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10-04-2006 Bücher
Für Nikita
von Daschkowa, Polina <übersetzt von: Braungardt, Ganna-Maria> (Rußland)

Sehr dicht erzählt und raffiniert konstruiert mit Rückblenden und Parallelerzählung, mit großem Insiderwissen – nicht umsonst dankt sie dem Oberstleutnant der Miliz Kirill Iwanow für seine Hilfe und moralische Unterstützung.


Spannend und packend erzählt; zu Recht wird sie die Königin des russischen Kriminalroman genannt.

Leseprobe:
Fedja saß auf dem Fußboden, die Beine gekreuzt, die Füße nach oben gerichtet. Sein kahlgeschorener Kopf war weit in den Nacken gebeugt, seine wasserblauen Augen blickten starr an die Decke. Er wiegte sich sanft hin und her, und in ihm schien etwas zu summen und zu vibrieren.

»Omm, omm ...« Seine Lippen bewegten sich kaum, der Laut drang aus seinem Bauch. Vor einem Jahr hatte sein »Omm« noch kindlich dünn geklungen, nun kam er in den Stimmbruch. Fedja war gewachsen, über seiner Oberlippe schimmerte dunkler Flaum, auf seiner Stirn sprossen mehrere kleine Pickel.

»Guten Tag, mein Sohn«, sagte Jegorow und versuchte zu lächeln. Der Junge fuhr fort, sich zu wiegen.

»Fedja, guten Tag«, sagte der Vater etwas lauter und holte auf den abwartenden Blick des Arztes hin seine Brieftasche heraus.

»Er hört und sieht Sie nicht«, erinnerte ihn der Arzt und steckte den Geldschein rasch in seine Kitteltasche. »Aber bitte nicht lange. Das letzte Mal habe ich nämlich Ärger bekommen.« »Dürfte ich mit ihm allein bleiben?«

»Auf keinen Fall«

»Mehr Geld habe ich nicht bei mir, entschuldigen Sie. Ich entschädige Sie das nächste Mal. ..«

»Darum geht es nicht.« Der Doktor verzog das Gesicht. »Hören Sie, Sie sind doch nicht etwa krank? Sie sehen schlecht aus. Sie haben abgenommen.«

Jegorow sah wirklich schlecht aus. Er hatte vor fünf Minuten einen flüchtigen Blick in den Spiegel der Krankenhaushalle geworfen und dabei festgestellt, daß die Schatten unter seinen Augen tiefer und dunkler geworden waren. Sein Kopf sah beinahe aus wie ein Totenschädel: vollkommen kahl, Augen und Wangen eingefallen.

»Ja, es geht mir nicht besonders.« Er nickte. »Zu hoher Blutdruck, die Magnetstürme.« Der Arzt erbarmte sich. »Na schön, ich gehe kurz raus, eine rauchen.«

»Danke. Ich werde mich revanchieren«, flüsterte Jegorow dem weißen Kittel hinterher. Die Tür wurde geschlossen.

»Na, wie geht es dir, mein Sohn?« Er hockte sich hin und strich mit der Hand über den warmen, kahlgeschorenen Kopf.

»Omm, omm ...«

»Der Arzt sagt, du ißt nicht. Findest du es etwa angenehm, wenn sie dich mit Gewalt füttern? Du mußt essen, Fedja. Ich hab alles mitgebracht. Du wächst doch noch. Bald bist du ein Mann und mußt stark sein.«

Fedja hörte auf, sich zu wiegen. Langsam senkte er den Kopf, das Kinn fiel auf die Brust. Der Kragen des Krankenhaushemdes klaffte auf und entblößte eine schwarze Tätowierung unter der Halsgrube. Ein fünfzackiger Stern, der auf der Spitze steht, in einem Kreis. Um das Pentagramm herum war die Haut ständig gerötet und entzündet, obwohl die Tätowierung schon fast fünf Jahre alt war.

»Sag doch etwas, mein Sohn.«

mehr beim Büchervielfrass...