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19-01-2004 Bücher
Die grosse Täuschung - Hitler, Stalin und das Unternehmen "Barbarossa"
von Gorodetsky, Gabriel <übersetzt von: Ettinger, Helmut> (Israel)

Nur wenige Ereignisse des 20. Jahrhunderts sind in ihrer Tragweite mit der Operation »Barbarossa« vergleichbar. Ihre Auswirkungen auf den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit waren enorm.


Wenn vom Ribbentrop- Molotow- Pakt und der deutschen Invasion in Russland die Rede ist, fallen einem jedoch eher anekdotische Begebenheiten ein: Der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Wjatscheslaw Molotow, stößt nach der deutschen Besetzung Polens im Jahr 1939 auf den Erfolg der Wehrmacht an; aus Anlass der Teilung Polens nehmen General Guderian und sein sowjetischer Partner in Brest-Litowsk eine gemeinsame Parade der Roten Armee und deutscher Panzereinheiten ab; zum Donner deutscher Kanonen rollt in der Nacht zum 22. Juni 1941 der letzte Zug mit sowjetischen Industriegütern in das von Deutschland besetzte Gebiet. Diese Vorgänge werden stets bemüht, wenn von der sogenannten Dolchstoß-Legende die Rede ist, nach welcher der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag als die offensichtlichste und unmittelbarste Ursache des Zweiten Weltkrieges gilt. Gewiss ist es eine Ironie der Geschichte, dass Deutschland und Russland kaum zwei Jahre später einen Krieg von nie gekannten Ausmaßen gegeneinander führten, der schließlich mit dem Triumph der Alliierten über Nazideutschland endete.

Ich fühlte mich veranlasst, dieses wohlbestellte Feld noch einmal zu beackern, als 1985 eine Artikelserie erschien, aus der später mehrere Bücher entstanden. Der Verfasser war der Überläufer der russischen Militäraufklärung (GRU) W. Resun, besser bekannt als »Suvorov«. Für ihn galt bei den Ereignissen vom Juni 1941 Sowjetrussland als der Aggressor und nicht etwa als das Opfer. Er stellte die absurde, unbewiesene Behauptung auf, Stalin habe in den Jahren 1939 bis 1941 einen revolutionären Krieg gegen Deutschland in allen Einzelheiten vorbereitet. Operation »Grosa« (Gewitter) sollte am 6. Juli 1941 beginnen, Hitler sei ihr mit seinem Einmarsch in Russland jedoch zuvorgekommen. Eine atemberaubende Vorstellung: Stalin wäre in seiner Außenpolitik wie Hitler nach einem Masterplan vorgegangen, dessen Ziel die Umwandlung des Zweiten Weltkrieges in einen revolutionären Krieg um die Weltherrschaft gewesen sei.

Mit Suvorov habe ich bereits die Klingen gekreuzt, als er seine Ideen zum ersten Mal präsentierte. Doch erst als sein Buch »Eisbrecher« in Russland begeisterte Aufnahme fand und russische Militärs, Diplomaten und Historiker sich schwer taten, ihn zu widerlegen, veröffentlichte ich in Moskau auf Russisch eine ausführliche Gegendarstellung unter dem Titel »Der Mythos vom Eisbrecher«. Als ehemaliger Fachmann für Desinformation in der GRU nutzte Suvorov die Tatsache, dass über die fragliche Zeit unzählige Mythen und Verschwörungstheorien im Umlauf sind, von denen die meisten gezielt in die Welt gesetzt wurden. Diese Erfindungen nahmen Historiker später unkritisch auf – nicht nur, weil es ihnen an soliden Informationen fehlte, sondern weil es auch zur politischen Polarisierung des Kalten Krieges passte. Die Popularität, die Suvorovs fadenscheinige, windige Theorien in Russland und vielerorts auch im Westen genießen, beweist nur, dass es die ältesten und abgegriffensten Verschwörungsgeschichten sind, die am längsten überleben. In seinen Büchern konstruiert Suvorov Mythen und vereinfacht eine komplizierte Situation, womit er die Suche nach der Wahrheit hartnäckig und vorsätzlich behindert.

Die Entwicklung einer Nation, besonders wenn sie sich revolutionärer Mittel bedient, wird stets von Legenden begleitet. Der staatlich betriebene Kult um den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion ließ eine Standardversion von der Geschichte dieses Krieges entstehen, die dann immer weiter ausgebaut wurde. Fünf Jahrzehnte lang war diese offizielle Darstellung das wichtigste Bindemittel für das kollektive Gedächtnis des sowjetischen Volkes. Sie verhüllte Stalins Verbrechen, indem sie seinen Anteil am Sieg glorifizierte. Chruschtschow und andere kommunistische Führer nutzten dies später, um sich die Unterstützung des Volkes zu sichern. Die Geschichte des Krieges geriet so zu einem merkwürdigen Gemisch aus Tatsachen, Fälschungen und vor allem Auslassungen. Aus leicht ersichtlichen Gründen litt darunter vor allem die Darstellung des Ribbentrop-Molotow-Paktes und der verheerenden Anfangsphase des Krieges. Dieser Schrein wurde von den sowjetischen Historikern so heilig gesprochen, dass man ihn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als letzten stürzte. Das allerdings erledigten Bilderstürmer, die in ihrem Übereifer, den Mythos zu Fall zu bringen, eine ähnlich entstellte und politisierte Geschichte des Krieges schrieben. Dabei wurden die weißen Flecken mit eigenen Erfindungen gefüllt, wofür Suvorov lediglich das krasseste Beispiel ist. ….
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