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29-10-2009 Bücher
Geschichtchen rund ums Wässerchen
Eine wahrhaft „pure“ Homage an den russischen Wodka ist das Buch „Sto Gramm“, das aktuell auf dem deutschsprachigen Markt erschienen ist. Der Moskauer Historiker Iwan Wodkin bietet in ihm zahlreiche Inhalte, die man in der bisher hierzulande erschienen Literatur rund um die russische Tranditionsspirituose vergeblich suchte.



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„Pur“ ist diese Huldigung an den Wodka, weil so viel sonst übliches Beiwerk schlicht und ergreifend fehlt. Wodkin bietet keine ausführlichen Informationen zu Herstellern, keine umfassenden volkswirtschaftlichen Analysen und keine hippen Rezepte für Cocktails, die momentan up-to-date sind. In diesem zutiefst russisch-traditionellen Wodkabuch wäre derlei auch falsch aufgehoben. Auch einen thematisch gegliederten Aufbau kennt das Werk nicht. Im Prinzip besteht die Handlung aus vielen Geschichten und Fakten rund um den Wodka in Russland, die in die Schilderung eines typischen Wodkaabends vom Autor und seinen „Kumpels“ Borja und Kolja bunt durchmischt eingestreut werden. In der Tat sind solche Erzählungen häufig Gesprächsthemen gehobener Wodkarunden und so erscheint der rote Faden ganz natürlich.

Was steckt dann eigentlich in diesem Werk? Es enthält einen riesigen Schatz von bekannten und unbekannten Wodkageschichten, der vom Umfang alles übersteigt, was in anderen Werken enthalten ist. Es handelt sich um Anekdoten von historischen Persönlichkeiten wie Tschechow, Tolstoi, Chruschtschow oder Stalin, Wodkabräuche aus der russischen Tradition (wie das „Strafglas“ für zu spät gekommene), Aromatisierungsrezepte für guten Geschmack, gutes Aussehen (Wodka-“Kosmetika“) und eine gute Gesundheit (Heilaufgüsse). Es geht um die aussichtslosen Kämpfe russischer Politiker gegen die Trunksucht, wie dem des „Mineralsekretärs“ Gorbatschow, Herstellungsmethoden, Trinksprüche, Sakusky (was zum Wodka essen?) und Erlebnisse von Bekannten des Autors. Die dunklen Seiten der russischen Wodkakultur werden dabei nicht ausgeblendet, sondern sind fatalistischer Bestandteil ebenso des Wodkaabends von Borja, Kolja und Wanja, wie auch vieler Geschichten.

Hier liegt die große Stärke von „Sto Gramm“. Offenbar über Jahrzehnte hat der Autor in Russland Wissenswertes und Interessantes über die Rolle des Wodkas zusammen getragen. Auf den knapp 200 Seiten kann er hier mehr aufweisen, als mancher großformatiger Wälzer. Cocktailrezepte fehlen übrigens nicht ganz, nur wird man die vorhandenen kaum auf einer aktuellen Getränkekarte finden. Es handelt sich hier um originale Mischungen aus den Mangeljahren der Sowjetzeit, die Zutaten wie das Rasierwasser „Fichtennadel“ und Antifußschweißpuder enthalten. Und das sind noch zwei vergleichsweise harmlose Zutaten.

Wie dieses Beispiel zeigt, geht es im Werk von Wodkin pur und direkt zur Sache. Wodkarealität in Russland wird spürbar mit ihrer monumentalen Tradition, ihrer heimeligen Gemütlichkeit ebenso wie mit der Gnadenlosigkeit des Alkohols. Auch dem Samogon, dem Selbstgebrannten aus eigener Herstellung sind einige der nur ein bis drei Seiten langen Kapitel „gewidmet“ - natürlich inklusive Rezepten und Herstellungstips.

Wodkin ist in seinem Buch weder neutral noch legt er viel Wert auf ein fundierte Argumentation. Es gibt Geschichten, die ihm gefallen, es gibt Meinungen, die er teilt und in seinem Buch vertritt – andere lehnt er ab. So bestreitet er schlicht und ergreifend den Status des Smirnoff-Wodkas als Zarengetränk vor dem Ersten Weltkrieg - eine Geschichte, die in allen Standardwerken und der Smirnoff-Werbung gebetsmühlenartig wiederholt wird. Woher er sein Erkenntnis hat, dass der Smirnoff-Wodka zu dieser Epoche eher durchschnittlich war und der angebliche Zarentrunk schon damals nur ein Werbegag geschäftstüchtiger Brenner, bleibt er dem Leser schuldig. „Glaubt´s oder glaubt´s nicht“ scheint er zu sagen und als Beleg ausschließlich auf sein zugegebenermaßen großes Wissen zu verweisen.

So tragisch wie Teile der Wodkageschichte Russland ist auch die Entstehungsgeschichte des Buchs. Kurz vor der Fertigstellung verstarb der Autor – offenbar mitten in der Endbearbeitung des Werks. Er schrieb es auf seiner schlecht geheizten Datscha und in einer eisigen Nacht im Februar 2009 ist er dort in Gesellschaft einer am Ende leeren Flasche „Moskovskaya“ erfroren. Tragisch ist hierbei zusätzlich, dass an einer Stelle des Plots treffend erwähnt wird, dass der Wodka den Effekt der inneren Erwärmung nur vorgaukelt, während der Körper der Grausamkeit der Kälte weiter ausgesetzt ist. Die Nachwelt verdankt die Veröffentlichung der geistesgegenwärtigen Nichte des Verstorbenen, die es neben dem Toten fand und der Übersetzerin zur fertigen Bearbeitung zuleitete.

Dass diese für das außergewöhnliche Buch gleich einen Vertrag fand, ist nicht verwunderlich. „Sto Gramm“ (der Name kommt von der ursprünglichen Füllmenge eines Wodkaglases) ist wie ein Stück russisches Urgestein. Es genügt mit Sicherheit nicht wissenschaftlichen Ansprüchen, aber ist ein fesselnder Lesestoff, bei dem die Wodkatradition Russlands lebendig wird.

Daten zum Buch: Iwan Wodkin: Sto Gramm – das Wodka Buch; ISBN 978-3359022404; Eulenspiegel-Verlag Berlin 2009
Roland Bathon, russland.TV; Roland Bathon ist selbst Autor des Buchs „Russischer Wodka“, mehr Infos unter www.buecher.nachrussland.de