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12-09-2003 Bücher
Die nackte Pionierin
von Kononow, Michail <übersetzt von: Tretner, Andreas> (Rußland)

Alles schön und gut, aber hier geht es ums Prinzip. Gehört sich das oder gehört es sich nicht? Erstens ist sie minderjährig. Zweitens ist sie in der Truppe schon lange nicht mehr irgendwer, kein grüner Spund, kein Handlanger. Zweiter Kanonier ist sie, so steht es in ihrem Dienstbuch schwarz auf weiß.


Wohingegen zum Beispiel nirgends geschrieben steht, dass dem weiblichen Personal nicht auch sein Zehntelliter Wodka zusteht, was nur die kleinste Gefechtseinheit, die gesetzliche Tagesration ist. Pustekuchen. Gehört sich nicht! Aber von den Abstinenzlern der Kompanie zusätzlichen Wodka gegen Schokolade einheimsen, in erbeutete Feldflaschen mit eingraviertem Hakenkreuz füllen und jeden Samstagabend, den der liebe Gott dir schenkt, auf der Pritsche hinter dem Vorhang leerpicheln, wie der heilige Lukitsch es tut - das scheint sich zu gehören. Was, wenn es plötzlich Nachtalarm gibt? Für diese Mistkerle gilt anscheinend gar kein Gesetz. Nur dich, weil du noch nicht Komsomolzin bist, kann jeder, wie er lustig ist, Tag und Nacht rumkommandieren. Ha! Wäre Kommissar Tschaban nicht gewesen, sie hätte es euch Rammlern gezeigt, gleich einundvierzig. Hätte Rache geübt für alle Zeiten. Wozu hat sie denn ihr Pistölchen einstecken, das ihr auch nachts den Hintern wärmt, wenn nicht gerade einer von den Recken drauf besteht, ihr die Hosen auszuziehen. Einmal nur müsste sie sich den Lauf in den Mund stecken statt immer nur euren bitteren Spargel! Kräftig reinbeißen zu guter Letzt, damit euch ein Andenken bleibt fürs Leben - und dann puff und peng! Soll das Kriegsgericht darüber befinden, wem von euch sie als Erstem den Schniedel abschneiden für einer Jungfer Tod zu ewigem Gedenken. Alle haben sie über die Stränge geschlagen, alle miteinander, jeder hätte es verdient! Nur, irgendwer muss ja noch einen Funken Pflichtgefühl in sich spüren, nicht wahr. Erst recht, wenn es dein sehnlichster Traum ist, in den Komsomol aufgenommen zu werden. Die Bürgschaft hat der Komsomolsekretär noch persönlich unterschrieben, kurz bevor er ... Friede seiner Asche, der Kerl war in Ordnung. Und die Unterschrift kann keiner ausradieren - weil sie nämlich mit Kopierstift hingekliert ist! Den Stift hat Motte ihm höchstselber mit Spucke beschmiert, in der Rauchpause nach der ... fünften Nummer? Bis dahin hat er mit Motte schon Schwebebahn, Pendel und Auster gespielt, sie Schlitten fahren und am Lumpi lutschen lassen, sie hat tapfer durchgehalten und nicht gemuckst - und wo er seinen Kolben überall hinge steckt hat, dieser Kindskopf! Moralisch gesehen eine echte Strapaze. Da muss eine schon genau wissen, wofür sie kämpft, muss das große Ziel vor sich sehen und die Flamme des Komsomol im Herzen tragen. Aber sobald das Ziel klar ist, das Vertrauen der Genossen vorhanden, und die Vorgesetzten sind zufrieden, dann erfährt das Leben eines jeden Menschen seinen tiefen Sinn, das leuchtet auch dem letzten Jakuten ein. Und wenn nicht, dann machen wir ihm Beine! Wir, das Kollektiv, das ganze Sowjetland, Tod und Teufel! Hauptsache, du begreifst: Das Leben ist ein Kampf, Kampf an vorderster Front, Schulter an Schulter mit Pawel Kortschagin! Geht nicht, sagst du? Nieder mit dem Geht-nicht! So lehren uns Partei und Komsomol! Erkenne dich selbst: Der Hauptfeind sitzt in dir, es ist deine eigene Schwäche, deine Schlaffheit, Nachlässigkeit, politische Unreife, dein kleinbürgerlicher Opportunismus. Du selber bist dir dein ärgster Feind - vierundzwanzig Stunden am Tag. Also nimm gefälligst den Kampf mit dir auf, besiege dich, du komischer Mensch! Bis all deine spießigen Vorurteile mit der Wurzel ausgerottet sind: minderjährig, Bauch tut weh und so weiter. Mademoiselle Fifi fühlt sich gekränkt - ach Gottchen! Meinst du etwa, Kortschagin hätte es leichter gehabt? Im Gegenteil: schwerer, hundertmal, tausendmal schwerer, jede Wette! Vergleich doch mal: Wer ist er, und wer bist du. Und wie bescheiden er bei seinem ewigen Weltruhm doch war - einfach nicht zu beschreiben! Keinen Moment lang vergaß er: Es gibt ein Wörtchen, und das heißt »muss«. Was die anderen natürlich weidlich ausnutzen, die Einzelegoisten. Die wissen ja, fürs Kollektiv tust du alles. Und dann kommen sie scharwenzelt. Du wachst auf, greifst dir schlaftrunken an die Schlüpfer: Warte, ich zieh sie selber runter, keine Angst, wenn du dran bist, bist du dran - Kolja, oder wie heißt du noch mal, Sascha, rupf doch nicht so!, gemach, gemach!, man wird sich doch noch mal die Augen reiben dürfen, siehst du, jetzt ist es schon passiert, der Gummi ist wieder futsch, und das Ende auch noch ins Löchlein gerutscht, Mist, den krieg ich wieder nur mit der Nadel raus... Nein, manchmal fragt man sich: Muss ja was sonst wie Tolles und Wunderbares sein, was die alle dort suchen. Gut, man kennt das von jedem beliebigen Leningrader Hinterhof, dass die kleinen Jungs ihre Doktorspiele spielen: Spritzen in den nackten Po geben und so weiter - aber dafür sind es ja Kinder, nicht wahr? Das kann man noch verstehen. Kinder wollen einfach wissen, wie der Mensch gebaut ist, da sind sie so neugierig, wie es sich für einen künftigen Pionier und Komsomolzen gehört: Aus was für Schräubchen und Mütterchen und Schläuchen er nur besteht, unser lieber Sowjetmensch? Letztlich ist er ja auch eine Maschine, nicht wahr? Aber die Mechanik ist erste Sahne: Er kann laufen, kann reden wie ein Radio, mit verschiedenen Stimmen, und arbeiten kann er nicht schlechter als eine Werkzeugmaschine, besonders wenn er den Aktivistentitel führt.
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