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05-01-2011 Bücher
Ferne Gestade des Lebens
von Beksultanow, Musa <übersetzt von: Herold, Marianne und Bazgiew, Ruslan> (Tschetschenien)

Buchbesprechung

Besultanows literarisch perfekte Erzählungen sind einerseits sehr zeitbezogen mit einer modernen Sprache und einem der jeweiligen Handlung hervorragend angepassten Stil, andererseits verwebt er Träume, Gedanken und Erinnerungen mit der Realität. Auf diese Weise entsteht ein Bild vom Leben der Tschetschenen, das deren Mentalität – ja man möchte fast sagen Psychogramm – eindringlich und ergreifend vermittelt.



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Ohne Klagen oder gar Schuldzuweisungen schildert er das, was für die Tschetschenen Alltag ist, und macht ihre Tradition begreiflich, eine Tradition, die mit den politischen Gegebenheiten heftig kollidiert. Aber bei allem Leid und bei allem Nichtbegreifen des „Warum“ leuchtet doch immer wieder ein Strahl menschlichen Glückes auf.
Nach dem Lesen dieser literarisch hervorragenden Erzählsammlung kann man die Menschen dieses geschundenen Landes ein wenig besser verstehen – und ist aber dennoch und um so mehr ratlos, wie dieser gordische Knoten gelöst werden könnte.
Hanns-Martin Wietek

Inhalt:
Fünfzehn Erzählungen und Novellen über das Leben in Tschetschenien in alten Zeiten und im Heute. Ererbtes Haus / Es war doch kein Scherz / Große grüne Wassermelonen / Abschied / Das Lamm / Wer klopft nachts an deine Türe? / Erinnerung / Der Stock / Straßen der Stadt / Schwarzes Auge / Nicht entkommen... / Sag, du hast Hassan gekannt / Die Stadt war wie zuvor / Es ist doch nicht wahr! / Ferne Gestade des Lebens.

Der Autor:
Musa Elmursajewitsch Beksultanow
wurde am 1.7.1954 in Kasachstan, in der nördlichen Provinz Qostanai, geboren. 1972 schloss er die Mittelschule ab und nahm im selben Jahr an der philologischen Fakultät der staatlichen Tschetscheno-Inguschischen Universität sein Studium auf. 1977 Studienabschluss in den Fächern Philologie, Tschetschenische Sprache und Literatur, Russische Sprache und Literatur. Von 1987 bis 2007 arbeitete er als stellvertretender Chefredaktor des Jugendmagazins Stela’ad (Regenbogen). Seit 2007 ist er Chefredaktor dieses Journals.
Beksultanow erhielt mehrere Auszeichnungen und Literaturpreise, u.a. 2005 den Preis Serebrjannaja Sowa (Silberne Eule) und den Preis der literarischen Zeitschrift Wajnach und 2009 die Verdienstmedaille der tschetschenischen Republik.
Er ist Mitglied des internationalen PEN-Clubs.
Seine Werke wurden ins Russische, Balkarische, Französische, Englische und Deutsche übersetzt. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Veröffentlichungen des Autors, gelistet in der Deutschen Nationalbibliothek

