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20-05-2008 Bücher
Die Stadt im Westen - Wie Königsberg Kaliningrad wurde
von Brodersen, Per (Deutschland)

[ vorgestellt von Hanns-Martin Wietek ] Aus dem Vorwort von Haug von Kuenheim: „»Ihr Reisepartner für Königsberg« heißt es in der Anzeige eines Hamburger Reisebüros mit dem Angebot »Wir organisieren Ihre Reise nach Kaliningrad.« Königsberg - Kaliningrad, jene einst die Hauptstadt Ostpreußens, die weiterlebt in Marzipan und Klopsen, und diese Russlands westlichster Vorposten, auf der Suche nach ihrer Identität.

Königsberg - Kaliningrad. Zwei Städte mit einer Geschichte? Oder eine Stadt mit zwei Geschichten?
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Es ist das große Verdienst dieser Arbeit und ihres jungen Autors, dass der Geschichte Königsbergs ein neues Kapitel hinzugefügt wurde. Mit großer Verve schildert Per Brodersen das Auf und Ab im Werden von Kaliningrad, einer Stadt, die ja nicht aus dem Nichts entstand, sondern aus den Ruinen Königsbergs. Der Ort bleibt derselbe, nur hatte er einen anderen Namen bekommen oder wie Karl Schlögel es formulierte: »Kaliningrad war die Fortsetzung der Stadt mit anderen Mitteln«.
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Da steht vor der Universität, die seinen Namen trägt, Immanuel Kant in Bronze. Und eben dieser Kant wurde, wie der Kaliningrader Essayist Alexander Popadin schreibt, zu einer »Art Nabelschnur, der beide Schicksalsteile verbindet« - Königsberg und Kaliningrad - wie auch der Dom, der seine alte Form wieder gefunden hat.

Gegenwart und die Zukünfte Kaliningrads sind verwoben mit der Geschichte Königsbergs. Per Brodersen gelang es meisterhaft, dies herauszuarbeiten. Er wurde in den Archiven von Moskau und Kaliningrad fündig und kann uns nun zeigen, welche Mühe aufgewandt wurde, um die Geschichte Königsbergs umzudeuten, sie zu einer Ungeschichte zu machen, damit der alten Stadt am Pregel eine neue Identität übergestülpt werden konnte, die Kaliningrad heißt.

Seiner Arbeit, und dies macht sie so lesenswert, liegt ein kulturhistorischer Ansatz zu Grunde, insofern geht sie über historische Darstellungen, die nach dem Rankeschen Prinzip beschreiben, was war, hinaus. Per Brodersen schildert das Werden Kaliningrads also nicht nur von der politischen und bautechnischen Seite her, sondern er richtet seinen Blick insbesondere auf die mentale Verfassung der neuen Bewohner Kaliningrads. Das schließlich macht seine Geschichte Kaliningrads geradezu spannend und aufregend. Wir erleben, welch geistige Klimmzüge unternommen wurden, um zu beweisen, warum die Stadt am Pregel eigentlich urslawischer Boden sei, und als diese schwachsinnige These sich nicht länger halten ließ, welch neue Deutungsmuster und Mythen herhalten mussten, um eine Kaliningrader Identität zu begründen.

Es ist dieser besondere Blickwinkel, der uns die Augen öffnet auf eine Stadt, deren Nachkriegsgeschichte wir so völlig ausgeblendet haben. Die Kaliningrader selbst haben sich allerdings schon längst, jenseits aller obrigkeitlichen Vorgaben, mit der Geschichte ihrer Vorgängerstadt befasst, denn, wie Alexander Popadin schreibt: »Die alte Stadt wuchs in den Körper hinein, denn ihre Bauten wurden Fleisch und Blut der neuen Kindheit, sie wurden Teil der Denkweise der hier Geborenen. Im Augenwinkel, in den Poren, irgendwo im Hintergrund blieb die alte Stadt«.“ Haug von Kuenheim

Hinzufügen möchte ich: gut lesbar, ja spannend geschrieben – auch für „Nicht-Wissenschaftler“!

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