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04-08-2003 Bücher
Geschichte der russischen Literatur
Von 1700 bis zur Gegenwart
von Lauer, Reinhard (Deutschland)

Die russische Literatur in ihrer geschichtlichen Entwicklung, die Herausbildung der literarischen Stilformationen und Gattungen in ihrer chronologischen Abfolge, die Entfaltung der schöpferischen Persönlichkeiten unter wechselnden Bedingungen darzustellen, bedeutet ein ebenso schwieriges wie reizvolles Unterfangen. Es kann nur gelingen, wenn die literarischen Texte, über ihre Verquickung mit ideen- und kulturgeschichtlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen hinaus, stets in ihrer spezifischen ästhetischen Seinsweise begriffen werden.


Als Werke der Wortkunst modellieren sie Momente der Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln, doch selbst da, wo sie versuchen, in die Realität hineinzuwirken, liegt ihr Wert nicht im pragmatischen Nutzen, den sie stiften, sondern in ihrer ästhetischen Wirkung, wie gerade die russische Literatur immer wieder zeigt. Wie die Werke gemacht sind, wie durch künstlerische Struktur Sinnpotenzen aufgebaut werden, wie Bedeutung aus fremden Texten – qua Intertext – gewonnen wird, das muß den Literaturhistoriker vorrangig interessieren. Da Literatur aber immer auch ausgedrückte Weltanschauung im engeren oder weiteren Sinn ist, kann er nicht darauf verzichten, die Komponenten, die sie aus ideologischen Entwürfen, Philosophie oder Theologie aufnimmt, zu verzeichnen. Ebenso wichtig ist ihm der Aufweis der typologischen und genetischen Literaturverbindungen in jeder Epoche. Dabei kann es nicht um die einfältige Feststellung sogenannter »Einflüsse« gehen, sondern um den literarisch-kulturellen Dialog zwischen den Völkern.

Der gegenwärtige Augenblick scheint dem Unterfangen insofern gewogen, als sich die russische Literatur mit dem zu Ende gegangenen 20. Jahrhundert erstmals in ihrer Vollständigkeit zeigt, ohne die bedauerlichen Ausgrenzungen und Unterschlagungen der sowjetischen wie der Zarenzeit. Fern aller dogmatischen Verwerfungen kann und muß das Bild der russischen Literatur neu gezeichnet werden. Die Neubewertung vieler Autoren und Werke, Strömungen und Gattungen, die Herausbildung eines neuen Kanons wird zur dringenden Erfordernis. …..
Bovenden, im Oktober 1999
R. Lauer
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