russland.RU berichtet in Wort und Bild aus Russland und über Russland. Ungebunden, unabhängig und überparteilich. Ohne Vorurteile und Stereotypen versucht russland.RU Hintergründe und Informationen zu liefern um Russland, die Russen und das Leben in Russland verständlicher zu machen. Da wo die großen Verlage und Medienanstalten aufhören fängt russland.RU an.



01-03-2011 Bücher
„Bist du echt ein Russe?“ – Literarisches aus der Wendezeit
von Engel, Christine [Hg.] (Russland)

Soziale und politische Wendezeiten sind für Schriftsteller immer schwierig; und das gilt besonders in Russland, wo es schon immer zum Selbstverständnis der Schriftsteller gehörte, das Gewissen der Herrschenden zu sein. Sie waren, aufgrund einer kaum vorhandenen politischen Opposition, diejenigen, die – mehr oder minder erfolgreich und häufig unter großen Schmerzen – Kritik an den Regierenden und den sozialen Umständen übten; sie wetzten sozusagen ihre Feder an ihrem Gegner.




Werbung


Nun hatte sich der alte Gegner plötzlich in Rauch aufgelöst, es gab nichts mehr „zum Wetzen“. Es verbreitete sich anfänglich eine große Orientierungslosigkeit. Neue Sujets – um bei der Metapher zu bleiben: neue Feinde – mussten gefunden werden. Das genau ist die literarische Wendezeit: Neue Stilmittel werden ausprobiert, auf ganz alte vielleicht zurückgegriffen, nach und nach werden die erregenden Themata erkannt, neue Vorbilder und neue Werte werden gefunden. Alles in allem also literarisch ein sehr spannende Zeit.
Aus dieser Wendezeit hat die Herausgeberin einige Autoren beispielhaft ausgewählt: Vier auch in Deutschland bekannte und drei bisher nur in Russland (gern) gelesene.
Aber nicht nur diese Umorientierung ist (für Literaturfreunde) spannend, auch die Erzählungen selbst begeistern.

Inhalt:

Petr Aleskovskij: Drüberstehen / Viktor Pelevin: Time-out oder Moskau am Abend / Andrej Levkin: Mediterraner Krieg / Aleksej Slapovskij: Er spricht, sie spricht... / Sergej Nosov: Hinter Glas / Evgenij Popov: Der verliebte Agronom, Glückliche Augen, Kulturausflug in den Kreml, Wechselwind / Michail Vellen: Ein tiefer Fall, Ich denke nicht an sie, Knopka, Fremde Sorgen


Die Herausgeberin:

Christine Engel ist Professorin am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck. Einer ihrer Schwerpunkte ist die zeitgenössische russische Literatur. Ihr zweiter Schwerpunkt ist der russische Film. Kulturwissenschaftliche Fragestellungen zu den Veränderungen, die in Russland derzeit vor sich gehen, sind ein weiteres Interessengebiet. Vor allem in der Arbeit mit den Studierenden widmet sie sich aber immer wieder auch literarischen Übersetzungen.

Leseprobe:

Michail Veller
Ein tiefer Fall

Das Mädchen war 17 Jahre alt und zum ersten Mal verliebt. Ringsum ist Frühling, alles regt sich, blüht und erwacht. Die weißen Nächte: hochgezogene Brückenflügel, romantische Träume und Liebesschwüre.
Aber er ist ein Schurke, wie so oft. Er betrügt sie, verlässt sie.
Der Zusammenprall himmlischer Gefühle mit der irdischen Realität ist im Allgemeinen schmerzhaft. Die Blüte abgerissen, die Flügel gestutzt, das Ideal entweiht. Wo ist nun das versprochene Glück: es lohnt nicht mehr zu leben.
Den Pfaden seiner großen, tragischen Liebe folgend beschließt dieses arme, junge Geschöpf unter das verdammte Leben einen Schlussstrich zu ziehen. Bedauerlicherweise eine alltägliche Geschichte. Doch die technischen Details stoßen in der Umsetzung immer auf Schwierigkeiten: Erschießen? - womit denn? Gift ist keines zur Hand. Die Pulsadern aufzuschneiden ist unangenehm und man könnte gerettet werden. Erhängen ist unästhetisch - ein abscheulicher Anblick.
Aber dann, allein zu Hause, zieht sie sich schön an, wie beim ersten Rendezvous, leert ein Glas Wein, hinterlässt einen Abschiedsbrief und - öffnet das Fenster...
Sie drückt sein Foto an ihre Brust und stürzt sich in die Tiefe.
Aus dem fünften Stock!
Unten war eine alte Frau auf dem Weg zur Bäckerei um Brot. Sie konnte nicht einmal mehr seufzen. Halswirbelbruch. Der Kopf schlüpfte buchstäblich zwischen die Rippen, wie bei einer Schildkröte. Brot wollte sie holen.
Mit dem Blick auf den Boden gerichtet hatte sie sich dahergemüht. Da diese Straßenseite schon unter Artilleriebeschuss die weniger gefährliche war, erwartete sie auch von oben kein Unglück. Eine Blockade-Veteranin.
Und das Mädchen purzelte von der alten Frau hinunter auf den Rasen. Und brach sich - nichts als das Schlüsselbein. Nicht einmal eine Gehirnerschütterung trug sie davon - ein junger, elastischer Organismus. Auf eigenen Beinen stieg sie in den Rettungswagen.
Es ist ein Naturgesetz: die einen verlieben sich, den Kopf dafür hinhalten müssen andere. Aber man muss doch schauen, wohin man fällt! Da wirft jemand eine Flasche aus dem Fenster und immer trifft es einen auf den Schädel; aber hier - sechzig Kilo im freien Fall; eine Waffe der Vergeltung. Die Romantiker...
Übersetzt von Veronika Prantner, Barbara Steiner und David Zipperle
Genre: Erzählungen
Verlag: kitab Verlag
ISBN: 3-902005-76-9
Format: kartoniert, 155 S.
Erscheinungsjahr: 2006
Preis: € 18,00

[ Hanns-Martin Wietek - russland.RU ]
Das hat mir gut gefallen… Flattr this