Leseprobe:
Auszug aus »Schwarzes Auge«
Reset hatte Asim das erste Mal an einer Hochzeit im Dorf Alchasur gesehen. Die Braut ihres Bruders wurde vor der Hochzeit dorthin gebracht, ins Haus von Baschlak, Wahas Sohn. Sie war als Freundin und Begleiterin der Braut mitgefahren. Asim kam, als das Fest in vollem Gang war, und begrüßte alle. Groß gewachsen, schlank, mit schwarzen, glühenden Augen. Zu seinen Ehren erhob sich Alt und Jung. Als er Reset bemerkte, zwinkerte er ihr zu und lachte. Seine starken weißen Zähne wurden sichtbar. Man hätte meinen können, er, Asim, kenne sie schon lange.
Reset war die einzige Schwester von elf Brüdern. Wohl deshalb war sie ein sehr stolzes Mädchen. Die besten Burschen aus den Dörfern warben um sie. Sie kamen aus Dischni, Schatoj, Warandi, Terij, Galgaj. Ja, Reset hatte zahlreiche Freier. Doch ihr Herz gehörte noch keinem.
Am folgenden Tag rief Asim sie zum Brunnen. Als sie kam, stand er ruhig da, die linke Hand lag am Gürtel, die rechte spielte mit der Peitsche. Gürtel und Dolch, silberbesetzt, glitzerten an seiner schlanken Gestalt.
Sie grüßte ihn. Er antwortete: „Gott schütze deine Ehre! Frei sei dein Kommen, du Gast aus weiter Ferne!"
Asim war anzusehen, dass er ein impulsiver Mensch war, wie eine Flamme. Seine glühenden Augen umschlangen sie wie Blitze von Kopf bis Fuß.
„Gäbe ich stets, wenn ich zu Gast bin, jedem beliebigen Anlass, mich zu umwerben, würde mein Vater nicht Hasa, Hasas Sohn, genannt. Nimm dies zur Kenntnis, Asim... Ich bin gekommen, um deine Würde in den Augen deiner Dorfgenossin, die du nach mir geschickt hast, nicht zu verletzen. Und übrigens wohne ich gleich neben dem kleinen Fluss, falls du das noch nicht weißt."
Ein leises, kaum hörbares Lachen Asims erklang. Er tätschelte den Kopf seines Pferdes und meinte: „Na, Schwarzes Auge, wir haben also die Richtige gefunden." Das Pferd kaute am Zügel, scharrte mehrmals und riss dabei ganze Grasbüschel aus. Asim bat sie in seinem Dorf nicht mehr zum Brunnen. Am Hochzeitstag, als die Braut ins Haus des Bräutigams geleitet wurde, gab es wieder ein großes Fest. Er kam wieder, wie letztes Mal, und begrüßte alle.
Groß gewachsen, schlank, mit schwarzen, glühenden Augen.
Zum ersten Mal empfand Reset Angst vor einem Mann.
Sie spürte, dass diese Augen für immer ihr Herz entflammt hatten und es von nun an für ihn in blauer Flamme glühte. Nach dem Fest trennten sich die Gäste. Er fuhr nicht weg, er übernachtete bei jemandem im Dorf. Am nächsten Morgen sandte er nach ihr – er rief sie erneut zum Brunnen. „Ich dachte, du habest nicht, weniger Brüder als ich, und einen Vater, der jugendlicher scheint als du. Doch offenbar bist du der einzige Sohn deiner Mutter. Verzeih, Asim, ich hatte nie die Absicht, den einzigen Sohn einer Mutter zu heiraten."
„Schwarzes Auge! Hörst du, was dieses Mädchen spricht? Wollen wir sie gegen ihren Willen entführen?"
„Nimm dich in Acht, junger Mann, dass der Tropfen, der meinen Krug zum Überlaufen bringt, dir nicht den Kopf kostet!", drohte Reset.
Asim lachte, die Zähne glänzten in ebenmäßig weißer Reihe. Mit einer leichten Handbewegung strich er über den Schnurrbart. Reset sprach absichtlich so hart und bestimmt mit ihm. Sie spürte, wie es sie jeden Tag stärker zu ihm hinzog. Das machte sie wütend. Sie wollte ihn demütigen, ihn sagen hören „Stürze mich nicht ins Verderben, Reset, heirate mich", und sich dann abwenden, wie sie sich schon von vielen abgewendet hatte. Wie konnte sie ihn heiraten? Sie, die die besten Burschen der Dörfer abgewiesen hatte! Was werden die Leute sagen, wenn sie erfahren, dass sie einen heiratet, der weder Vater noch Brüder hat?
Der Tag, an welchem er Reset entführte, war trüb. Es nieselte. Schwarzes Auge brachte sie nach Bouloj hinauf. Über Chorsa und Sorota erreichten sie Alchasur.
Am folgenden Tag hörte Reset Lärm im Hof. Sie erkannte die Stimmen ihrer Brüder. Ein Schauer durchfuhr ihren Körper. In der Brust wurde ihr eiskalt. Angeführt vom ältesten, Isnour, betraten drei ihrer elf Brüder das Haus.

erstellt am: 03.01.2011
Genre: Novelle
Stichwörter:Tschetschenien, Liebe, Verlust, Enttäuschung, Krieg
Verlag:kitab Verlag
ISBN:978-3-902585-58-5
Format:kartoniert, 190 S.
Erscheinungsjahr:2010
Preis:€ 16,00

[ Hanns-Martin Wietek / russland.RU ]
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