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02-10-2010 Bücher
MOЯMO
Mein Moskau My Moscow Моя Москва von Esefeld, Jörg / Neroslavsky, Alexander (Fotos) und div. Textautoren (Deutschland)

[vorgestellt von: Hanns-Martin Wietek]
Aus meinem Tagebuch:
26. Dezember 1992. Ankunft in Moskau am Kiewer Bahnhof
Draußen ist es dunkel. Diese riesige „Stahl-Glas-Höhle" riecht, tönt und sieht auch noch aus wie ein Bahnhof; die westliche moderne Sterilität hat hier wahrlich noch nicht Einzug gehalten! Wenn ich schon im Prager Hauptbahnhof empfand, in einer fremden Welt zu sein, dies hier ist eine andere Welt!



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In der großen Bahnhofshalle ein betäubendes Chaos: Die Halle ist voller Menschen in dicker Winterkleidung; sie sitzen und stehen bei Unmengen von Gepäck, als ob sie ihre gesamte Habe eingepackt hätten, um auszuwandern; es ist schwer, durch diese Menschenmenge hindurch zu kommen. Es sind vor allem Südosteuropäer, vom Aussehen erinnern sie an Türken, auch sind viele Muslime darunter. Der Geräuschpegel entspricht der Menschenmenge. Die Luft ist zum Schneiden dick. .
Der Eindruck draußen vor dem Bahnhof ist ebenso betäubend chaotisch: Die Straßen sind verschneit und nicht geräumt; genau kann ich allerdings nicht erkennen, ob es eine Straße oder vielleicht ein großer Platz ist, denn es ist dunkel und es gibt keine „Straßenflutlichtanlagen" wie bei uns. Die einzige Beleuchtung ist die der Autos und das sind chaotisch viele, ein Gewirr von scheinbar ziellos umherfahrenden Autos und Lastwagen; die meisten fahren mit mehr oder weniger (meist weniger) funktionierendem Standlicht, ein großer Teil fährt ganz ohne Licht, normales Fahrlicht hat fast niemand eingeschaltet; ich komme mir vor, als ob Verdunkelung angesagt sei.
Verstärkt wird der orientierungslose Eindruck durch die mir fremden Wagentypen; es sind meist ältere Autos sowjetischer Marken, wie ich sie bisher nur auf Bildern oder manchmal im Fernsehen kurz gesehen habe. Mir wird irgendwie mulmig im Bauch, dieser Anblick macht mir fast ein wenig Angst und ich bin heilfroh, wenn ich aus diesem Chaos entkommen bin.
Wir laden mein Gepäck in ein wartendes Auto und umfahren das Chaos, das offensichtlich auf einen Unfall in der Mitte des Getümmels zurückzuführen ist.
Nach wenigen Minuten halten wir vor einem Superluxus-Fünfsternehotel westlicher Prägung; die livrierten Portiers reißen die Türen auf als ob Staatsbesuch käme, in der Halle ein Gewirr von Sprachen amerikanisch, englisch, deutsch, französisch, russisch, japanisch; von irgendwo in der riesigen Halle kommt leichte Kaffeehaus-Klaviermusik; überall stehen verstreut Sitzgruppen bequemster Art, an denen ganz offensichtlich Geschäftsleute in Besprechungen vertieft sind, andere sitzen nur und warten und lauschen; an einer Stelle ist eine runde Bar eingerichtet, an einer anderen Stelle sind mehrere Schalter einer Bank, wieder an einer anderen Stelle können Karten für Oper und Theater reserviert, Flüge gebucht, Wagen gemietet und Taxis bestellt werden; eine breite Treppe, wie sie fürstlicher in den Residenzen der Renaissance auch nicht zu finden ist, führt nach oben; in der Mitte ein kleiner Springbrunnen mit Wasserspielen; das gesamte sogenannte Ambiente ist nur vom Allerfeinsten; ich muss gestehen, eine solche moderne Pracht noch nie gesehen zu haben, und hätte so etwas vielleicht in New York, Tokio oder einer anderen westlichen Weltstadt erwartet, aber nicht hier.
Der Kontrast zwischen da draußen, dem Bahnhof und diesem Hotel erschlägt mich.


Der Moloch Moskau mit seinen geschätzten 16 Millionen Einwohnern war, ist und wird immer eine Sphäre der Gegensätze, ja, der Widersprüchlichkeiten sein. Das gilt für den Lauf der Zeiten und das gilt für den Augenblick. Wer immer Moskau erlebt hat, wird von diesem monströsen Gebilde rettungslos fasziniert sein, oder es abgrundtief hassen – etwas dazwischen lässt dieser alle Sinne mitreißender Organismus nicht zu: Extreme Armut lebt neben krassem Reichtum. altehrwürdige Geschichte steht neben gleißender Moderne, utopisch anmutende Projekte wie fünfstöckige Verkehrs- und Versorgungswege (Projekt Straßenhaus) werden in Angriff genommen, während Hinterhöfe verfallen, Schnelllebigkeit, ja, Hektik steht neben die Zeit vergessendem Feiern – die Vergleiche ließen sich beliebig fortführen.
Das alles wird in dem Text-/Bildband MOЯMO lebendig.
Hanns-Martin Wietek

