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08-10-2003 Bücher
Der heilige Nachbar
von Slapovsky, Alexej <übersetzt von: Frank, Alfred> (Rußland)

Iwan Sacharowitsch Nichilow konnte den Anblick von Popen nicht ertragen, dabei hatte es in Polynsk lange Zeit gar keine gegeben; seit der einzigen noch nicht geschlossenen Kirche irgendwann und irgendwie die Geistlichen abhanden gekommen waren, stand sie ungenutzt.


Da sich aber nach der festen Überzeugung der Polynsker, gläubiger wie nichtgläubiger, in jedem ungenutzten Gebäude unausbleiblich die Mächte der Finsternis einnisten, war das auch in dieser Kirche geschehen, und als die Eparchialverwaltung einen jungen Priester samt einem erfahrenen Diakon herschickte und sie wieder öffnete, traute sich niemand von den alten Gemeindemitgliedern, das Gotteshaus zu betreten – kein Zureden der Seelenhirten half. Nachdem sie sich beraten hatten, richteten Pope und Diakon an ihre Eparchialverwaltung die flehentliche Bitte, ihnen den vom Kanon nicht vorgesehenen Ritus der vermeintlichen Austreibung vermeintlicher Teufel aus der Kirche zu gestatten. Die Würdenträger in der Verwaltung reagierten betroffen, und als sie die Fassung wiedergewonnen hatten, interpretierten sie das Ansinnen als Begünstigung des Aberglaubens und als ketzerische Pflichtvergessenheit, woraufhin die beiden abberufen und andere Geistliche nach Polynsk entsandt wurden. Diese bewiesen größere Klugheit: Ohne die Genehmigung ihrer Obrigkeit einzuholen, vollzogen sie heimlich, was ihre Vorgänger ins Auge gefasst hatten. Sie baten den früheren Kirchenältesten und die alten ehemaligen Chorsängerinnen in die Vorhalle, um sie zu Zeugen der von ihnen inszenierten Austreibung der Teufelsbrut zu machen. Im entsprechenden Moment ließ ein vom Diakon instruierter kleiner Junge einen riesigen schwarzen Kater aus dem Sack, der, von der kohlrabenschwarzen Unfreiheit einer ganzen Nacht und dem Geruch der Mäuse, die ungestraft vor seiner Nase hatten herumrascheln dürfen, reineweg irre, mit unmenschlichem Gekreisch durch die Kirche fegte und wie der Blitz zur Tür hinausschoss. Die alten Weiber erstarrten. Ehe sie zur Besinnung kommen konnten, verkündete der Priester, das Weihrauchfass schwenkend: »Es ist vollbracht! Es ist vollbracht! Der Herr erscheine, und seine Feinde mögen zerstreut werden! « »Gelobt sei der Name des Herrn jetzt und immerdar! «, sangen die alten Weiblein mit zittrigen Stimmen und traten in das Gotteshaus.
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