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15-08-2011 Bücher
Und Strugatzki zum Dritten
Im Rahmen einer sehr umfangreichen Werkauswahl der russischen Fantastik-Legenden Arkadi und Boris Strugatzki ist im Heyne-Verlag aktuell der dritte und abschließende Band erschienen. Er heißt recht schmucklos „Strugatzki 3“ und vereint fünf sehr außergewöhnliche und auch unterschiedliche Werke der Autorenbrüder.



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Gleich zu Beginn steht der Klassiker „Die Schnecke am Hang“, ein Roman aus den 60er Jahren um den sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Deutungsversuche rankten. Der Roman steckt voller Symbolik und ist keine leicht zu lesende Literatur. Die gesamte Handlung spielt auf einer von einem mystischen Wald bewachsenen Insel aus zwei Perspektiven. Zum einen bewegt sich ein gestrandeter Erdenbürger unter zurückgebliebenen, aber liebenswürdigen Eingeborenen und entdeckt dort, dass der verborgenen Herrscher der Insel eigentlich ein Volk von recht kaltblütigen Amazonen ist. Zum anderen gibt es die „Verwaltung“, von außen gekommene Kolonisten mit einem höheren technologischen Level, aber großer Desorganisation, die nicht bemerken, dass nicht sie es sind, die vor Ort die Fäden ziehen. So weit der einfach klingende Grundplot, doch die Symbolik lauert an allen Enden. Für welche irdische Gesellschaft steht die Verwaltung, wie ist die Amazonengesellschaft aus den Einheimischen entstanden? Viele Fragen bleiben offen und sind seit Jahrzehnten Gegenstand von Spekulationen ernsthafter Fantastik- und Literaturfans.

Es folgt im Band „Die zweite Invasion der Marsmenschen“, wobei der Titel eine Anspielung auf den berühmten Erstling zum Thema von H.G. Wells ist. Die Strugatzkis wären nicht die Strugatzkis, wenn sie aus dem eigentlich abgegriffenen Invasoren-Thema nicht ein gutes Stück Literatur machen würden. Handlungsschauplatz ist eine Kleinstadt weit weg vom Zentrum des Geschehens, wo der Hauptansatz ihrer Intension sich voll entfalten kann. Denn es gibt weder monsterartige noch liebevolle Marsianer. Nach einer recht fixen Machtübernahme unter Beibehaltung der meisten Strukturen beginnen sie, die Menschen zu korrumpieren und das vor allem auf dem Land erfolgreich. Die Farmer steigen durch neue Verdienstmöglichkeiten mit Import-Feldfrüchten zu einer verlässlichen Oberschicht auf, die den mühsamen Partisanen-Widerstand mancher Erdenbürger bald fanatischer bekämpft, als die Eindringlinge selbst. Diese können sich geschickt im Hintergrund halten und die erfolgreichen menschlichen Melkkühe ungestört nutzen. Die Gesellschaft und eigentlich sogar die Menschheit wandelt sich auf einem stillen, unheimlichen Weg von der „Krone der Schöpfung“ zu einem gut gehaltenen Nutzvieh und auf der Strecke bleibt neben dem Idealismus „nur“ die Menschlichkeit, was aber kaum jemanden stört, da für die große Mehrheit das Leben sich nur marginal ändert. Die Geschichte ist ungeheuer unterhaltsam geschrieben, aber insbesondere die Glaubwürdigkeit und Logik des intellektuell gebildeten, aber opportunistischen Hauptprotagonisten, regt zum Nachdenken an.

