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10-10-2005 Weltraum
Das russische Unternehmen Launch Services sucht nach Partnern
( Juri Saizew Experte des Instituts für Weltraumforschungen der Russischen Akademie der Wissenschaften ) Das internationale Konsortium Sea Launch hat seit März 1999 bislang 14 Zenit-3SL-Trägerrakten von der schwimmenden "Odysseus"-Plattform gestartet. Zehn davon waren erfolgreich; ein Start kann nur teilweise als erfolgreich bezeichnet werden.

Die Geschichte des Projektes Sea Launch ist an und für sich ziemlich lehrreich. Das Projekt entstand zu der Zeit, als die russische Raumfahrt wegen akut mangelnder Finanzen in einer langwierigen Krise steckte und die Leiter der Betriebe der Branche titanische Anstrengungen unternahmen, um sie vor dem Konkurs zu bewahren. Das Projekt Sea Launch konnte in vieler Hinsicht dank den Anstrengungen des Chefs des Raketenbauers Energija, Juri Semjonow, verwirklicht werden. Da weder Energija noch dessen Partner Geld hatten, wurden 50 Prozent der Anteile an dem Vorhaben an den US-Konzern Boeing und 25 Prozent an die norwegische Firma Kvaerner abgetreten, die eine abgeschriebene Bohrinsel zur Verfügung stellte. Die anderen Anteile wurden unter russischen und ukrainischen Unternehmen verteilt. Der Zenit-Komplex, das Kernstück in dem Projekt, steht somit bei der Gewinnverteilung als letzter in der Schlange an der Kasse. Natürlich wurde die Bohrinsel hauptsächlich mit westlichem Geld für Raketenstarts umgerüstet. Aber das waren Einzelausgaben, während die Raketenstarts von der schwimmenden Plattform Gewinne für Jahre und sogar Jahrzehnte sichern... Ohne Zweifel hat Sea Launch mehreren russischen Betrieben zu überleben geholfen. Nolens volens ist dieses Projekt zugleich ein Hindernis für Russland selbst, indem die Raumbahnhöfe Baikonur und Plessezk um eine gewisse Zahl von Raketenstarts gebracht werden. In erster Linie konkurriert Sea Launch mit den Proton-Trägerraketen. Hatte die Beförderung einer Nutzlast unter Einsatz von Proton-Raketen bislang im Durchschnitt 70 Millionen Dollar gekostet, ist der Preis für den Start der schwersten russischen Trägerrakete gegenwärtig auf etwas mehr als ihre Selbstkosten gesunken.

Schlechtes Beispiel macht Schule. Die russische Launch Services AG verhandelt derzeit mit der Italienischen Raumfahrtbehörde (ISA) über den Start einer umgebauten russischen Rakete vom Typ Start-1 von der schwimmenden italienischen Plattform San-Marco. Die Plattform befindet sich vor der Küste Kenias, zwei Breitengrade vom Äquator entfernt. Dabei erklärt sich Launch Services bereit, die Plattform zu modernisieren und die Trägerrakete für Starts von San-Marco aus anzupassen.

Was stellt die Start-1-Rakete dar? Die ersten drei Stufen wurden von den Interkontinentalraketen "Topol" übernommen, die vereinbarungsgemäß zu vernichten sind. Die anderen Elemente wie der Beschleunigungsblock, die vierte Raketenstufe und die Bughaube wurden eigens für Start-1 gefertigt. Bei dem Startkomplex handelt es sich um eine vervollkommnete Startvorrichtung für "Topol"-Raketen. Diese mobile bodengestützte Anlage kann sehr schnell für den Start vorbereitet werden und erfordert keine spezielle Vorbereitung der Startposition. Etwa eineinhalb Minuten vor dem Start wird ein Container mit der Rakete senkrecht aufgestellt. Dann wird die Rakete wie eine Mörsergranate abgefeuert. In einer Höhe von etwa 30 Metern zünden die Triebwerke der ersten Raketenstufe.

Die verhältnismäßig geringen Abmessungen der mobilen Trägerrakete, ihre einfache Handhabung und ihre Fähigkeit, zeitlich fast unbegrenzt lang startklar zu bleiben, gehören zu den unbestrittenen Vorteilen der "Start-1". Die Beförderung eines Kilogramms Nutzlast mit dieser Rakete in den Orbit kostet umgerechnet 7 Millionen Euro. Bislang wurden sechs Raketen dieses Typs gestartet. Bei vier davon handelt es sich um kommerzielle Einsätze zum Start von Satelliten ausländischer Kunden. Eigens für diese Starts hatte Launch Services im Grunde genommen eine ganz neue Bodeninfrastruktur gebaut, die allen Anforderungen des Weltmarktes für die kommerzielle Nutzung von Trägerraketen gerecht wird. Alle Raketen hoben von russischen Raumbahnhöfen ab: Zwei von Plessezk (im Norden Russlands) und vier von Swobodny (im Fernen Osten). Swobodny hat eine günstigere geographische Lage, weil sich dieser Raumbahnhof näher zum Äquator befindet.

Gegenwärtig bereitet sich Launch Services auf den Einsatz einer "Start"-Rakete vor, die den israelischen Raumapparat EROS-B auf eine Umlaufbahn bringen soll. Das wird bereits der zweite israelische Satellit sein, der mit dieser russischen Rakete startet. Durch die äußerste Präzision des ersten Starts wurde die Betriebsdauer des Raumapparates von den geplanten drei auf fünf Jahre erhöht.

Nach dem Start von EROS-B könnte mit Israel noch ein Vertrag über drei bis vier Raketenstarts geschlossen werden. Nicht schlechte Perspektiven bieten sich auch für die Unterzeichnung ähnlicher Verträge mit anderen Ländern. Wäre es dann nicht sinnvoller, auf bodengestützte Starts der "Start"-Raketen zu setzen und kein Geld für die Vorbereitung von Starts auf hoher See auszugeben? Hoffnungen auf dutzende und sogar hunderte Einsätze im Jahr werden sich in diesem Fall kaum bewahrheiten: Bislang wurde kein einziger Fall registriert, da sich die Kalkulationen von Wirtschaftsexperten in Bezug auf aussichtsreiche Weltraumprojekte nicht von der realen Situation um ein Mehrfaches unterschieden hätten, und zwar immer ins Negative.

Zuvor war bereits eine Möglichkeit geprüft worden, "Start"-Trägerraketen vom australischen Raumbahnhof Wumera in den Weltraum zu schicken, jetzt denkt man an San-Marco. Diese Startplätze haben nur einen einzigen Vorteil: Ihre geographische Lage gestattet es, die Drehwucht der Erde zur Erhöhung der Masse der Nutzlast zu nutzen, die von der Rakete zu befördern ist. Weiter nichts. Dabei werden die Inhaber des Startplatzes einen nicht geringen Teil der Gelder kassieren. Zudem müsste die Rakete tausende Kilometer weit zum Startplatz befördert werden. Werden die russischen Partner, ebenfalls ein "Kernstück" des neuen kosmischen Schauspiels, nicht wie im Fall des Sea-Launch-Projektes auf den letzten Platz in der Schlange an der Kasse verdrängt werden? (RIA)