diskreditiert werden. Einer der spektakulärsten Skandale ereignete sich in Wolgograd. Nadeschda Fratti, ehemalige Einwohnerin dieser russischen Stadt, die nun in Italien lebt, betrieb ein lukratives Business. Fratti bot Vermittlungsdienstleistungen bei illegalen Adoptionen an, indem sie Urkunden fälschte und Beamte bestach. Ihr Honorar für jedes russische Waisenkind belief sich auf 2 500 US-Dollar. Von 1993 bis 2001 verkaufte sie 558 Kinder nach Italien.

Aus dem Gebiet Smolensk westlich von Moskau wurden drei Viertel aller zur Adoption freigegebenen Kinder "exportiert". „Wohltaten sind aber nicht immer uneigennützig. Für jemanden ist ein Adoptivkind nur eine neue Belustigung, ein anderer kauft sich auf solche Weise Pflege und Altersvorsorge", sagt Saweljew. Die Russen wurden von der Geschichte ihres Landsmannes, des siebenjährigen Viktor, geschockt. Die Adoption hat ihn das Leben gekostet. Er wurde von seinen amerikanischen Adoptiveltern, Bob und Brenda Matthey, geschlagen, mit kalten Duschen „behandelt" und nachts im Keller eingesperrt. Letztendlich wurde das Ehepaar Matthey wegen Mordes an Viktor verhaftet. Ein weiteres Paar aus Utah hat zwei adoptierte Kinder aus Russland hungern lassen.

Natürlich sind diese Geschichten nur Ausnahmen. Elterngewalt gegen Kinder gibt es auch in Russland. Trotzdem hat die Gesellschaft daraus eine Lehre gezogen: Genau so, wie jedes andere langfristige und verantwortungsvolle Projekt, erfordert die Adoption eine durchdachte Umsetzung. Nicht alle potentiellen Eltern verdienen einen Vertrauensvorschuss. (Olga Sobolewskaja, RIA Nowosti).

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