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19-12-2008 Bücher
Euphorie in der Steppe
Selten genug ist es, dass ein Werk von russischen Filmemachern einmal seinen Weg in den deutschsprachigen DVD-Handel findet. Insbesondere abseits vom Mainstream-Geschmack bleibt meist verborgen, was im neuen russischen Film passiert. Umso schöner, dass mit der „goEast-Edition“ von absolutMedien nun ein Platz für solche Werke geschaffen wurde. Das erste aus Russland – auch andere osteuropäische Staaten sind vertreten – heißt „Euphoria“ vom Filmemacher Iwan Wyrypajew.



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Handlungsort ist durchgehend die russische Provinz, eine einsame Steppenlandschaft. Raue Sitten und ein ebensolcher Umgangston herrschen hier (wer bodenständiges Russisch kann, wird merken, dass diese Beschreibung wirklich nicht übertrieben ist). Die naive Vera und der impulsive Pascha entdecken ihre Gefühle füreinander. Doch keine romantische Liebesgeschichte vor herrlicher Naturkulisse folgt. Denn Vera ist verheiratet und hat ein Kind. Dieses wird von einem Hund angefallen, der Ehemann reagiert mit unnötiger Gewalt. Vera flüchtet mit ihrem Geliebten und beide erleben Momente unbeschwerten Glücks, bevor ein tragisches Schicksal seinen Lauf nimmt. Doch selbst in der Tragödie genießen Vera und Pascha ihre unbeschwerte Freiheit und taumeln, wie es der Covertext treffen beschreibt, „mit irrer Freude ins Verderben“.

Der eher kurze Film (71 min.) ist etwas für Freunde von anspruchsvollem Autorenkino und einschlägigen Filmfestivals. Diese werden den Streifen mit all seinem Tiefgang und seiner Ausdruckskraft genießen können, vor allem, sie sind des Russischen mächtig. Für alle anderen gibt es Untertitel (Deutsch/Englisch/Niederländisch), die aber die kräftige Sprache der Darstellung nicht zu 100 % herüber bringen können.

Entscheidend für den Filmgenuss ist aber der Geschmack des Betrachters mehr als seine Sprachkenntnis. Für das Massenpublikum ist „Euphoria“ nicht gemacht und wer mehr Mainstream-Filme liebt, wird keine Freude an ihm haben. Zu schwierig sind die von der Presse hochgelobten inneren Verwicklungen der Charaktere zu durchschauen (Neue Züricher Zeitung: „Ein Film, der wie kaum einer in letzter Zeit euphorisch stimmt“). Gegen derbe Szenen darf man ebenfalls nichts haben, denn wenn im Skript steht, dass der Familienvater gewalttätig wird, ist das nicht untertrieben: Er schneidet dem Kind den vom Hund verletzten Finger mit einer Schere ab. Auch der gezeigte durchgängige Alkoholkonsum aller Protagonisten könnte manches Vorurteil des westlichen Publikums verfestigen.

Dementsprechend ist die Alterfreigabe ab 16 Jahren gerechtfertigt. Die zu Grunde liegende DVD-Reihe ist übrigens aus dem gleichnamigen „goEast-Filmfestival“ entstanden, das jährlich in Wiesbaden stattfindet. Erfreulich ist, dass mit Festival und Reihe endlich ein Anfang gemacht ist, die wenig beachteten neuen russischen Filme auch nach Mitteleuropa zu bringen. Es bleibt zu hoffen, dass die Filmschaffenden aus dem Osten auch in anderen Bereichen beim deutschen Publikum Zuschauer finden. Denn Russland ist mehr als ein Stoff für Dokumentationen und finstere Bösewichter.

  Irina Bathon – russland.TV – Russland hören und sehen; weitere Infos zum Film: www.absolutmedien.de - weitere DVD mit Filmen aus und über Russland: www.dvd.nachrussland.de