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04-03-2008 Bücher
Ist Königsberg tot?
Avantgardistisch sind Russlandreportagen selten. Nicht zuletzt deshalb spektakulär wirkt die Dokumentation „Königsberg is dead“, die durch gekonnten Schnitt und ungewöhnliche Machart gehörig aus dem Rahmen fällt. 2003 entstand die etwas andere Reportage über das immer wiederkehrende Thema der Geschichte von Kaliningrad, dem Gegensatz aus deutscher Vergangenheit und russischer Gegenwart. Der Report ist nun auf DVD zu haben.

Das Thema an sich ist somit nichts Außergewöhnliches. Das Werk der Berliner Filmemacher von Tabula Rasa und do4D! entstand rund um das 750jährige Königsberg-Jubiläum, als die Stadtgeschichte mit ihrer großen Zäsur 1945 in aller Munde war. Es lebt von Gegensätzen und interessanten, außergewöhnlichen Szenen-Kombinationen, die sich mal ergänzen und mal die Widersprüchlichkeit dieses Themas und der Blickwinkel darauf aufzeigen. Gleich zu Beginn knallen kunterbunt gemischte Aufnahmen von Ostpreußen-Vetriebenenverbandsaktivisten aufeinander mit O-Tönen heutiger russischer Bewohner und Meldungen des letzten deutschen Frontsenders 1945 bevor man in die wechselvolle Geschichte der Stadt abtaucht.

Im gleichen Stil geht es weiter. Einen Schwerpunkt bildet zunächst nach einen kurzen Exkurs in das Mittelalter das 20. Jahrhundert. Die goldenen 20er und nationalsozialistischen 30er Jahre, der erbitterte Kampf um die „Festung“ Königsberg, die Vertreibung, die Neuansiedlung aus der ganzen Sowjetunion, der kalte Krieg und der Weg in das neue Russland werden geschildert. Hier setzt sich die spektakuläre Kombination konträrer Szenen, die alle Stationen von den verschiedensten Blickwinkeln beleuchten, fort. Sehr intensiv haben die Macher der Doku in Archiven gewühlt und nach interessanten Interviewpartnern geforscht. Zu sehen sind aktuelle Aufnahmen, Ausschnitte aus Filmklassikern, sowjetische und Nazipropaganda. Diese werden den Stimmen namhafter Historiker, alter Ostpreußen (von Verbandsreaktionären bis zu aufgeschlossenem Bürgertum), von heute dort lebenden Deutschen, russischen Germanisten, Dolmetschern und „ganz normalen“ Russen ganz ohne persönlichen Bezug zur deutschen Vergangenheit gegenüber gestellt. Und selbst die – ausgewählt vom alten Kolchosnik bis zur Miss Kaliningrad 2000 geben bei weitem kein Einheitsbild ab, sondern viele Facetten, die sich wie zu einem Mosaik ergänzen.

Bilder aus dem heutigen Kaliningrad stehen gleichberechtigt neben alten Königsberg-Aufnahmen. Alles wird immer wieder unterbrochen durch den symbolhaften „Elch“, das Symboltier der beschriebenen Region, der comichaft das Geschehen durchquert. Er ist auch ein Symbol für die freche Machart der Reportage, die sehr zu ihrem Unterhaltungswert bei trägt. Langatmigkeit kann man dem über einstündigen Werk in keiner Minute vorwerfen.

Auch die aktuelle Suche der Kaliningrader nach ihrer Identität, die Besinnung auf die Geschichte ebenso wie auf die Lage mitten in der Europäischen Union wird nicht ausgeklammert und gehört zu den interessantesten Teilen dieses Gesamtkunstwerks. Hier hat sich endlich einmal ein Berichterstatter bemüht, einen tieferen Blick in die Mentalität der geschilderten Menschen zu werfen, anstatt ein oberflächliches Streifen als Beleg für eine vorgefasste Meinung zu instrumentalisieren. Gerade in den letzten Jahren ist dies ja leider eine Seltenheit geworden.

Auf einen sichtbaren eigenen Blickwinkel der Filmemacher wird praktisch verzichtet. Die Aussagen aller Beteiligten und O-Töne stehen kommentarlos für sich und wirken nur mit- und gegeneinander. Objektiver kann man einen Bericht zu einem Ort wie Kaliningrad mit sich komplett widersprechenden Ansichten über seine Stellung, Recht und Unrecht wohl kaum gestalten. So ist „Königsberg is dead“ denn auch ein Muss für alle, die sich über die Geschichte oder Gegenwart der westlichsten russischen Großstadt machen möchten. Und dennoch auch einfach unterhaltsam.

Daten zur DVD: „Königsberg is dead“ (Tabula Rasa, do4D!), 73. min. Dolby Stereo, Sprache: Deutsch, wahlweise englische oder russische Untertitel, Kapiteleinteilung; Vetrieb: Absolut Medien www.absolutmedien.de - erhältlich überall im Handel, unter anderem unter www.dvd.nachrussland.de