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30-10-2005 Weltraum
Dramatischer Oktober für die Raumfahrt von Russland
Dieser Oktober war ein schwarzer Monat für das russische Raumfahrtprogramm.
Am 7. Oktober erreichte der experimentelle Satellit "Demonstrator", der mit einer Rakete des Typs "Wolna", ein Produkt der Konversion der Rüstungsindustrie, vom U-Boot "Borissoglebsk" gestartet wurde, nicht die berechnete Umlaufbahn.


Einige Tage später sorgte ein weiteres Konversionsprodukt, die bodengestützte Rakete "Rokot", für ein weiteres Fiasko: Der 140 Millionen Euro teure Forschungssatellit Cryosat der Europäischen Weltraumbehörde versank im Nordpolarmeer. Ende Oktober verflüchtigten sich die letzten Hoffnungen auf eine Inbetriebnahme der neuen russischen Erdsonde "Monitor-E", die am 26. August gestartet worden war. Ebenfalls Ende des Monats gab es Probleme mit dem wichtigsten Weltraumobjekt, der Internationalen Weltraumstation ISS. Beim Versuch, die Umlaufbahn der ISS zu korrigieren, schaltete das Computersystem vier Andockungs- und Orientierungsantriebe des Raumtransporters "Progress" ab. Zum Glück konnte die Umlaufbahn letztendlich doch noch auf die notwendige Höhe gebracht werden.

Zugleich belegte Russland im vergangenen Jahr mit einem großen Abstand den ersten Platz in der Welt bei den erfolgreichen Starts von Trägerraketen. Auch die Startstatistik des zurückliegenden Jahrzehnts ist überaus positiv. Ist aber eine Kritik an den Weltraumaktivitäten Russlands vielleicht doch gerade jetzt angebracht?

Versuchen wir zunächst, den wahrscheinlichen Ursachen der jüngsten Misserfolge auf den Grund zu gehen.

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Im Zusammenhang mit der radikalen Kürzung des Bestands der nationalen strategischen Nuklearkräfte wurden in Russland vier Konversionsprogramme für die kommerzielle Nutzung der ballistischen Kampfraketen der strategischen Raketentruppen Russlands konzipiert: "Dnjepr" (auf der Basis der schweren SS-18-Rakete, auch als "Satan" bekannt), "Start" (die früheren SS-25-Raketen "Topol") sowie "Strela" und "Rokot" (beide auf der Basis der Rakete RS-18 "Stilet"). Nach Meinung von Militärs könnte eine erfolgreiche Realisierung dieser Programme die Raketenexperten für viele Jahre im Voraus mit Arbeit versorgen. Das würde einen Gesamtgewinn von umgerechnet fast 600 Millionen Euro bedeuten.

Parallel könnte Russland auch immens sparen: All diese Raketen sollten ja sowieso gemäß den von Moskau übernommenen Verpflichtungen vernichtet werden. Der Start einer Rakete ist dabei nicht nur der günstigste Weg, diese zu vernichten, sondern mit den entsprechenden Startaufträgen könnte man auch ganz schön dazu verdienen.

Natürlich ist die Versuchung groß, Geld mit den Raketenstarts zu bekommen, statt diese Raketen für teures Geld zu verschrotten. Zugleich hat jede dieser Raketen bereits vor dem Start jahrelang im militärischen Dienst Wache gestanden, was mit einem entsprechenden Verschleiß verbunden ist. Jeder Misserfolg beim Start von Konversionsraketen schadet dabei nicht nur dem Ruf der russischen Trägermittel, er liefert auch Grund zum Zweifel an der Unschlagbarkeit des russischen nuklearen Raketenschilds.

Außerdem sind die Tragkapazitäten dieser Raketen begrenzt, und sie können nicht im besonders zukunftsträchtigen Nutzlast-Bereich - dem Transport der schweren Fernmelde- und Direktübertragungssatelliten - verwendet werden, deren Masse schon recht bald mehr als zehn Tonnen betragen wird.

Nach Meinung von Vertretern der russischen Weltraumbehörde Roskosmos liegen die Ursachen des Misserfolgs mit dem Apparat "Monitor-E", der heute so notwendig wäre, "allem Anschein nach in Fehlern, die von der Leitung des Weltraumzentrums ,Chrunitschew' bei der Organisation der Entwicklung, der Tests und des Einsatzes" des Sputniks begangen wurden.

Das klingt durchaus glaubwürdig. Besonders wenn man berücksichtigt, dass die einheimische Weltraumindustrie Problemen der Langlebigkeit der Weltraumapparate eindeutig zu wenig Zeit gewidmet hat. Das war aber die Periode, in der sich die sowjetische Kosmonautik, gestützt auf die praktisch unerschöpfliche Ressource der Trägermittel, jährlich bis zu 100 Weltraumstarts leisten konnte, womit die Verluste von weltraumgestützten Systemen ersetzt werden konnten.

Heute aber ist gerade die Lebensdauer aller Bestandteile der Weltraumgruppierung militärischer und ziviler Bestimmung für das Entwicklungsniveau der nationalen Weltraumobjekte ausschlaggebend. (Andrej Kisljakow, RIA Nowosti).