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22-09-2008 Bücher
Schwarzes Eis - Mein Rußland
von Wilk, Mariusz <übersetzt von: Pollack, Martin> (Polen)

[vorgestellt von Hanns-Martin Wietek] Die Gruppe der Solowezki-Inseln (sechs größere und viele kleine) liegt ca. 150 km südlich des Polarkreises im Weißen Meer und hat heute ein für Russland typisches Schicksal hinter sich: Schon im 13. Jahrhundert wurde auf der Großen Solowezki-Insel das erste Kloster gebaut; im 18. Jahrhundert wurde es zur Festung und zum Staatsgefängnis ausgebaut, wo gut 200 Jahre lang die Zaren ihre „Staatsverbrecher“ unterbrachten;


Lenin errichtete hier und auf der ganzen Insel kurz nach der Gründung der Sowjetunion das erste Arbeitslager, das zum Prototyp des GULag wurde; zu Beginn der 30er Jahre lebten hier zigtausend Häftlinge unter grausamsten Bedingungen und Gorki erlebte hier seinen großen Sündenfall, indem er im Auftrag Stalins das Lager inspizierte, das unbeschreibliche Elend sah und Solowki dennoch als gute Umerziehungsstätte pries.
Heute leben in den Klosteranlagen wieder Mönche. 1992 wurde die Anlage von der UNESCO in die Liste des zu schützenden Kulturerbes aufgenommen.

Obwohl oft eingeladen, ist es mir bisher nicht gelungen, die fälligen Besuche zu erwidern; aus erster Hand weiß ich, dass die Natur von unbeschreiblicher Schönheit und der Himmel ganz nahe ist. Ich hoffe, es ist mir einmal gegönnt, dort einige Wochen leben zu dürfen.

Inhalt:
Das Ende der Welt liegt mitten im Weißen Meer, knapp am nördlichen Polarkreis. Es umfasst sechs kleine und Dutzende winzige Inseln. Die Klosteranlagen dort zählten einst zu den prächtigsten Russlands und waren nach der Machtübernahme durch die Bolschewiki wie geschaffen für einen Verbannungsort. Auf den Solowjezki-Inseln erlebt der polnische Autor Mariusz Wilk das riesige russische Reich im Kleinen. Er theoretisiert nicht, sondern berichtet: Geschichten von weißen Nächten und märchenhaften Wäldern, von verwitterten Baracken, Raketen und Stacheldraht - und von Menschen, die es auf schicksalhafte Weise auf den Archipel am Ende der Welt verschlagen hat.

Der Autor:
Mariusz Wilk wurde 1955 in Breslau geboren. 1981 Pressesprecher der Solidarnosc in Danzig, inhaftiert von Dezember 1981 bis 1983 und von 1984 bis 1986. Nach 1989 zuerst Korrespondent in Berlin uns später in Moskau. Lebt seit 1993 auf den Solowjezki-Inseln und veröffentlichte regelmäßig in der Zeitschrift ›Kultura‹.

Leseprobe:
1.

Der Leser wird fragen, warum ich die Solowjezki-Inseln gewählt habe? Was dafür ausschlaggebend war, dass ich mich auf den Inseln wie auf einem Beobachtungsturm niederließ, um von dort nach Russland, in die Welt zu schauen? Ich will versuchen, darauf eine Antwort zu geben, obwohl es nicht leicht ist, die Sache in einigen Abschnitten erschöpfend zu behandeln, man kann höchstens einen Abriss erstellen, wie man früher geschrieben hätte. Die Solowjezki-Inseln erinnern an einen wertvollen Stein: Wie lang du ihn auch betrachtest, er verändert sich ständig, bricht das Licht, lässt seinen Schliff spielen. Es genügt, ein wenig an der Fabel zu drehen, die Akzente zu ändern, die Gedankengänge neu zu ordnen, und gleich nimmt das Ganze eine neue Bedeutung an - schimmert in anderen Farben. Es ist unmöglich, die einzelnen Beweggründe herauszuschälen, die Fäden aus der Kette zu ziehen, einen jeden für sich, um sie zu analysieren und im Mund hin und her zu wenden, weil man sie nur gemeinsam, einen in Verbindung mit dem anderen betrachten kann. Mit einem Wort, man muss die linearen Gesetze der Sprache verlassen und die Dinge aus einer gewissen Entfernung ansehen. Um dann die Position zu wechseln, Schritt um Schritt, und den Blickwinkel zu ändern.

2.
Ich kam vor sieben Jahren als Korrespondent einer polnischen Zeitung nach Moskau. Damals sprachen sich die Nationen, die innerhalb der Grenzen des Sowjetischen Imperiums wohnen, im Märzreferendum für die Union aus. Ein halbes Jahr später existierte die Union nicht mehr. Es kam zum Zusammenbruch der Sowjets. Ich beschloss zu bleiben, weil ich sehen wollte, was dabei herauskommen würde. Ich sah eine Menge neuer Dinge, manche von ihnen unverständlich, einige irritierend, doch am meisten brachte mich ein Zitat Tjutschews auf, mit dem russische Bekannte meine Fragen abwehrten:
»Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen,
Mit unseren Maßen nicht zu messen,
Russland ist von anderer Größe –
An Russland kann man nur glauben.«
Aus diesem Vierzeiler schlug mir eine Überheblichkeit entgegen, charakteristisch für die meisten Gläubigen, die nachsichtig, aus der Höhe ihrer Gemeinschaft, auf die Suche und Zweifel eines einzelnen herabschauen. Dieser Vierzeiler setzte sich in mir fest wie ein japanischer Koan und schwärte dort weiter. Bis ich endlich die Lösung fand! Dem letzten Wort Tjutschews - glauben -, setzte ich mein eigenes - erleben - entgegen. Russland muss man selber erleben.

