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13-03-2006 Weltraum
Mit einem Satz Gitarrensaiten in den Erdorbit
"Der Blick auf die Erde ist einfach etwas, das einen ein Leben lang begleitet." Wenn Astronaut Thomas Reiter vom Weltall erzählt, leuchten die Augen des 47-Jährigen wie die eines kleinen Jungen beim Auspacken der Weihnachtsgeschenke. In wenigen Wochen ist es für den gebürtigen Frankfurter wieder soweit: Wenn alles glatt geht, wird Reiter am 10. Mai mit dem NASA-Space Shuttle Discovery zur internationalen Raumstation ISS starten.

Dabei will der frühere Kampfjet-Pilot der Bundeswehr auf seinem zweiten Raumflug einen neuen Europarekord aufstellen: Als Astronaut der europäischen Raumfahrtagentur ESA soll er sechs bis sieben Monate auf der ISS bleiben - so lang wie noch nie ein ESA-Raumfahrer.

Rechnet man die 179 Tage hinzu, die Reiter von September 1995 bis Februar 1996 auf der damaligen russischen Raumstation Mir verbrachte, wird der Deutsche nach seiner Rückkehr zum Jahresende sogar zum handverlesenen Kreis der Astronauten mit mehr als einem Jahr Weltraumerfahrung gehören. Derzeit absolviert Reiter im Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln ein weiteres Trainigsprogramm für den Flug zur ISS - eine Mission, die nach dem Desaster der US-Raumfähre Columbia im Februar 2003 gleich mehrfach verschoben wurde: Der Tod der Columbia-Astronauten beim Auseinanderbrechen der Fähre während des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre wirbelte vorübergehend das gesamte Shuttle-Programm und damit auch die US-Flüge zur ISS durcheinander.

Gleichwohl ist Reiter optimistisch, dass die Discovery nun im Mai tatsächlich abheben wird: "Alle drücken ganz fest die Daumen, dass wir diesen Termin einhalten können." Auf der ISS wird Reiter den Russen Pawel Winogradow und den US-Amerikaner Jeffrey Williams treffen, die bereits am 1. April an Bord des Sojus-Fluges 12S auf der internationalen Raumstation eintreffen sollen. Nach seinem Mir-Aufenthalt weiß Reiter genau, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit mit dem russischen ISS-Kommandanten und dem amerikanischen Flugingenieur hoch über der Erde sein wird: Eine solche Langzeitmission auf engstem Raum mit insgesamt 19 wissenschaftlichen Experimenten erfordere "Teamarbeit, und zwar in ihrer klassischen Form", sagt der smarte ESA-Astronaut, der auf der ISS am 28. Mai seinen 48. Geburtstag feiern will. "Man ist aufeinander angewiesen."

Dies dürfte insbesondere für den Weltraumspaziergang gelten, den Reiter während seiner ISS-Mission absolvieren will. Auf den voraussichtlich sechsstündigen Weltraum-Aufenthalt außerhalb der schützenden Wände der Raumstation freut sich der frühere Testpilot ganz besonders: "Das ist für jeden Astronauten ein Höhepunkt." Der Mann weiß, wovon er spricht: Bereits auf seiner Euromir-Mission vor gut zehn Jahren war Reiter zweimal draußen im All - schwebend zwischen der Erde tief unter ihm und den unendlichen Weiten des Kosmos. Viel Zeit zum Staunen bleibt dem Raumfahrer aber nicht im Angesicht der Unendlichkeit: Der Zeitplan für die geplanten Wartungsarbeiten und das Montieren wissenschaftlicher Gerätschaften ist eng, sagt Reiter. "Man ist froh, wenn man zwischendurch mal eine halbe Minute Zeit hat, um sich umzuschauen."

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Ohnehin zählt Reiter nicht zu den Menschen, denen ein übertriebener Hang zum Metaphysischen nachgesagt werden könnte - der ESA-Astronaut, der so irdische Betätigungen wie Fechten, Badminton und Kochen zu seinen Hobbys zählt, kann 15 verschiedene Kampfjets steuern und blickt auf mehr als 2000 Stunden Flugeinsätze zurück. Im Beruf spielt die Religion für den 47-Jährigen nur eine untergeordnete Rolle. Er sei "kein praktizierender Christ", bekennt Reiter, aber auch "alles andere als ein Atheist". "Als Naturwissenschaftler sehe ich das relativ pragmatisch."

Wichtiger ist dem verheirateten Vater von zwei Söhnen da schon seine Familie. Frau und Kinder hätten ihm für seine bevorstehende Reise in den Erdorbit ein "kleines Überraschungspakt" gepackt, erzählt Reiter lächelnd. Was drin ist, wird er erst nach dem Start erfahren. Ansonsten weiß der passionierte Gitarrespieler allerdings ganz genau, was sich seinem privaten "Handgepäck" von gerade mal eineinhalb Kilo Höchstgewicht befinden wird: Bilder werde er mitnehmen und eine Computer-Festplatte mit Musik von Klassik bis Rock. Und da es an Bord der ISS eine Gitarre gibt, will er ins All auch einen Satz Gitarrensaiten mitnehmen. [Richard Heister]