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30-07-2007 Bücher
Russland im Zangengriff - Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam
von Scholl-Latour, Peter (Deutschland)

Am Ende seines »Prélude« nennt Peter Scholl-Latour zwei „Merksätze“, nach denen er sich in seinem Buch richten will: Erstens den Ausspruch des französischen Dichters Boileau „J’appelle un chat un chat et Rollet un fripon – Eine Katze nenne ich Katze und Rollet einen Gauner“, soll heißen „Ich nenne die Dinge ungeschminkt beim Namen“, und zweitens die Warnung Bernard Shaws „Beware of old men, they have nothing to lose – Nehmt euch vor alten Männern in acht, sie haben nichts zu verlieren“.


Wenn ich die eine oder andere relativierende Rezension seines Buches lese, fällt mir noch ein drittes Sprichwort ein – diesmal ein deutsches: „Was kümmert‘s den Mond, wenn ihn der Mops anbellt“. Und Scholl-Latour spricht wirklich kompromislos aus, was er erfahren und gesehen hat und welche Schlüsse er daraus ziehen muss, auch wenn er anderen damit auf die Füße tritt und gegen die veröffentlichte Meinung des Mainstream-Journalismus Stellung bezieht, bzw. – noch schlimmer – politische Strategien von sogenannten Freunden und Partnern als rein eigennützige Machtpolitik entlarvt.
Ungeheures Wissen und immense Erfahrung befähigen und berechtigen ihn dazu.

In seinem Buch zeigt er anhand der historischen, kulturellen und politischen Entwicklung der verschiedenen Staaten – Russland und seine Nachbarn, bzw. Autonomen Republiken – auf, wie und weshalb es zum Status quo gekommen ist, und wie die weitere wahrscheinlichste Entwicklung sein könnte.
Er theoretisiert nicht aus einer heimeligen Gelehrtenstube heraus, er hat die Entwicklungen vor Ort über Jahrzehnte hin verfolgt, ja manches Mal auch erlitten.
Gnadenlos rechnet er mit der Scheinheiligkeit und dem missionarischen Eifer von Machtpolitikern des Westens – hier insbesondere der USA – ab, die angebliche ethische Normen zu nichts anderem missbrauchen als zur Ausweitung ihrer Macht (strategische Interessen). Er zeigt auf, dass vom Westen erreichte Werte (oft auch Pseudowerte), nicht zwangsläufig von anderen Völkern und Kulturen als erstrebenswert angesehen werden (und auch nicht müssen) und dass Individualismus nach westlichen Maßstäben nicht das Maß aller Dinge und auch nicht Voraussetzung für die Entwicklung einer funktionierenden Gesellschaft sein muss, wobei er keineswegs Menschenrechte relativiert.
Vor allem macht er bewusst, dass ein borniertes Festhalten an bestimmten, heute gängigen Maximen zwangsläufig in die Katastrophe führen wird.
Ganz explizit – ganz im Sinn seiner oben genannten Maximen – benennt er die Verlogenheit, mit der das westliche Bündnis Russland zu Zeiten des Umbruchs – man kann es nicht anders nennen – über den Tisch gezogen hat, ja er bringt Beweise, dass die USA niemals an einer echten Partnerschaft mit Russland interessiert war, ganz im Gegenteil die Destabilisierung Russlands gewünscht und gefördert hat. Zwangsläufig ist, dass Putin, der diese Auflösungserscheinungen in den Griff bekommen musste und damit den Bestrebungen der USA entgegentrat, als Autokrat und Schlimmeres diffamiert werden muss, was einige (viele) Amerikanophile in der westlichen (deutschen) Presse kritiklos übernehmen. Noch einmal sei aber betont, dass Scholl-Latour Verstöße gegen Menschenrechte weder relativiert noch gutheißt.
Die Orangene Revolution in der Ukraine durchleuchtet er ausführlich und zeigt die unrühmliche, schändliche und verlogene Rolle auf, die der Westen hier gespielt hat. Dies sind nicht zu leugnende Fakten, die auch vom SPIEGEL klar aufgezeigt wurden, und denen niemand widersprochen hat. (Das Thema wurde allerdings in der weiteren Presse nach bewährter Manier einfach totgeschwiegen.)
In Kenntnis dieser Vorgänge sieht das Verhalten der weißrussischen Regierung – dessen Präsident sich ohne Zweifel heute zu einem fast stalinistischen Diktator entwickelt hat –, ganz anders aus.

Ich habe hier nur einige Punkte des hervorragenden Werkes, das noch dazu spannend geschrieben ist, Peter Scholl-Latours herausgegriffen. Jeder – ganz besonders Journalisten und Politiker – sollte dieses Buch lesen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, und wir können die in den Neunzigern begonnene Phase der Annäherung, Freundschaft fortsetzen oder wieder aufnehmen. Auf der östlichen Seite wird dies, solange es eine gleichberechtigte, nicht bevormundende Partnerschaft ist, gewünscht. Allerdings sollten wir uns keiner Täuschung hingeben: Russland wird seinen Weg auch ohne uns gehen – und dann zu unserem Nachteil (besonders dem der Deutschen).
mehr beim Büchervielfrass...