3.
Nach Rosanow existieren seit Jahrhunderten zwei Russlands: Das Russland des sichtbaren Scheins (im Original: widimost - Sichtbarkeit und Schein zugleich), das heißt das Imperium, dessen Gestalt in äußeren Formen ihren Abdruck fand und dessen Geschichte von Ereignissen geschrieben wurde, die einen bestimmten Anfang und ein deutlich gekennzeichnetes Ende hatten; und auf der anderen Seite die heilige Rus oder Matuschka, das Mütterchen, mit nicht fassbaren Gesetzen, unklaren Formen, unbestimmten Tendenzen - die Rus des lebendigen Blutes und unbefleckten Glaubens. Über das erste, so schreibt Rosanow, der Autor von »Abgefallenes Laub«, kann man bei Karamsin nachlesen, während man über die Rus in den Skity der Altgläubigen hören kann. Über das Imperium wird in Moskau und in Petersburg laut gesprochen, während über die Matjuschka nur in den Dörfern und Kleinstädten geflüstert wird. Ausländer wurden selten ins Innere Russlands gelassen, um sich dort allein herumzutreiben. Daher dominiert in den Erzählungen von Reisenden und in den Berichten von Korrespondenten oder Agenten das Bild des Imperiums, das heißt des Russlands des sichtbaren Scheins, um mit Rosanow zu sprechen. Vom Russland der Matjuschka hatte kaum jemand eine Vorstellung. Und daran hat sich meines Erachtens bis heute nicht viel geändert.

Denn noch heute gibt es die beiden Russland: das Imperium, auf unsicheren Beinen schwankend, und die Matjuschka, die sich betrunken im Straßengraben wälzt. Das erste habe ich auf Pressekonferenzen und in kriegerischen Auseinandersetzungen im Kaukasus, in diplomatischen Salons und bei Putschen in Moskau, bei Empfängen der »neuen Russen« und auf den Datschen der alten Stalinisten, auf Festivals, Präsentationen und geheimen Versammlungen ausgekostet; das zweite hingegen bei ländlichen Festen, in den endlosen sibirischen Weiten, im Schlamm von Archangelsk und in den Zonen des Ural, am Tisch ehemaliger Seki und im Refektorium rechtgläubiger Mönche, bei Hochzeitsfeiern, Totenmahlen und geheimen Bußzeremonien. Ich wohnte in den kegelförmigen Zelten der Nomaden auf Jamla, in Fischerhütten am Weißen Meer, bei Hirten im Hohen Altai, bei Jägern am Jenissei, bei einem Professor der Geschichte in Grosny, einem abchasischen Minister in Suchumi, einem Paten der Mafia in Rostow am Don ... Ich kaufte ein Haus einer Kolchose unweit der Zonen von Kargopol, wo einst Gustaw Herling-Grudziñski inhaftiert war, und nahm an einer Show zur Eröffnung der Freihandelszone in Kaliningrad teil. Ich rauchte Marihuana mit Rockmusikern aus Leningrad und trank Wodka mit den Helden von Warlam Schalamows Erzählungen über Kolyma.
Ich beobachtete, wie nicht mehr ganz nüchterne Experten der Republik Polen bei Charkow die Leichen polnischer Offiziere exhumierten, und hörte russische Tschastuschki, gesungen von betrunkenen sowjetischen Offizieren im polnischen Konsulat in Sankt-Petersburg am Jahrestag der Konstitution vom 3. Mai 1791. Ich traf den Präsidenten Georgiens, Swiad Gamsachurdia, und General Dschohar Dudajew, den militärischen Führer der Itschkeria; heute sind beide tot. Ich sprach mit dem tschetschenischen Heerführer Schamil Basajew und seinen Kriegern, von denen viele Wori w sakonje waren. Ich tafelte mit dem Bürgermeister von Piter, Anatolij Sobtschak, mit dem Metropoliten von Sankt-Petersburg und Ladoga, Seiner Heiligkeit Joann, und auch mit Bomschi aus Piter. Und ich verplauderte zahllose Stunden mit Pilgern auf ihren Wegen, mit Bitschi in den Wäldern, mit Lumpen in ihren Kabaki, mit Muschiks, die ich zum Fischfang begleitete, und mit den Enkeln von Pasternak, Florenski und Schpet. ...

Ich habe aus beiden Russlands geschöpft wie aus Eimern. Doch sein Bild wollte sich nicht zu einem Ganzen fügen. Vielleicht gab es zu viele Stränge, vielleicht war das zu durchmessende Gebiet zu ausgedehnt? Je mehr ich kennenlernte, umso mehr zweifelte ich, dass es mir gelingen würde, das Ganze zu erfassen; hinter jeder neuen Biegung taten sich neue Perspektiven auf, jeder neue Gesprächspartner bedeutete einen anderen Blickwinkel. Schließlich begriff ich, was Eurasien oder »ein Sechstel der Welt« in der Praxis des Herumziehens bedeutet. Ja wirklich des Herumziehens, denn es geht darum, Russland zu erfahren, das heißt, den Weg zu rekapitulieren, und nicht darum, touristische Eindrücke zu sammeln. Und so gelangte ich auf die Inseln.

zum Büchervielfrass...