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19-06-2006 Weltraum
Ukrainische Raumfahrt auf der Suche nach strategischen Zielen
[von Juri Saizew, Experte des Instituts für Weltraumforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften]
Die unabhängige Ukraine will auf dem internationalen Raumfahrtmarkt Fuß fassen. Was aber kann Kiew seinen neuen Partnern anbieten?

Die Führung der Ukraine ist gegenwärtig bestrebt, ihren Platz auf dem internationalen Markt für Startdienste zu festigen und sich strategische Entwicklungsmöglichkeiten mit hoher Rendite zu verschaffen.


2004 wurden sieben ukrainische Trägerraketen ins All geschossen: Drei vom Typ Zenit-3SL von der schwimmenden Plattform Sea Launch, jeweils eine Zenit-2-, eine Zyklon-2- und eine Dnepr-Rakete vom Raumbahnhof Baikonur (Kasachstan) und eine Zyklon-3-Rakete vom russischen Raumbahnhof Plessezk.

Da 2004 in der Welt insgesamt 55 Raketen gestartet wurden, betrug der Anteil der Ukraine an diesem Segment des Marktes 12,7 Prozent. 2005 ging dieser Anteil aber auf 5,5 Prozent am Weltumfang zurück: Die Ukraine startete vier Raketen Zenit-3SL und eine Dnepr-Rakete.

Es sei betont, dass die Zyklon- und die Dnepr-Rakete - umgebaute Varianten der ballistischen Satan-Rakete - nur bedingt als ukrainisch bezeichnet werden können. Diese Raketentypen wurden bereits zur Sowjetzeit entwickelt und gebaut und dann Kiew aus dem Arsenal des Verteidigungsministeriums Russlands zur Verfügung gestellt. Was Zenit-Raketen betrifft, so wird der Anteil russischer Elemente wertmäßig auf 65 Prozent der Raketenkosten geschätzt.

Ein besonderer Platz in den Plänen der ukrainischen Raketenexperten kommt dem Träger Zyklon zu. Bis zuletzt wurden zwei Modifikationen dieser Rakete eingesetzt: Zyklon-2 für Starts von Raumapparaten im Interesse des Verteidigungsministeriums Russlands und Zyklon-3 ebenfalls für Starts militärischer Satelliten, aber auch von Raumsonden zu Forschungszwecken und von allgemein wirtschaftlicher Bedeutung. Die beiden Trägerraketen weisen beispiellos hohe Sicherheitscharakteristika auf, deren Grad in den letzten Jahren leider sinkt.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Raketenbaus wurde für Zyklon-Raketen eine originelle Technologie der komplett automatisierten Vorbereitung auf den Start entwickelt. Es handelt sich um den so genannten "menschenfreien Start", was die Sicherheit der Rakete beträchtlich erhöht. Die aussichtsreiche Zyklon-4-Rakete wird zur leistungsstärksten Rakete dieser Familie und eine Nutzlast von bis zu 5350 Kilogramm in den Orbit befördern können. Zu den neuen Elementen der Rakete gehören eine dritte Stufe, ein eigenes Steuersystem und eine Bughaube, die es gestattet, Nutzlasten mit großen Abmessungen ins All zu schießen.

Real beläuft sich der Bedarf nach derartigen Diensten auf vier bis sechs Starts pro Jahr, was an der Grenze der Wirtschaftlichkeit wäre. In diesem Fall würden sich die Ausgaben in zehn bis zwölf Jahren bezahlt machen. Dann wird die Rakete gewinnbringend. Im Großen und Ganzen ist das Projekt wichtig und für den ukrainischen Raketenbau attraktiv, da eine umfassende Kooperation mit Brasilien geplant ist.

Die Rakete wird komplett im Betrieb Juschmasch in Dnepropetrowsk montiert und vorbereitet. Dann wird die Rakete zum brasilianischen Raumbahnhof Alcantara gebracht - entweder an Bord des Schiffes Sea Launch Commander, das für die Beförderung von Zenit-Raketen im Rahmen des Sea Launch-Programms bestimmt ist, oder mit einem Transportflugzeug An-124 "Ruslan".

Ein großer Teil der Arbeiten in der Infrastruktur des Raketenstartplatzes für die Zyklon-4 entfällt auf Russland als den Generalauftragnehmer der Ukraine. Es geht in erster Linie um das Konstrukteursbüro für den Transportmaschinenbau, in dem technische Bodenkomplexe für den Start von Zyklon-2-Raketen in Baikonur und für Zyklon-3-Raketen in Plessezk entwickelt wurden. Die Ukraine kommt im Rahmen des Projekts für etwa 50 Prozent seiner Kosten auf. Zu Garantien der ukrainischen Regierung wurde ein Kredit über 150 Millionen Dollar aufgenommen. Die Mittel wurden sowohl für die Entwicklung der Trägerrakete selbst als auch von Sonderausrüstungen für den Bodenkomplex ausgegeben. Brasilien beschränkte sich bis zuletzt auf Erklärungen, dass es den Terminplan der Arbeiten akzeptiert, bewilligte bislang eine Summe, die nur ein Drittel vom ukrainischen Betrag ausmacht, und fror somit die Erfüllung seines Teils des Projekts im Grunde genommen ein. Dabei führt Brasilien seine Position auf Verzögerungen beim Bau des Startkomplexes zurück.

Nach Worten des Generaldirektors der Nationalen Raumfahrtagentur der Ukraine, Juri Alexejew, soll die erste Zyklon-4-Rakete Ende 2007 von Alcantara abheben. Es entsteht der Eindruck, dass die Agentur bewusst die Augen vor den zunehmenden Problemen verschließt, mit denen das Projekt konfrontiert ist. Ein Experte der ukrainischen Agentur sagte, ein Hinauszögern des Projekts wäre in jedem Fall besser als seine Einstellung.

Zu den Ursachen für die Probleme in der ukrainischen Raumfahrt gehören heute nicht nur die mangelnde Finanzierung und die geringe Bedeutung, die der Branche beigemessen wird. Die gegenwärtige strategische Wahl der ukrainischen Führung für die Raumfahrt, die auf eine Kooperation mit dem Westen orientiert ist, wird von den neuen Partnern Kiews nicht unterstützt. Die Hauptfrage ist dabei nicht, was sich die Ukraine von der Zusammenarbeit mit den USA und Westeuropa erhofft, sondern sie besteht darin, was die Ukraine ihren Partnern geben kann. Freilich ist das im Grunde genommen nichts: Die USA sind auf niemanden angewiesen. Und das unabdingbare Prinzip der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA lautet, dass ein Partner seine Teilnahme an gemeinsamen Programmen selbst finanzieren muss.

Unter diesen Bedingungen steht Russland der Ukraine weitaus näher als Europa oder Amerika. [ RIA Novosti ]