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29-05-2010 Bücher
Die Kunst der Interpretation: die neue „Anna Karenina“ auf Lesereise
[ Von Julia Schatte ] Im November dieses Jahres nähert sich Lew Tolstojs Todestag zum 100.Mal. Aus diesem Anlass erschien sein Roman „Anna Karenina“ in einer neuen Übersetzung im Carl Hanser Verlag. Bereits im Herbst 2009 wurde er auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Auf der Leipziger Buchmesse im März 2010 war die Übersetzerin Rosemarie Tietze für den Preis in der Kategorie Übersetzung nominiert.



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Während einer Lesereise durch zahlreiche deutsche Städte, die sie in den letzten Monaten sie zusammen mit dem Ururenkel des Schriftstellers Wladimir Tolstoj unternahm, präsentierte sie den großen Roman in neuer Lebendigkeit .

Bei jeder einzelnen Lesung werde ein anderes Thema ausgesucht, kündigten Rosemarie Tietze und Wladimir Tolstoj vor der Lesung an. Vorher sei es schon einmal um die Landwirtschaft oder das Motiv der Jagd in Tolstojs Roman gegangen. Das Leipziger Publikum habe jedoch besonderes Glück, denn diesmal ginge es um die Verliebtheit, die Leidenschaft und die Schwierigkeit des Bekenntnisses zu beidem, um die Sorgfalt der richtigen Worte.

So lasen Wladimir Tolstoj die russischen Originalpassagen und Rosemarie Tietze ihre neu übersetzte Version der intimen Gespräche zwischen Lewin und Kitty. Es folgte der erwartungsvolle Dialog zwischen Warja und Koznyschev, in dem sie während eines Spaziergangs im Wald aus Unsicherheit und Hilflosigkeit angestrengt über Pilze sinnieren, während ihre Gedanken um eine mögliche gemeinsame Zukunft kreisen.

Neben einem neu erwachten Interesse für russische Klassik rücken die Lesungen in Köln, München, Stuttgart, Berlin, Leipzig und anderen Städten die Lebendigkeit einer neuen Übersetzung als „Kunst der Nachahmung und Kunst der Interpretation“ in den Vordergrund.

Die vielen lobenden und einige begeisterte Reaktionen der Rezensenten in der deutschsprachigen Presse beschrieben Tietzes Übersetzung als plastisch, herzhaft und sinnlich, genau, farbig und überzeugend, elegant und vielfältig. Als grandios und als Glücksfall wird die neue „Anna Karenina“ gepriesen, als ungeglättet und mit viel Spielraum, gleichwohl als eine philologisch akribische Arbeit.

Lev Tolstojs Sprache kommt hier ins Spiel. Schön sei sie ja nicht, hätten russische Leser zu Rosemarie Tietze gesagt. Auch Tolstojs Sinn für Humor wurde angezweifelt, während ihn die Übersetzerin selbst oft als heiter, stellenweise sogar als albern empfindet und auf zahlreiche kleine satirische Bemerkungen im Text verweist. Neben den umgangssprachlichen Formulierungen in der lockeren mündlichen Rede hat sich Tietze um die Besonderheiten der Syntax Tolstojs bemüht, die von Wiederholungen lebt. Bei früheren Übersetzungen habe man diese oft gemieden, sie seien aber sehr charakteristisch für den Stil, sowohl bei einzelnen Worten als auch im Satzbau. Erst durch die Aufdringlichkeit dieser Wiederholungen entstehe der Sog, eine fesselnde Dynamik seiner Erzählweise.

Rosemarie Tietze selbst erzählt von der Verantwortung, die sie für ihre zweijährige Arbeit an Lev Tolstojs Meisterepos verspürte und der Anschauung, die sie für das Übertragen brauche. Was macht eine literarische Übersetzung aus? Man könne nicht einfach nur Wörter übersetzen, man müsse etwas vor sich sehen, um es zu beschreiben.

Dazu hat sich die Übersetzerin nicht nur mit der Zeitgeschichte inklusive aller wichtigen Dinge des Alltags wie der Mode, den üblichen Speisen und Getränken, den persönlichen Gegenständen der Menschen jener Zeit befasst. Sie forschte in Enzyklopädien, Wörterbüchern, aber auch bei Theodor Fontane und Gerhart Hauptmann nach den passenden Worten der Epoche, so dass sie letztendlich nicht modernisiert, sondern eher die Bandbreite historischer Begrifflichkeiten erweitert hat.

Zur Inspiration reiste sie zu den Originalschauplätzen nach Jasnaja Poljana, um die Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Im Eisenbahnmuseum in St. Petersburg und versuchte sie, sich die Szene der ersten Begegnung zwischen Anna Karenina und dem Grafen Wronskij in einem Eisenbahnwaggon vorzustellen. Fündig nach dem richtigen Waggonmodell wurde sie dort jedoch nicht. Erst als sie die englische Ausgabe der Vorlesungen Wladimir Nabokows zu Tolstojs Roman studierte, fand sich darin die genaue gezeichnete Skizze eines solchen Wagens.

Nicht ohne Stolz meint die Übersetzerin, dass ihre Arbeit eine erfinderische und auch eine detektivische ist. Man komme dem Text sogar näher als ein Literaturwissenschaftler. Und das birgt die Möglichkeit überraschender Entdeckungen von Dingen und Details in der „Anna Karenina“, die den meisten anderen verborgen bleiben. [ Julia Schatte/russland.RU ]