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22-12-2003 Bücher
Ingenieure der Seele
von Westerman, Frank <übersetzt von: Busse, Gerd und Kiefer, Verena> (Niederlande)

Einen "journalistischen Krimi" nannte die Gesellschaft für Niederländische Literatur diesen 2003 preisgekrönten Report. Und dem kann ich mich nur anschließen, es ist wahrlich kein trockenes Sachbuch.


Indem Westerman gerade auch den Ungereimtheiten – Differenzen zwischen Dichtung und Wahrheit – nachgeht und mit vielen Zeitzeugen oder deren Nachfahren spricht – besser sie „zu Wort kommen läßt“ – entsteht ein viel klareres und auch ergreifenderes Bild vom Leben der Schriftsteller unter Stalin bis hin zu Chruschtschow, als in allen Geschichtsbüchern. Auch bekommen Ereignisse und Verhaltensweisen heute auf diese Weise einen verständlichen Hintergrund.

Und nicht zuletzt ist es ein Bericht über eine der größten ökologischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts.

Ich habe das Buch wirklich gelesen wie einen Krimi!

Bemerkungen:
Editorische Nachbemerkung
Ais ich im vergangenen Jahr erzählte, daß ich an einem Buch über sowjetische Schriftsteller arbeite, erntete ich teilnahmsvolle Blicke. »Boy meets tractor« ist in den Niederlanden das gängige Prädikat für die sowjetische Literatur. Was kann sich schon hinter einem Titel wie »Wie der Stahl gehärtet wurde« verbergen?

In westlichen Nachschlagewerken findet man immer wieder dasselbe Urteil: Die einzige Literatur von dauerhaftem Wert aus der UdSSR sind die heimlichen Bücher. Bücher, die beschlagnahmt oder verboten wurden. Manuskripte, die als Kopien in den Westen geschmuggelt oder niemals veröffentlicht wurden. Dagegen sind die Werke mit einer Unbedenklichkeitserklärung des Sowjetzensors – bis auf einige Ausnahmen – hohl und pathetisch. Ohne Vorbehalt wird in der »Encyclopaedia Britannica« behauptet, daß die Sowjetliteratur mit der Veröffentlichung von Gorkis Buch »Belamor« bereits 1934 ihren »moralischen Nadir« erreicht habe.

In diesem Buch wollte ich keinerlei Bewertungskriterien heranziehen, die nachträglich angebracht worden sind. Ich habe mich von den Erwartungen und Sehnsüchten einer eigenständigen Generation von Sowjetschriftstellern mitreißen lassen.

Mehr noch als die eigenwilligen und unantastbaren Schriftsteller interessierten mich die Mitläufer in all ihren Schattierungen. Ich war neugierig auf die Bekehrten, die Abtrünnigen und die Zweifler. Vielleicht gerade deshalb, weil ihre Dilemmas und Schwächen so erkennbar sind.

Bei meinem Streifzug durch die Sowjetliteratur habe ich eine bestimmte Auswahl getroffen. Ich habe einen Horizont persönlicher Akzente abgesteckt: In Interessantes habe ich mich vertieft, unzählige Nebensächlichkeiten weggelassen.

Um die Lebensgeschichten von Schriftstellern, Wissenschaftlern und anderen Persönlichkeiten aus dem damaligen Blickwinkel zu veranschaulichen, habe ich oft zur Rekonstruktion gegriffen. Die Textstellen, die auf diese Weise entstanden sind, beruhen auf einer Vielzahl von literarischen Quellen, die in dem vorliegenden Buch nicht alle detailliert genannt werden.
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