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15-12-2008 Bücher
Wodka im Großformat
„Wodka“ heißt schlicht und ergreifend das Werk der Russin Wera Grigorjewa – doch wirklich schlicht ist es weder von der Aufmachung noch vom Inhalt. Mit sehr umfangreichen Informationen zum Wässerchen wendet sich die Neuerscheinung auf dem deutschsprachigen Buchmarkt vor allem an Fachleute und Kenner.

Schon beim ersten Anblick ist dieses Buch im Großformat 24 x 28,5 cm beeindruckend. Wer einen reinen Bildband erwartet, liegt falsch. Der Schwerpunkt des 216seitigen Werks liegt eindeutig auf der Wissensvermittlung im geschriebenen Wort, auch wenn es durchgehend vierfarbig und hochwertig illustriert ist. Wohl kein anderes Wodkabuch auf dem hiesigen Markt schildert so detailliert das Herstellungsverfahren und die Rohstoffe des Wodkas.

Hier zwei Beispiele. Jedes Wodkabuch beschäftigt sich natürlich mit dem grundsätzlichen Ablauf und den frühen Verfahren beim destillieren und reinigen des Wässerchens sowie mit der aktuell gebräuchlichen kontinuierlichen Destillation. Frau Grigorjewa, eine hauptberufliche Expertin, schildert zusätzlich minutiös alle Zwischenschritte und Fortentwicklungen der Wodkaherstellung der letzten Jahrhunderte, wie eine ganze Reihe von Destillationsverfahren und -apparaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Nahezu alle Wodkabücher erwähnen die traditionelle Filtrierung des russischen Destillats durch Birkenholzkohle. Frau Grigoriewa erläutert noch, warum genau sich verschiedene andere Holzsorten weniger hierfür eignen oder Verwendung finden.

So ist der Geschichtsteil vollgepackt mit fachkundigem Wissen, das das Herz jedes Wodkakenners höher schlagen lässt. Alkoholmetrie, Läuterung, Klassifikation, Verpackung, Transport, nichts wird ausgelassen. Der Fokus liegt hier eindeutig auf der russischen Wodkageschichte, die skandinavische und polnische Tradition wird nur an einigen Stellen am Rande erwähnt. Nicht geeignet ist das Buch hierbei für Leser, die sich über das Thema nur ein wenig unterhaltend informieren wollen, ohne größeres Vorwissen zu besitzen. Bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie von der Fülle und vom Tiefgang der gebotenen Informationen regelrecht erschlagen werden.

Doch es sind nicht nur die üblichen Inhalte eine Wodkabuchs, die das Werk von Frau Grigoriewa interessant machen. Bisher wahrscheinlich einzigartig auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sind ihre fachkundigen Ausführungen zur traditionellen russischen Tischkultur, so dass man sich vor allem adelige Tafeln vom 15. bis ins frühe 20. Jahrhundert lebhaft vorstellen kann. Ebenso einzigartig sind die Anweisungen zum sogenannten Deguistieren von Wodka. Für Laien: Hier handelt es sich um die Geschmacksprobe, die durch Fachpersonal bei den großen Herstellern stattfindet, um die Qualität einzuschätzen. Tipps zum richtigen eigenen Wodkagenuss bei Tisch fehlen natürlich ebenfalls nicht – sei es die Trinkmethoden oder das optimale Glas.