Nach diesem leicht zu lesenden zweiten Werk folgt wieder ein schwieriger Roman, „Die Last des Bösen“. Mehrere Manuskripte verweben sich geschickt zu einem für die Verhältnisse der Science-Fiction-Autoren erstaunlich mystischen Plot. Noch mehr wie bei der „Schnecke am Hang“ ist genaues Lesen erforderlich, um zwischen den parallel laufenden Handlungssträngen nicht die Übersicht zu verlieren. Aus dem Dunkel der Vergangenheit taucht ein zunächst harmlos erscheinender Versicherungsvertreter auf, der sich am Ende als wahrer Seelenhändler entpuppt, während mehrere Jahrzehnte in der Zukunft ein Direktor einer Lehrerausbildungsanstalt versucht, eine neue Jugendbewegung vor der Auslöschung durch bornierte Zeitgenossen zu retten. Wie all das zusammen hängt, wird dem Leser nur Stück für Stück enthüllt und am Ende baut sich ein Plot auf, der bis in das Palästina um Christi Geburt zurückreicht – wobei mancher Mystikautor von den historischen Verwicklungen und Symbolen gleich eine ganze Romanserie hätte füllen können. Nichts fehlt übrigens, von der Apokalypse bis zu unsterblichen Wanderern durch die Zeit.

Wohl zur Entspannung nach diesem anstrengendsten aller Strugatzki-Romane hat Heyne „Aus dem Leben des Nikita Woronzow“ an die nächste Stelle der Sammlung gestellt. Denn hier geht das Lesen wieder leicht von der Hand, wenn ein Staatsanwalt und ein Richter in der Sowjetunion der 70er Jahre Licht hinter einen geheimnisvollen Todesfall zu bringen versuchen. Auch hier gibt es scheinbare Mystik und Verwicklungen, doch die Auflösung des Ganzen entbehrt wie immer nicht einer gut durchdachten Logik und soll hier nicht verraten werden.

Spannend geht die Romansammlung mit dem Werk „Ein Teufel unter den Menschen“ zu Ende. Ein an sympathischer Zeitgenosse in der russischen Provinz entwickelt auf geheimnisvolle Art immer weiter fort schreitende dunkle Fähigkeiten, von der berührungsfreien Zufügung von Schmerz bis zum nicht nachweisbaren Ferntod. Ihm auf den Spuren ist ein mit ihm entfernt bekanntes Ärzteteam, doch es wird von den Ereignissen überholt und schließlich völlig überfahren. Denn die fortschreitende Gabe des Betroffenen und die umlaufenden Gerüchte in der Kleinstadt werden immer weniger kontrollierbar, bis beide vor Schreck gemeinsam mit dem Leser entdecken, dass trotz der guten Veranlagung ein Teufel in Menschengestalt unter ihnen entstanden ist. Überregionale Aufmerksamkeit und Lynchjustiz kommen dann auch zu spät und alles steigert sich zu einem spannenden Fiasko, das einen guten Schlusspunkt unter diese außerordentliche Romansammlung setzt.

Der dritte Band der Romansammlung ist wirklich ein Leckerbissen für Strugatzki-Kenner. Auch wer nur zur leichten Unterhaltung liest, wird bei drei der fünf enthaltenen Romane mit viel Spannung und Atmosphäre zufrieden gestellt, aber voll auf ihre Kosten kommen dieses Mal vor allem aufmerksame Leser. Nachdem in Band eins der Zukunftszyklus und in Band zwei die weitere Science-Fiction-Werke der Strugatzkis präsentiert wurden, sind nun die komplett aus dem Rahmen fallenden Werke ihrer vier Jahrzehnte Schaffenszeit Thema. Auch dieses mal gibt es übrigens am Ende wieder Original-Kommentierungen des überlebenden Bruders Boris Strugatzki zu allen enthaltenen Werken, die einen tiefen Blick hinter die Kulissen des schreibenden Brüderpaars werfen lassen und eine reichhaltige Sammlung mit Anmerkungen zu Zitaten und Hintergründen der fünf Strugatzki-Bücher. Ein Kauf, der sich lohnt für alle Fans klassischer Fantastik und guter Literatur.

Daten zum Buch: Arkadi und Boris Strugatzki: Strugatzki 3 – Werkausgabe Dritter Band, Heyne-Verlag München 2011, ISBN 978-3453526853

[Roland Bathon - russland.TV, Russland hören und sehen]
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