Inhalt:
MOЯMO –
gesprochen:MojaMo, zu Deutsch: Mein Moskau – ist die Fortführung der 2008 begonnenen Reihe der »Stadtlesebücher« über internationale Metropolen. Im Mittelbuch des Buches stehen 44 Fotos des Stuttgarter Architekten und Stadtplaners Jörg Esefeld, aufgenommen in den Jahren 1987 und 1988, und 53 Fotos des Moskauer Fotografen und Grafikers Sascha Neroslavsky aus den Jahren 2003 bis 2009. Während Jörg Esefeld Szenen des sowjetischen Alltags in der Umbruchphase von Glasnost und Perestroika fotografiert und architektonische Solitäre im urbanen Gewebe der bröckelnden sozialistischen Metropole dokumentiert hat, steht bei Sascha Neroslavsky die Erosion architektonischer Maßstäbe im Vordergrund. Auf seinen Fotos haben die großflächigen Botschaften des neuen Konsums die sozialistischen Aufrufe verdrängt.
Sehr unterschiedliche Autorinnen und Autoren – Schriftsteller, Künstler, Musiker, Architekten, Journalisten, Politiker, Fotografen – haben sich von den Fotos inspirieren lassen und über ihre Gefühle, Beobachtungen und Erlebnisse im Moskau der sowjetischen Epoche sowie des neuen Russlands geschrieben. Dabei sind 59 architekturgeschichtliche, feuilletonistische und experimentelle Texte, aber auch Geschichten aus dem Moskauer Alltag entstanden, in deren Verschiedenartigkeit das Leben und das Überleben in der Stadt und der historische Wandel sichtbar und fühlbar werden.

Die Autoren:
Bernd Ax, Hannah Beitzer, Hans Peter Böffgen, Kai Ehlers, Axel Eichholz, Reinhard Eisener, Hinrich Enderlein, Jörg Esefeld (Fotografie und Herausgeber), Kristina Felde, Frank Göbler, Rainer Goldt, Rainer Graefe, Ronals Grätz, Nadejda Grigoriewa, Milan Gudak, Regine Haug, Roland Haug, Jürgen Hennike, Julia Janzen, Wiktor Jerofejew, Wladimir Kaminer, Wolfgang Kil, Jakob Knapp, Peter Knoch, Hermann Krause, Gabriele Krone-Schmalz, Katharina Kucher, Corinna Kuhr-Korolev, Vittorio Magnago Lampugnani, Ines Lasch, Ute Lehrer, Boris Lewantowitsch, Olga Martynova, Anja Massoth, Rolf Mayer, Frank Mirko Meurer, Alexander Michailowski, Sascha Neroslavsky (Fotografie), Günter H. Oettinger, Julia Ovrutschski, Ada Raev, Niko Rickert, Ellen Rutten, Andrej Schary, Dietrich W. Schmidt, Boris Schtschedrin, Matthias Schwarz, Werner Sobek, Thomas Urban, Alexandra von Nahmen, Johannes Voswinkel, Wera Wasiljewa, Wladimir Wedraschko, Veronika Wengert, Frank R. Werner, Hanns-Martin Wietek, Matthias W. Winzer, Anke Zalivako.

Bemerkungen:
Weitere Werke aus dieser Reihe:
Umkehrungen, Fotos Johannes Traub, Texte Stefanie Monhardt, ISBN 13 978-3-9809887-0-4
Bunkerbiotop, von Werner Lorke, ISBN 13 978-3-9809887-2-8
Laufspuren, Klaus Humpert, ISBN 13 978-3-9809887-1-1
Oases Settlements in Oman, Hrsg. Annette Gangler, ISBN 13 978-3-9809887-3-5
MYNY, New York 1984 – 2001, Fotos Werner Lorke, Texte verschiedene Autoren, ISBN 13 978-3-9809887-4-2

Leseprobe:
Rolf Mayer, einer der Autoren, schreibt in seinem Prolog:
Ich war noch nie in Moskau.
Die Texte und Photographien in diesem Buch haben vor meinen Augen ein Bild der Stadt entstehen lassen. Eigentlich zwei Bilder: Moskau vorher und Moskau nachher. Oder auch: Moskau ohne make up und Moskau mit make up.
Die „unrasierten" Bilder aus den 80er Jahren mit Falten, Pickeln und fettigen Haaren zeigen das natürlich gealterte Gesicht einer ehemaligen Schönheit. Schwarz-weiß, realistisch, analog. Mit Tiefe und lebendiger Unscharfe.
Die Aufnahmen der „gelifteten" Stadt aus den letzten fünf Jahren zeigen geglättete Gesichtszüge, aufgespritzte Lippen, Schminke und Oberfläche pur. Farbig, scharf, digital. Realistisch auf eine ganz andere Art.
Die einen: berührend auf den zweiten Blick. Die anderen: perfekt auf den ersten Blick. So machen nicht nur die Textbeiträge in diesem Buch auf eindringliche Weise lebendig, wie sich Moskau und das Leben in dieser Stadt durch gesellschaftliche Brüche verwandelt haben. Der Band ist auch eine kleine Lektion über die technische und ästhetische Entwicklung der Photographie. Wir sehen in einem Mosaik von Ausschnitten, wie radikal sich die Welt und das Bild, das wir uns von ihr machen, geändert haben. In nur zwei Jahrzehnten. Vielleicht war ich ja doch schon mal in Moskau. Vielleicht sogar zweimal.


Genre: Sachbuch (Zeitgeschehen)
Stichwörter: Moskau, Russland, Geschichte, Architektur
Verlag: edition esefeld & traub
ISBN: 978-3-9809887-5-9
Format: gebunden, Text/Bildband, 224 S. mit 46 S/W- und 53 Farbabb., deutsch, englisch, russisch
Erscheinungsjahr: 2010
Preis: € (D) 53,00 / sFr 85,00

[ Hanns-Martin Wietek / russland.RU ]
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