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06-07-2006 Weltraum
Discovery - ein überaus riskanter Flug
Am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag der USA, ist die Discovery vom Cap Canaveral in Florida gestartet. Sie hob um 14.38 Uhr Ortszeit ab, als es in Moskau schon 22.38 Uhr war. Zweimal, am Sonnabend und am Sonntag, musste der Start verschoben werden, und zwar wegen widriger Witterung. Diesmal spielte das Wetter mit, so dass die NASA ihre Pläne nun endlich in die Tat umsetzen konnte.

Technische Probleme blieben indes nicht aus. Am Montag hatten die Techniker an der Außenwand des Treibstofftanks einen Riss festgestellt. RIA Novosti erfuhr dazu aus dem Kennedy Space Center, ist er infolge eines Bruchs in der Wärmeisolierung entstanden. "Offenbar ist bei Startversuch am Sonntag Regenwasser hinter die Treibstoffleitung geraten und an der Befestigung gefroren", hieß es bei der NASA. Die extrem geringen Temperaturen des Treibstoffs (flüssiger Wasserstoff und Sauerstoff), mit denen der äußere Tank aufgefüllt wird, taten das ihre. "Als sich der Treibstoff aufzuheizen und folglich auszuweiten begann, entstand der Riss."

Das hatte der Discovery zum Verhängnis werden können. Ein solcher Defekt hat im Februar 2003 zur Katastrophe der Columbia geführt hat.

Für 2,5 Milliarden US-Dollar hat die NASA die Systeme modernisiert. Im August 2005 startet der erste Shuttle nach der Columbia-Tragödie. Aber schon beim Start kam es an der Discovery zu ähnlichen Beschädigungen. Die Besatzung reparierte den Schaden damals direkt auf der Umlaufbahn. Die Landung beobachtete die ganze Welt angespannt und freute sich über den guten Ausgang.

Der jetzige Start, der zweite nach der Katastrophe mit der Columbia, sollte ein Test sein, inwieweit der Einsatz der drei noch verbliebenen Shuttles wieder aufgenommen werden kann. Sollte der Flug erfolgreich verlaufen, dann soll am 28. August die Atlantis zur Internationalen Weltraumstation ISS gestartet wird.

Fachleute hatten befürchtet, dass sich auch diesmal wieder ein Fragment vom Shuttle lösen könnte, und zwar mit einem Gewicht von insgesamt 9 Gramm. Im Jahre 2005 hatte das Bruchstück viel mehr gewogen, ungefähr 400 Gramm. Doch schon ein kleinster Riss in der Wärmeisolierung kann während des Fluges zu tragischen Folgen führen. Die Experten waren übrigens nach ihrer Prüfung vor Ort zu dem Schluss gekommen, dass der Riss keine übermäßige Gefahr darstellt und riskierten den Start.

Faktisch aber hat NASA-Chef Michael Griffin den Start eigenmächtig angeordnet, entgegen der Meinung seines Stellvertreters für Sicherheit und Chefingenieurs der Raumagentur. "Das war eine schwere Entscheidung", bekannte Griffin in einem Interview. Die NASA habe vor der Wahl gestanden, mit einem etwas größeren Risiko beim Start der Discovery oder mit einem gewaltigen Risiko für die kommende Serie der Shuttle-Flüge zu leben. Bei einem Verzicht auf die gegenwärtige Mission hätte der Arbeitsplan für die Flüge gegen Ende des Jahrzehnts viel dichter gestaltet werden müssen. Um die Montage der ISS zum Abschluss zu bringen, müssen bis zum Jahre 2010 noch 16 Flüge realisiert werden. "Nun alles über den Haufen zu werfen, wäre dumm", stellte Griffin fest.

Sollte es beim Flug zu Defekten kommen, kann die Besatzung der Discovery nicht nur 12 Tage, wie geplant, sondern 81 Tage in der ISS weilen, bis sie ein anderer Shuttle einsammelt. Experten sagen, dass der Shuttle auf der Umlaufbahn begutachtet wird, um mögliche Beschädigungen zu finden.

Die Besatzung besteht aus sechs NASA-Astronauten und dem Deutschen Thomas Reiter, der auf der ISS ungefähr sieben Monate zubringen soll. Das Team soll Ausrüstungen und Software für die Vervollkommnung der Sicherheit testen sowie Vorräte zur ISS bringen. Während des Fluges sind zwei Ausstiege in den freien Kosmos vorgesehen. Vielleicht aber wird der Flug einen Tag länger dauern, damit die Astronauten Piers Sellers und Mike Fossum einen dritten Ausstieg in Angriff nehmen können.

Die Moskauer Zeitung Iswestija vermutet, dass die ständige Verschiebung des Starts der Discovery "die Möglichkeiten der USA in Verruf bringt, ihren Verpflichtungen gegenüber den Partnern beim Bau der Internationalen Weltraumstation nachzukommen". Das Blatt erinnert daran, dass vor der Havarie der Columbia 3 bis 4 Flüge pro Jahr festgelegt worden waren, damit die Station bis zum Jahre 2010 fertig gebaut und das wissenschaftliche Großprojekt der Gegenwart vollendet wird. Dann laufen die Einsatzfristen der Shuttles aus. Die offenbare Unzuverlässigkeit der amerikanischen Schiffe lässt daran zweifeln, dass die Termine gehalten werden. "Weitere 16 Flüge zur ISS sind bei dem jetzigen Flugplan schon fast unrealistisch. Und da kommt einem die gute alte Station Mir in den Sinn, die ihre Lebensfähigkeit bei weitem noch nicht ausgeschöpft hatte, und dennoch im Ozean versenkt wurde, um uns voll und ganz der Zusammenarbeit mit den Amerikanern zu widmen", schreibt die Iswestija.

Experten glauben, dass das Programm der Flüge amerikanischer Shuttles zum Bau der ISS vollkommen eingestellt werden dürfte, sollte der Flug der Discovery zu einem Fehlschlag werden. Heute ist die Hauptsache, den Zustand des Schiffs zu klären. NASA-Chef Griffin, der Optimismus verbreiten will, erklärte, dass der Discovery-Flug zu einer wichtigen Etappe bei der Vorbereitung von Marsflügen ist. Zuvor wollen die Amerikaner noch das Bein auf den Mond setzen. Und ob bei diesen Programmen Partner hinzugezogen werden, die an dem ISS-Projekt beteiligt waren, ist fraglich. Die NASA schaut mit großem Interesse auf die ambitiösen Weltraumpläne Chinas und auf das Raumschiff Shenzhou.

Die Iswestija erinnert daran, dass der NASA-Chef im Jahre 2006 erstmals China einen Besuch abstatten will.[ RIA Novosti ]