russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



23-09-2008 Bücher
Durch das russische Deutschland
Bekannt ist Merle Hilbk vor allem durch ihr Erfolgsbuch „Sibirski Punk“. Jenseits des Baikal suchte sie darin nach der russischen Seele. Auch in ihrem neuen Werk „Die Chaussee der Enthusiasten“ beschäftigt sich mit dem Innenleben und Lebensumständen von Menschen aus Russland. Nur nicht in Ostsibirien sondern in Deutschland.

Denn das Thema des Buchs ist die aus Russland stammende Diaspora in Mitteleuropa. Sehr systematisch geht die Autorin bei deren Untersuchung vor. Ihre Deutschlandreise beginnt wie die der meisten aus Russland stammenden Migranten in Friedland und führt dann durch Metropolen ebenso wie tiefste Provinz, in den Norden wie in den Süden.

Hierbei versucht sie einen Blick in möglichst unterschiedliche Facetten russischen Lebens hierzulande zu werfen. Sie trifft Aussiedler, die schon seit Jahrzehnten hier leben, Vertreter der großen Einwanderungswelle der 90er Jahre, jüdische Migranten aus den letzten Jahren, im Osten wohnhaft gebliebene Russlanddeutsche auf Besuch bei ihren Verwandten. Sie reist zu Vorzeigeprojekten der Migrationsarbeit ebenso wie zu Justizvollzugsanstalten mit hohem Aussiedleranteil, in das mondäne Baden-Baden ebenso wie in die „Russenghettos“ von Berlin. Sie trifft russischstämmige Künstler, Sportler, Verbandsfunktionäre der Landsmannschaften ebenso wie sozialkritische Barden.

Es ist ein gewaltiges Werk, die monumentale russischstämmige Szene in Deutschland abbilden zu wollen (laut Autorin 3,5 Millionen Menschen) und natürlich kann ein einzelnes Werk von weniger als 300 Seiten hier nicht alle Details erfassen. Mit ihrer gründlichen Recherche holt Merle Hilbk jedoch ein Maximum aus ihrem Buchprojekt heraus. Außenstehende können sich mit Hilfe ihres Werks einen interessanten Eindruck der Russland-stämmigen Szene in Deutschland, ihrer Wurzeln und ihrem Leben machen.

Das Buch ist – hier verspricht der Klappentext nicht zuviel – flüssig und unterhaltsam geschrieben und ebenso zu lesen. Man merkt das Gefühl und fundierte Hintergrundwissen der Autorin auf jeder Seite von „Chausee der Enthusiasten“, sie setzt aber bei den Lesern kein solches voraus. Auch für Einsteiger in das Thema ist das Buch geeignet. Merle Hilbk verfügt über den idealen Hintergrund mit eigenen russischen Wurzeln und dennoch einem von Geburt an in Deutschland verwurzelten Leben.

Mit Leben füllen die Buchseiten vor allem die vielseitigen Begegnungen der Autorin auf ihrer Reise. Nur beim prominentesten Mitglied der russischen Einwanderer scheitert sie – Wladimir Kaminer versetzt sie beim bereits terminierten Treffen. Dafür nehmen sie offenherzige Russlanddeutsche und Auslandsrussen mit in ihre Familien, Hiphopper mit ins Training und Barden in Liederwettstreits. So ist die Abwesenheit der Prominenz kein großer Verlust.

Die Reise endet schließlich bei Hinterlassenschaften der Roten Armee in der ehemaligen DDR. Es ist ein passendes Ende für dieses gelungene Buch, durch das auch die Bereicherung der deutschen Gesellschaft durch die Einwanderer aus dem Osten deutlich wird. Wer sich für den russischstämmigen Teil unserer Gesellschaft interessiert, dem sei empfohlen, sich dieses Buch zuzulegen und sich nicht durch den leicht sperrigen Titel abschrecken zu lassen.
[  Irina und Roland Bathon / russland.TV – Russland hören und sehen  ]; Daten zum Buch: Merle Hilbk: Die Chaussee der Enthusiasten, Aufbau-Verlag, ISBN 978-3-351-02667-7; mehr Russlandbücher auch unter www.russland-buecher.ru