Sehr unpassend an diesem sonst so hochwertigen Buch ist jedoch bei der Schilderung von Wodkamarken die sehr einseitige Bevorzugung des Produktes, an dem die Autorin offenbar direkt beteiligt ist. Ganze Kapitel beschäftigen sich mit dieser im Edelsegment angesiedelten Marke und veranstalten einen umfangreichen Lobpreis. Selbst die enthaltenen Cocktailrezepte sind zur Hälfte auf diesen Wodka zugeschnitten. Währenddessen müssen sich die Wässerchen der Konkurrenz mit kurzen Erwähnungen in einem Sammelkapitel zufrieden geben, auch wenn es sich um Weltmarken wie Stolychnaya, Nemiroff oder Absolut handelt. Während die offenbar in Österreich produzierte Hausmarke der Autorin über das Buch verteilt zahlreiche großflächige Werbeabbildungen füllt (mal als Flasche, mal als Glaslabel), müssen sich alle anderen Sorten gemeinsam mit drei „Gruppenfotos“ zufrieden geben. Hier ist Frau Grigorjewas Werk plötzlich weniger ausführlich, als die dünnste Taschenbuch-Konkurrenz. Einige Großmarken aus Russland sind sogar erst gar nicht erwähnt, wie Rodnik oder Istok. Nur das Edelsegment wird wenigstens vollständig abgebildet und mit 2-3 Sätzen pro Marke beschrieben. Es ist nicht verständlich, warum sich die Autorin zu einer solchen Einseitigkeit hinreißen lässt und damit ihren Status als Expertin, die in einem solchen Buch über dem Kampf um Marktanteile stehen sollte, gefährdet.

Versöhnt wird man dann am Ende des Werks wieder mit Rezepten für gastronomisches Barfood. Hier sollte man aber kein volkstümliches Sakuska erwarten, wie es die Durchschnittsrussen zu ihren Wodkarunden genießen. Es werden Rezepte aus der gehobenen Hotellerie geschildert und schon einige Namen der Gerichte zeigen recht deutlich, in welche Richtung das geht. So dürfen wir die Zubereitung von „Limonenkaviar mit Heilbutt und Kokosnuss“, „Frischkäsetrüffel mit Kaschmir-Curry und Birne“ oder „Teenudeln mit Ananasrelish und Milchschaum“ erfahren. Wer seinen Gästen einmal etwas wirklich außergewöhnliches mit einem Hauch von Haute Cuisine zum Wodka gönnen will, wird an diesem Kapitel seine Freude haben, denn mit dem nötigen Kleingeld für die Zutaten lässt sich alles daheim nachkochen. Hier wurde extra ein Sternekoch als Gastautor angeheuert, der schon für die englische Queen Fingerfutter hergestellt hat. Auch die Cocktails stammen nicht von der Autorin, sondern dem persönlichen Backstage-Stammmixer von Robbie Williams, der sonst in einem international bekannten Wiener Nobelhotel die Gäste verwöhnt. Nicht im Buch enthalten sind übrigens Rezepte zur heimischen Aromatisierung oder Likörherstellung in Haushaltsmengen. Nur einige traditionelle Rezepte für die industrielle Produktion (berechnet für schlappe 10.000 Liter Endprodukt; man nehme z.B. 15,5 kg Mandarinenschalen) gibt es.

Insgesamt ist Frau Grigorjewas „Wodka“ - trotz der geschilderten Mankos - ein Buch, das für jeden echten Wodkakenner und tiefer am Thema interessierte einen Kauf wert, wenn nicht sogar ein Muss ist. Auch wer etwas über die kulinarische Geschichte Russlands etwas erfahren möchte, ist mit diesem Werk perfekt bedient. Wer sanft und eher unterhaltsam in das Thema neu einsteigen will, wird mit einigen sehr ausführlichen und nicht einfach geschriebenen Kapiteln jedoch nicht glücklich werden. Schwächen hat das Buch weiter im aktuellen Marktüberblick, der unter Rücksichtnahme auf die Hausmarke der Autorin sehr kurz und etwas unvollständig ausfällt, ebenso wie der Blick auf die außerrussische Wodkatradition.

Daten zum Buch: Wera Grigorjewa: Wodka, Leopold-Stocker-Verlag Graz 2008; ISBN 978-3-7020-1204-5; 216 Seiten, zahlreiche, durchgehend farbige Abbildungen; im deutschen Buchhandel für 34,90 Euro

  Roland Bathon, russland.TV – Russland hören und sehen;  Roland Bathon ist selbst Autor des Buchs „Russischer Wodka“, mehr Infos unter www.russland-buecher.ru